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Autor: Alexander Boehm · Rubrik:
Phantastik

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Die Internationalen olympischen Spiele 2076
in den vereinigten Staaten des Irak

Sid stand auf seiner Startposition.
In Gedanken ging er sein Training durch.
Einatmen, Anspannen, Ausatmen, Lockern, das Laufen nicht vergessen.
Ein Pfeil sein. Jeden Muskel zum Antrieb nutzen.
Tausendundein Mal war er hier gewesen, in seinen Träumen, in den guten wie in den weniger guten und ein gutes Dutzend Mal öfter hatte er sich dabei zugesehen, wie er die Strecke entlang preschte, mit ausholenden Schritten auf die Ziellinie zuschoss, nur um auf der Außenbahn von Johnson überholt zu werden, wieder und wieder.
Unruhe hatte ihn erfasst. Er trippelte auf der Stelle und stellte sich vor, wie er im Lauf sein würde. Verstohlen blickte er durch die Runde und versuchte seine Gegner abzuschätzen, ihre Stärken auszuloten, Schwächen zu finden.
In den Gesichtern der Läufer konnte man es sehen, in ihren Augen. Sie verrieten einem, ob sie an ihren Sieg glaubten oder nicht, ob sie Siegertypen waren oder geborene Verlierer.
Johnson blickte stur geradeaus und Sid ahnte, dass der Schwarze genau wie er selbst das Rennen schon unzählige Male in Gedanken durchgespielt hatte, denn er wirkte zielstrebig und selbstbewusst, als wüsste er etwas, was sonst niemand wusste.

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Er sah Merrick nachdenklich an und sagte: „Früher... in der Schule...“
„Was war da?“
„Na ja, da haben wir mal gesagt, dass sich alles wiederholt, zeitlich gesehen. Ich meine...schau uns an. Wir hätten bestimmt mal die olympische Fackel durch die Wüste getragen, oder nicht.“
„Schon. Können wir doch immer noch...“
„Ja klar, aber ich meine Typen wie uns gab’s schon, Läufer mein ich, die waren schon immer da. Epochen kehren zurück.“
„Aber es ist doch wohl eher der sportliche Gedanke im Vordergrund. Mein Körper ist mein Tempel, und so.“
„Auch...aber nicht nur.“ Sid räusperte sich. „Ich denke da eher...etwas historischer...in unserem Fall olympischer, verstehst du?“
Merrick verstand nur Bahnhof. Er war zwar ein prima Kerl und lief die hundert Meter unter zehn Sekunden, doch logische Zusammenhänge waren nicht sein Metier, meinte Sid zumindest.
„Schau dir die Wrestler an.“
Bahnhofsblick.
„Was ist mit denen?“
„Man könnte die World Wrestling Federation einfach Zirkus Maximus nennen und die Plüschbezüge von den Lanzen nehmen.“
„Ach ja...und Football wäre dann...was wäre das?“
Sid zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
Der Coach pfiff. Das Training ging weiter.
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Zu dieser Zeit baute man Computer, so groß wie eine Handfläche und Computertomographen sahen aus wie Paravants. Kameras fanden in einer Stecknadel Platz und der allerneuste Schrei war die Stereoanlage im Ohr.
Die Maschine, die Sid zu bauen gedachte, war ein Prototyp eines ähnlichen, seiner Meinung nach veralteten Vorgängers, welcher schlicht zu groß für Sids Zwecke gewesen wäre, doch daran arbeitete er bereits fieberhaft.
Mittlerweile war sie auf die Größe einer Kaffeetasse geschrumpft. Nur noch ein kleines bisschen kleiner musste sie sein, dann wäre sie perfekt. Langsam aber stetig nahm sie Form an.

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Die Masse wogte auf den Rängen, eine Laola nach der anderen, Wellentürme aus Wimpeln und Trikots. Zehntausend zahlende Besucher, zwanzigtausend Augen, plus minus ein paar Kameras. Schweißtreibend, das Ganze, aber irgendwie auch saucool.
Der erste Schwung war entscheidend, damit stand oder fiel der Sieg. War zumindest Sids Ansicht. Man musste genau den Moment erwischen, in dem der Schuss der Startkanone ertönen wird und genau in diesem Augenblick loshechten, der Zeit ein Schnippchen schlagen, nur ein paar Millisekunden. Federnd musste der Abstoß sein, konstant ansteigend die Muskelaktivität, den Wind im Rücken. Der Schnellste von allen sein.

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„...keine Ahnung“, wiederholte Sid. „Ich glaube dieser Johnson, der ist schneller als das Licht. Manchmal, wenn er auf der Geraden läuft, kann ich ihn kaum sehen, so schnell ist der Kerl.“ Merrick nickte. Sie trabten nebeneinander her und liefen sich warm für den Lauf auf Zeit, der Teil ihres Trainingsplanes war. „Ja, man hat das Gefühl, dass die Kameras ihn...irgendwie nicht fassen können oder so. Irgendwie, kann ihn niemand fassen. Der ist unschlagbar.“
„Nein, ist er nicht!“
„Was hast Du vor?“
Sid blinzelte verschwörerisch. „Denkst Du, Einstein hat H.G.Wells gelesen?“
Bahnhofsblick.

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An diesem wolkenlosen, trockenen Augusttag brannte die Sonne erbarmungslos auf die Läufer nieder. Kein Schatten für die Jungs, die auf der Bahn standen, nur die, welche sie selbst warfen. Schweißtreibend eben. Sid spürte die Blicke der Leute auf der Tribüne auf ihm lasten wie Hinkelsteine und fragte sich, ob es den anderen ebenso erging. Dabei dachte er in erster Linie an Johnson, da dieser in seinen Augen der einzige seiner Konkurrenten war, der ihm gefährlich werden konnte. Lichter blitzten in der Menge auf, quadratische Linsen hatten alles im Visier und waren bereit das Rennen für die Nachwelt auf Zelluloid zu bannen. Mikrofonschwingende Journalisten interviewten die Trainer, die es hervorragend verstanden mit möglichst vielen Worten nichts zu sagen, was aber niemanden wirklich störte.
Sids Nerven waren zum Zerreißen gespannt und zu allem Überdruss, schien der linke Turnschuh nicht ganz zu passen. Dies war für ihn ohne Zweifel der herausfordernsde Augenblick in seinem Leben. Trotz allem war es der Moment den er sich herbeigesehnt, auf den er hingearbeitet hatte und er genoss ihn in vollen Zügen, selbst die damit verbundenen Qualen.
Er hatte sich nicht nur ganz besonders gut vorbereitet, sondern auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass dieser Tag sein ganz großer werden würde.
Er wollte nichts dem Zufall überlassen.

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„H.G.Wells?“
„Der hat ein Buch mit dem Titel „Die Zeitmaschine“ geschrieben“, erklärte Sid oberlehrerhaft.
Sie standen an der Startlinie und warteten auf das Zeichen des Coachs.
Merrick nickte, als ob er verstehen würde.
„Und was“ fragte er zaghaft, „hat das mit Einstein zu tun?“
Sid dachte kurz nach und schmunzelte tapfer.

+

Aufgeregt beugte Sid sich über die Maschine, die auf seiner Hand Platz fand. Seine technische Errungenschaft, sein Werk.
Ein kleines, unscheinbares Metallgehäuse, welches er problemlos am Bund seiner Hose befestigen konnte. Da es sehr flach war, würden es weder die Zuschauer noch die Kameras bemerken. Er hatte unzählige Zeitschriften gewälzt hauptsächlich Fachliteratur über Physik und Mathematik und hatte sich die notwendigen Kenntnisse zum Bau seiner Maschine angeeignet. Natürlich wusste er nicht, ob es klappen würde, da er sie nicht hätte testen können ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Bei dem großen Lauf würde das keine Rolle mehr spielen. Alles was Sid vor Augen hatte, war sein Name im Buch der großen Rekorde, auf immer und ewig.

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Er schmunzelte immer noch, als er Merrick antwortete:
"Zeit...ist relativ!"
Und da war er wieder, dieser Blick ehrlichen und reinen Nichtvertstehens.
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Seine Nerven beruhigten sich allmählich und es gelang ihm, den Namen Johnson für kurze Zeit aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Die Bahn war vor ihm, 100 Meter. Zu seiner Rechten winkten Hände, schwanken Banner, ertönten Rufe, Pfiffe, dann war es still. Die Läufer schüttelten ihre Muskeln, trabten auf der Stelle, schauten in die Menge. So viele blitzende Lichter, so viele Stimmen.
Dann nahmen sie ihre Positionen ein.
In Aufstellung.
Ein Mann in schwarz stand am Rand und erhob im Zeitlupentempo eine kleine Pistole...Stille...
Mit einem Klicken schaltete Sid den alternativen Teilchenbeschleuniger ein.
Der Schuss fiel!

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Irgendetwas war wohl schief gegangen, zumindest war es das, was Alle dachten, als die Messgeräte eine Zeit von 0,0872 Sekunden anzeigten.
Sie hatten nicht ganz unrecht damit.
Alles was man fand war Sids linker Turnschuh...hinter der Ziellinie.


Einstell-Datum: 2004-09-17

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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