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Ausgeträumt
Autor: Alex Schau · Rubrik:
Kurzgeschichten

Ich öffnete langsam die Augen und wurde sofort wieder in das Schreckensszenario zurückgerissen. Es war kein Traum gewesen. Direkt vor mir erhoben sich die verkohlten und immer noch qualmenden Überreste einer Mauer, welche früher einmal die Front meines Hauses dargestellt hatte. Blauer Himmel sickerte durch die gähnende Fensteröffnung und bildete einen krassen Kontrast zu den pechschwarzen Steinen der Wand. Sonnenlicht umriss scharf und gleißend die unregelmäßigen Ränder der Mauer und ließ das Blut leuchten; das Blut auf meinem Oberkörper ebenso wie die Lache einige Meter vor mir, die sich unter dem Körper eines meiner ehemaligen Mitmieter gebildet hatte. Er lag auf dem Rücken, die Arme weit von sich gestreckt. Ein Felsbrocken aus der Mauer musste ihm das linke Bein abgetrennt oder zumindest zertrümmert haben, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch sein Bein auf diese Weise bewegen kann. Es stand von dem reglosen Körper ab, war verdreht. Ich war fassunglos, einfach nur entsetzt. Ich kannte ihn nicht, hatte ihn nur einmal kurz gesehen; das machte es mir einfacher, diesen Anblick zu ertragen. Seine Kleidung war schwarz vor Ruß, es fehlten Stücke seines Hemdes und die Hose hing nur noch in Fetzen an seinem Bein. Auf diese Entfernung hin und aufgrund meiner halb aufgerichteten Lage konnte ich keine Einzelheiten erkennen, doch sein mir zugewandtes Gesicht - sein Kopf lag auf der Seite - flehte mich still und aus vor Schmerz und Angst weit aufgerissenen Augen heraus an. Doch was sollte ich machen. Insgeheim beglückwünschte ich ihn, denn für ihn war mit diesem Tod, so schmerzhaft und grauenvoll er auch gewesen sein mochte, das Schlimmste überstanden. Angesichts dieser schrecklichen Situation hätte es für ihn nicht besser kommen können...

Ein leises Wimmern zu meiner Linken zog mich aus meinen Gedanken. Eine Frau. Ich mühte mich umständlich auf die Beine und versucht, so gut es eben ging, vorwärts zu kommen. Ich fühlte einen stechenden Schmerz in meiner Schulter; ich wusste nicht, was es war, aber es tat auf jeden Fall höllisch weh. Ansonsten war ich aber wohl unverletzt, wie ich zu meinem Glück feststellte. Das Blut auf meinem Pullover kam von der Wunde in der Schulter; irgendetwas steckte dort fest. Ich tastete langsam und vorsichtig mit meiner Hand danach. Etwas Hartes, aus Stein. Ein Splitter oder etwas in der Art. Nicht allzu groß, vielleicht zwei Zentimeter. Ich biss die Zähne zusammen und riss das Ding mit einem schnellen Ruck aus meiner Haut. Ein beißender Schmerz durchzog meinen Körper und meine Schulter brannte, aber zumindest war dieser Stein draußen. Die Wunde begann von neuem zu bluten, mein Pullover konnte das Blut nicht aufhalten. Ich suchte in meiner Hosentasche nach Taschentüchern. Ich fand keine. In meiner Nähe lag in Trümmern mein ehemaliger Küchentisch, die blaue Tischdecke mit den Enten daneben. Ich riss einige Streifen aus der Decke und wickelte sie mir provisorisch um die Wunde. Den Stein wickelte ich mit ein; ich hatte irgendwann in der Schule mal gelernt, ein Druckverband könne eine Blutung stillen.

Das Wimmern kam mir wieder in den Sinn. Woher kam es? Ich schaute mich um; überall Schutt und Asche, zersplitterte Möbelstücke, verbrannte Reste des Mobiliars. Hinter den Überbleibseln eines Sofas kauerte eine Frau. Sie weinte unaufhörlich und hielt etwas in ihrem Arm; ich konnte allerdings nicht erkennen, was. Ich stolperte in ihre Richtung. Das Gehen klappte einigermaßen, ich fühlte mich nur etwas unsicher auf den Beinen. Ihr Haar war schmutzig und hing ihr strähnig in das wohl ziemlich hübsche Gesicht. Auf ihrer Stirn hatte sich eine Beule gebildet; nicht der Rede wert, eine kleine Prellung. Ihre Augen waren vom vielen Weinen angeschwollen und ganz rot. Sie sah mich kommen und hielt kurz inne, schaute mich aus ihren grünen Augen heraus an. 'Sie haben mir mein Kind genommen.' Sie schluchzte und brachte die Worte kaum hervor. Jetzt konnte ich auch das Kind in ihrem Arm erkennen; ein kleines Baby von vielleicht einigen Monaten. Völlig unverletzt, zumindest nach außen hin. Nur am Hals zeichnete sich etwas ab. Würgemale, wenn mich nicht alles täuschte. Die Frau musste das Kleine erwürgt haben, um es zu schützen. Wer weiß, was sich dabei in ihrem Kopf abgespielt haben mag. Wie groß muss die Angst und das Grauen sein, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind tötet, um es zu retten? Wie weit muss ein Mensch verängstigt werden, um dazu imstande zu sein? Sie hatte anscheinend nicht damit gerechnet, das Grauen zu überleben. Welch ein Opfer. Nur hatte sie dieses Opfer leider umsonst erbracht; nun hielt sie ihre tote Tochter eng an sich gedrückt als hoffe sie, das Kind werde wieder aufwachen, als schlafe es nur. Ich wollte der Frau helfen, wenn auch ich nicht wusste, wie. 'Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf.' Ich ging leicht in die hocke und streckte ihr meinen Arm entgegen. Sie starrte mich einen Moment lang fassungslos an. 'Sie haben mir mein Kind genommen.' Sie sprach zu mir, als werfe sie mir den Tod ihres Kindes vor. ''Kommen Sie, stehen Sie auf.' Sie schaute etwas misstrauisch, dann bewegte sie sich langsam und streckte die Hand aus. Doch sie wollte sich nicht helfen lassen. Ihr Blick fiel auf eine große Glasscherbe, die neben ihr auf dem Boden lag. Ehe ich überhaupt einen klaren Gedanken fassen und reagieren konnte, hatte sie die Scherbe schon in der Hand und schaute sie an wie einen lang verschollenen Liebhaber, der nun zu ihr zurückgekommen ist. Mit Tränen in den Augen schlitzte sie sich den Hals auf, mit einem kurzen Ruck. Sofort begann Blut aus der Wunde zu sickern und sie schaute mich mit einem Gesichtausdruck an, den ich nicht deuten konnte; war sie glücklich, oder erleichtert, frei zu sein? Ihr Kopf sackte nach vorn auf ihre Brust und die Scherbe fiel zu Boden. Sie atmete noch einmal, dann hörte ihr Herz auf zu schlagen und sie sackte endgültig nach vorn, blieb auf dem harten Boden liegen. Ich konnte nur hilflos zusehen und die Frau insgeheim ebenso beneiden wie meinen Mitmieter. Für war dieser Alptraum vorbei, sie hatte ausgeträumt …


Einstell-Datum: 2003-10-21

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 3.53.53.53.5 (2 Stimmen)

 

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