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Aufbruch
Autor: Nope · Rubrik:
Kurzgeschichten

Draussen zogen die Wolken vorbei, verschwanden aus der Reichweite seines Fensters und versammelten sich von neuem. Er mochte das. Einfach aus dem Fenster starren und seine Gedanken von dem Wind, den Wolken und der immer kleiner werdenden Erde davon tragen lassen. Einfach schweben, so leicht wie die Wolken. Klar, es ist einfach dieses Gefühl zu erlangen, wenn man mit 600 Stundenkilometern durch den Himmel rast. Aber trotzdem. Ein faszinierendes Gefühl. Offenbar war er aber eher ein Ausnahmefall, kaum sonst jemand schien sich wirklich dafür zu interessieren was ausserhalb des Flugzeugs geschah.
Naja, der Altrocker mit seinen zwei hässlichen Kindern war entschuldigt. Er hatte alle Hände voll zu tun den einen Jungen davon abzuhalten, dass dieser in den Sitz von dem Businessmann in der Reihe davor trat. Der andere Sohn hatte seit dem Abflug für nichts anderes Augen gehabt als für die Titten der Stewardessen und den kleinen Monitor in der Rückenlehne vor ihm. Da schien sich eine witzige Szene anzubahnen, denn der fette Mittefünfziger schien langsam zu erwägen sie Sache selber zu regeln und den Störenfried davon zu überzeugen, dass er keine Lust hatte sich für die nächsten zehn Stunden von einem quengelnden und jammernden Drecksbalg treten zu lassen.
Jann sah sich den Typen in Kravatte etwas genauer an. Auf seinem Kopf wucherte zwar eine natürliche Glatze, wie so viele Männer die nicht würdevoll älter werden konnten, versuchte aber auch dieser seine glänzende Platte mit den verbliebenen Haaren zu kaschieren. Jaja, traurig, traurig. Da müssen die Haare schon von ziemlich weit unten geholt werden. Sehr traurig, alter Mann.
War wohl kein Platz mehr in der Businessclass frei oder war der Typ einfach nur zu geizig? Irgendwie sah er nicht so aus wie einer, der sich so was nicht leisten könnte. Tja, wie auch immer. Verarscht, mann. Mit der armen Sau möchte wohl niemand in diesem Flugzeug Platz tauschen. Hm, eventuell der Vater. Einfach sagen können: „Der Tritt mich! Wie? Nein noch nie vorher gesehen!“
So hätte sich der Rockervater vor fünfzehn Jahren nicht gesehen: Im Schlepptau von einem hyperaktiven Arschlochkind und einem apathischen Pickelgesicht auf dem Weg in die anstrengendsten Ferien seines Lebens. Yak. So geht das mit den Träumen.
Leider beruhigte sich die Situation bereits nach der dritten Beschwerde von der Glatze gefolgt von einem kurzen und total halbherzigen Protest von dem Rocker. Dieser meinte, es gäbe keinen Grund deshalb seinen kleinen Jungen gleich so anzuschreien. Wirklich nicht sehr überzeugend, dieser Protest. Würde mich nicht verwundern wenn der Rocker ihm noch unauffällig einen Zwanziger zuschieben würde. War wohl die Mutter noch irgendwo im Flugzeug.
In seinem Kopf notierte sich Jann aber still, die Sache trotz der schönen Wolken im Auge zu behalten. Spätestens in einer Stunde wird es dem Balg wieder langweilig. Er hatte Zeit. Viel Zeit zum Warten. Und da konnte noch so einiges passieren.
Stattdessen widmete er sich jetzt mal seiner Sitznachbarin. Seit das Flugzeug auf die Startpiste gerollt war, hatte diese ihre Augen nicht ein einziges Mal geöffnet. Nach gemütlichem Nickerchen sah es aber nicht wirklich aus: Die nikotingelben Finger gingen über in blutleere Knöchel, die wohl schon bald in der Armlehne wie Nägel in der Wand verschwinden werden, so wie sich die gute Frau darin verkrallte. Naja, Frau war wohl übertrieben. Jann schätzte sie auf achtundzwanzig, Ethnologiestudentin und Popleserin mit einem hang zu kitschigen Liebesfilmen. Er hätte gerne noch ihre Augen gesehen, denn der Rest gefiel ihm eigentlich noch ganz gut. Und sobald sie wieder etwas Farbe im Gesicht haben wird, würde sie auch nicht mehr aussehen wie eine Schneeleiche. Jetzt nicht negativ gemeint, die Frau war wirklich hübsch! Aber im Moment schien sie etwas fahl, so mit einer Gesichtsfarbe die praktisch keinen Kontrast zu den weissen Kopfhörern bildete.
Wahrscheinlich seinen Blick fühlend, öffnete sie plötzlich ihre Augen und schaute direkt in seine. Sie fühlte sich aber wohl nicht belästigt, denn sie schenkte ihm ein verkrampftes aber freundliches Lächeln und einen Blick, der alles darüber sagte wie sie sich im Moment fühlte. Dazu zog sie die Augenbrauen schon beinahe entschuldigend und irgendwie hilflos hoch. Er beantwortete ihren suchenden Blick mit einem, keine-Angst-ich-beschütze-dich-Baby-Blick. Wohl dankbar für die kleine Ablenkung zwinkerte sie ihm zu, löste ihren Klammergriff um die Armlehne und widmete sich dann einem Heftchen aus ihrer Tasche.
Jann warf noch einmal einen Blick auf die anderen Fluggäste. Die meisten schienen aber zu lesen oder zu schlafen. Nix interessantes. Ja nicht einmal bei dem Rocker und seinem kleinen Punk schien sich etwas zu tun. Also beschloss er wieder der unter ihm vorbeirasenden Erde und den schneeweissen Wolken seine Aufmerksamkeit zu schenken. Auf seinem iPod stellte er Pageant of the bizarre von Zero7 ein.

It´s never gonna be
Normal, you and me
What you´re signing on for
Is a storm at sea

So if you think you´re tough
Give me all your love
And I´ll give you every little piece of me

Catch a falling star you´ll go far
In the pageant of the bizarre
And tonight I give you my heart

Die perfekte Symbiose der gemütlich sanften Klänge und den langsam an ihm vorbeiziehenden weichen Wolkengebilde. Darüber der strahlend blaue Himmel mit einem Farbverlauf bis fast ins schwarze, wie man es nur hoch am Himmel sehen kann. Der atmosphärische Soundtrack zu einem gelebten Traum, einem innigen Wunsch nach einer Reise die endlich Wirklichkeit wird. Das perfekte Lied für einen Mann mit Liebeskummer, der Vergessen sucht in den vorbeiziehenden Wolken und der Distanz der Ferne, der Anonymität des Reisenden und der verrinnenden Zeit.

Irgendwann musste Jann wohl eingeschlafen sein, denn er erwachte erst wieder, als ihn seine aviophobische Sitznachbarin plötzlich unsanft am Handgelenk packte und dabei die Fingernägel tief in seine Haut krallte. Mit vor Schreck entsetzt aufgerissenen Augen starrte er sie an. Jetzt bekam er langsam Panik! Ihr Gesichtsausdruck liess ihn für einen Moment die Schmerzen vergessen: Mit zusammengepressten Lidern und beinahe verschluckten Lippen drückte sie sich mit aller Kraft in das Polster ihres Sitzes. Nun riss auch sie ihre Augen auf und starrte zuerst fassungslos auf die Hand auf meinem Arm und dann entsetzt in mein Gesicht. Er schmunzelte und sie liess seinen Arm los.
„Böser Traum?“
„Hmhm, ziemlich fies. Sorry für das.“
Er schenkte ihr den freundlichsten Blick und nahm ihre Hand in seine. Sie liess es geschehen und drückte dankbar und sanfter kurz zu. Sie lächelte zurück. Langsam liess sich Jann zurück in das Polster sinken und schloss die Augen. Als er noch einmal kurz zu ihr hinüberblickte sah er, dass sie das Selbe getan hatte und jetzt entspannter dasass. Auch dachte sie nicht daran ihre Hand wieder von seiner weg zu nehmen. Und er fand das schön. Sehr schön sogar.


Einstell-Datum: 2007-11-06

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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