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Autor: nutella27 · Rubrik:
Kurzgeschichten

Becky sah aus dem Fenster. War es wirklich schon so lange her? Hatte sie sich wirklich vor fünf Jahren von ihrem Freund getrennt? Und wieso hatte sie sich in den fünf Jahren nicht einmal neu verliebt? Nicht einmal geschwärmt hatte sie für einen Kerl! Eigentlich war es doch kein Wunder! Schließlich hatte Kyle sie damals so verletzt, als er mit der anderen Frau in ihrem Bett schlief! In dem Bett, indem sie beide gemeinsam ihr erstes Mal hatten, indem sie von einer Familie und Kindern träumten. Aber sie hatte das ja zum Glück hinter sich gelassen, und wenn sie so darüber nachdachte, war es damals vielleicht eh zu früh für eine Familie gewesen! Sie waren ja selbst gerade erst erwachsen gewesen. „Mit dreiundzwanzig ist das Leben leichter.“ Dachte sie, während sie in das Bad schlenderte. „Man kann sich in seinem Job vertiefen, seine eigene Wohnung haben, einfach alles tun, was man will!“ Sie wusch sich und putzte ihre Zähne bevor sie sich in ihr Bett kuschelte. Kurz nach der Trennung hatte sie sich ein Neues gekauft, eins, mit dem sie keine Erinnerungen teilte. Es war groß genug für zwei Leute, doch wenn man allein darin schlief, kam man sich irgendwie verlassen vor! Aber nicht mehr nach fünf Jahren. Sie stellte den Wecker auf zehn nach sieben und drehte sich auf die andere Seite. Schon bald schlief sie tief und fest!
Am nächsten Morgen wachte sie von dem Surren ihres Weckers auf. Nach einer kalten Morgendusche frühstückte sie und verließ um Punkt acht Uhr das Haus. Kurz darauf bog sie mit ihrem roten Mini auf die Dallas Street ab und fuhr in Richtung Sunset-Hotel, eines der angesehensten in ganz Liverpool. Sie war seit drei Jahren Barchefin im Haus eigenen Restaurant und fand den Job immer noch sehr interessant und ausfüllend. Nach ihrer Ankunft wurde sie direkt vom Alex, einer ihrer Angestellten, darüber informiert, dass die neue Weinlieferung mit einer Stunde Verspätung eintraf. „Na klasse!“, Becky seufzte, „Alex, dann sei wenigstens schon mal so lieb und räume die Regale auf und schau nach, was wir bestellen müssen. Morgen werde ich die liste dann kontrollieren.“ Alex nickte eifrig, wie sie es immer tat, und wollte schon gehen, doch da fiel ihr noch etwas ein. „Du, Becky…hattest du schon mal ein Blinddate?“ Ein Blinddate? Nein, so etwas hatte Becky beim besten Willen noch nie gehabt! Wer weiß, mit was für komischen Gestalten man sich da trifft. Sie schüttelte den Kopf. „Wieso fragst du?“ Alex sah peinlich berührt zu Boden. „Weil ich eins haben werde. Ich habe mich vor drei Monaten von meinem Freund getrennt und ich halte diese Einsamkeit nicht mehr aus! Ich muss endlich wieder etwas unternehmen, rauskommen, du verstehst?“ Becky verstand nicht. Sie hatte es schließlich fünf Jahre lang ausgehalten, sich nicht mit Männern zu treffen und ihr hatte eigentlich nichts gefehlt! Doch sie wollte ihre junge Mitarbeiterin nicht entmutigen und nickte. „Ja, ich kann dich verstehen. Ach, das wird bestimmt ein schöner Abend. Mit ein wenig Glück ist es ein gutaussehender Mann, mit Charme. Und selbst wenn nicht, versuch, den Abend zu genießen.“ Sie legte dem Mädchen die Hand auf den Arm. „Und jetzt würde ich dich bitten, weiter zu arbeiten. Ach, und wenn Nils endlich mal auftaucht, soll er bitte sofort zu mir ins Büro kommen.“ Alex nickte und wandte sich einem großen Regal zu, entschlossen es auszuräumen. Nach etwa einer Stunde öffnete sich langsam und vorsichtig Beckys Bürotür. Nils betrat vorsichtig das Zimmer. „Setz dich!“, befahl Becky. Folgsam setzte sich der junge Mann auf einen Stuhl vor Beckys Schreibtisch. „Nils, so geht das nicht weiter. Du kannst nicht zur Arbeit kommen, wann immer du willst! Du hast feste Arbeitszeiten, für die du bezahlt wirst. Und wenn auf deinem Dienstplan steht, du hast die erste Schicht, dann geh gefälligst nicht abends noch feiern!“ „Aber...“, Nils rutschte auf dem Stuhl herum, „.aber ich war doch gar nicht feiern! Ich …ich…weiß auch nicht, wieso ich immer zu spät komme!“ Becky sah ihn an. Sie sah im so tief in die Augen, dass ihm fast schwindelig wurde. „Hör zu, ich gebe dir noch eine Chance! Ab morgen bist du pünktlich, sonst…!“ Sie deutete mit dem Finger auf die Tür. Nils schluckte, nickte dann und verschwand so schnell es ging wieder in das Restaurant, das bald öffnete. Um drei Uhr gesellte sich Becky zu ihren Mitarbeiter der Mittagsschicht, denn sie hatte den Bürokram für diesen Tag erledigt und half nun hinter der Bar aus, so, wie es zu ihren Aufgaben gehörte! Um fünf kam eine neue Ladung Gäste in das Hotel und die nutzten auch sofort den All Inklusive Service aus, der es ihnen erlaubte, umsonst so viel zu trinken, wie sie nur konnten. Um kurz vor sechs sah der Geschäftsführer des Hotels nach dem Rechten und um acht Uhr ging es dann so richtig los. Die Hotelgäste stürmten das Restaurant und auch Gäste aus anderen Hotels oder Einwohner, die etwas mehr im Portmonee hatten, gesellten sich dazu. Es herrschte die gleiche Stimmung wie jeden Abend. Mit einem Lächeln bediente Becky ihre Gäste und das zahlte sich aus. Schon fünfzig Pfund Trinkgeld hatte sie an diesem Abend verdient und sie hatte noch drei Stunden Zeit, bis ihre Schicht vorbei war. Ein Mann setzte sich an die Bar. „Guten Abend, was kann ich Ihnen bringen?“ Becky strahlte den Gast an. Er strahlte zurück. „Ein Bier, schöne Frau.“ Becky nickte. Sie fühlte sich geschmeichelt. „Schöne Frau“ hatte zuletzt Kyle zu ihr gesagt. Sie glaubte zwar nicht, dass sie hässlich sei, aber solche Komplimente konnten doch nie schaden. Sie zapfte das Bier und stellte es dem jungen Mann auf die Theke. Im gedämmten Licht konnte sie ihn nicht richtig erkennen, aber sie vermutete, dass er gut aussah. „Das macht dann ein Pfund.“ Der Mann gab ihr das gewünschte Geld und nahm einen großen Schluck des kühlen Bieres. Sarah, die mit Becky hinter der Bar arbeitete, stellte sich neben sie. „Puh, was für ein Abend! Aber zum Glück haben wir jetzt Feierabend.“ Sie deutete auf die Uhr. Der große Zeiger rutschte schwerfällig auf die Zwölf, der kleine schwang auf die Elf. „So, meine Damen und Herren, ich muss sie bitten, auszutrinken. Die Bar schließt für heute.“ Becky strich sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Sie war total geschafft und wollte ins Bett. „Sarah, ich werde jetzt schon gehen. Könntest du die Leute bitte noch mal darauf hinweisen, zu gehen? Die Einnahmen und die Abrechnungen mache ich am Montag, okay?“ Sarah nickte. Obwohl sie älter war als Becky, hörte sie auf ihre Chefin! „Dann schönes Wochenende und erhol dich ein bisschen!“ Becky nickte, nahm ihre Tasche und verließ das Restaurant durch den Hintereingang. Es war eine milde Sommernacht und sie dachte an ein Glas Wein, das sie sich auf ihrer Dachterrasse genehmigen wollte, als sie eine Stimme hörte. „Hey, schöne Frau, warte!“ Sie drehte sich um. Ein junger, großer, gutaussehender Mann lief die Straße hinunter. Als er sie erreichte, schwiegen beide. „Deine.. äh…ich meine, Ihre Kellnerin hat mir verraten, wo ich Sie finde. Also, vorhin, in der Bar, Sie sind mir sofort aufgefallen. Ihr Lächeln ist einfach toll und ich wollte sie fragen, ob sie mal mit mir ausgehen würden?“ Er wartungsvoll sah er sie an. Becky fiel auf, dass, je näher er kam, er immer besser aussah. Seine Augen waren tief blau, seine Haare verwuschelt und sie hatten einen komischen Braunton, sein Gesicht war markant und sah trotzdem weich aus und seine Schultern waren breit. Becky schüttelte den Kopf. „Sorry, aber ich gehe nicht mit meinen Kunden aus.“ Doch der Mann ließ sich nicht beirren. „Dann komme ich eben nie wieder in ihre Bar!“ Becky sah ihm direkt in die Augen und schüttelte nochmals den Kopf. „Hören Sie, ich fühle mich geschmeichelt, wenn Sie finden, dass ich schön bin und sie mit mir ausgehen wollen, aber ich habe leider im Moment keine Zeit dazu.“ „Aber…“, der junge Mann hab die Schultern, „Dann sagen sie mir wenigstens, wie sie heißen!“ Becky wollte gerade ins Auto steigen, als sie sich noch einmal umdrehte. „Becky…ich heiße Becky.“ Sie ließ sich auf den Sitz fallen, schlug die Tür zu und startete den Motor. Sie fuhr an dem stehen gelassenen Mann vorbei und sah ihm für Bruchteile von Sekunden in die Augen. Er wirkte verletzt, sehr verletzt sogar. „Ich kenne ihn doch gar nicht und er mich nicht. Das bilde ich mir jetzt nur ein, er sucht sich bestimmt gleich ne andere!“, dachte sie, während sie nach Hause fuhr.
Das Wochenende über traf sich Becky mit Nicole, ihrer besten Freundin, zum Shoppen. Die beiden redeten über dies und das und Becky verschwieg natürlich nicht den gutaussehenden Typen, der ein Date mit ihr gewollt hatte. „Bist du verrückt, wieso hast du nein gesagt?“ Nicole konnte es nicht fassen. „Trauerst du immer noch Kyle nach?“ Becky schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Kyle ist Geschichte! Aber ich weiß nicht, irgendwo hatte ich etwas, das gemeint hat, es wäre noch nicht an der Zeit für ein Date.“ Nicole sah sie an. „Was ist nur aus der Becky geworden, die ich mal kannte. Die lebenslustige, interessierte, für alles offene Becky.“, dachte sie. „Aber nach fünf Jahren…Becky, du musst mal wieder unter Leute kommen. Fast jeden Abend arbeitest du oder verbringst ihn allein zu Hause. Versuch es doch wenigstens mal, es muss doch nicht gleich eine große Liebe dabei rauskommen.“ Nicole nahm Becky in den Arm. Becky dachte nach. „Was, wenn sie recht hat? Vielleicht sollte ich mich wirklich wieder mit Männern treffen! Was ist schon dabei?“ Am Abend saß Becky vor dem Fernseher, als ihr Handy klingelte. Eine unbekannte Nummer stand auf dem Display. „Hallo?“ „Becky, hier ist Kyle. Du erinnerst dich?“ Kyle? Becky schaltete den Fernseher aus. „K.. Kyle? Äh.. ja…ja klar. Weshalb rufst du an?“ „Ach, ich dachte vier Jahre wären lang genug, vielleicht hast du dich jetzt ja beruhigt und wir könnten uns mal wieder treffen.“ Becky wurde ein klein wenig wütend. „Fünf Jahre,
es waren fünf Jahre Kyle. Ja ich habe mich beruhigt, aber nur, weil ich dich nicht mehr sehen musste. Von wo rufst du überhaupt an?“ „Ich sitze hier grad in so einem Pub und hier gibt es eine Kellnerin, die genauso einen süßen Hintern hat, wie du. Da habe ich mich an dich erinnert und du hast in den ganzen fünf Jahren nicht mal deine Nummer gewechselt! Glück für mich!“ „Gott, was für ein Großkotz! Früher war er nie so gewesen. Früher hatte er Frauen respektiert und sie nicht nach ihren Hintern beurteilt.“, dachte Becky. „Hör zu Kyle, ich habe keine Lust, mich mit dir zu treffen und schon gar nicht, wenn du dich so verhältst, als könntest du jede haben. Ich habe keine Lust, dich jemals in meinem Leben wieder zu sehen, also lege ich jetzt auf und bitte dich, mich nicht mehr anzurufen!“ Sie drückte den Knopf mit dem roten Hörer und atmete aus. Was, zum Teufel, wollte der Kerl von ihr? Erwartete er, dass sie ihm nach fünf Jahren um den Hals fällt, wenn er anruft? Er wusste nicht mal, dass es fünf Jahre waren!
Am Montagmorgen fuhr Becky wieder zur Arbeit. Nils und Alex waren bereits da und unterhielten sich mit einem älteren Mann, der vor einem Lastwagen stand. „Guten Morgen!“, grüßte Becky und reichte allen die Hand. „Ms Bright, ich warte auf Sie. Sie müssen den Lieferschein unterschreiben. Ihre Bestellung vom Großmarkt!“ „Oh ja!“, Becky hatte, um ehrlich zu sein, vergessen, dass Montag Liefertag war. Sie kritzelte ihren Namen auf das Blatt und verabschiedete sich dann von dem netten Lieferanten. Wieder ging sie ihrem Bürokram nach und gegen Mittag stellte sie sich wieder hinter den Tresen. Ab und an kamen ein paar Hotelgäste und genehmigten sich einen Drink. Eine ältere Dame saß seit längerer Zeit schon auf ihrem Platz und schlürfte eine Cola vor sich hin. Becky hatte nichts zu tun und so fing sie ein Gespräch mit der Dame an. „Schmeckt ihnen die Cola?“ Die Dame nickte. „Und, darf ich fragen, von wo sie kommen?“ Die Dame schien sich zu freuen, dass sich jemand mit ihr unterhalten wollte. „Oh, mein Mädchen. Ich komme aus San Diego in den Staaten! Aber jetzt wohne ich für einige Monate hier im Hotel und freue mich auf einen nicht so heißen Sommer in England.“ Becky wusch die Gläser, die im Spülbecken standen. „Ja, da haben sie wohl Recht. Hier in England ist nicht heiß, das stimmt schon.“ Die Dame nickte. „Sag, Mädchen, du bist so hübsch. Du hast doch bestimmt einen Freund? Erzähl mir von ihm!“ Becky lächelte. „Nein, sie irren sich. Ich habe keinen Freund. Ich lebe seit fünf Jahren allein.“ Die Dame sah sie mitleidig an. „Ich habe geheiratet, da war ich sechzehn Jahre alt. Und mein Mann und ich sind noch heute glücklich. Wir sind seit fünfundvierzig Jahren zusammen!“ „Und wo ist ihr Mann?“ „Er liegt oben im Bett und ruht sich aus. Wir hatten einen anstrengenden Marsch heut Morgen.“ Die Dame schlürfte ihre Cola aus und sprang von ihrem Hocker und verschwand in der Hotellobby. Becky sah ihr nachdenklich hinter her, doch dann wurde sie gerufen. Sie drehte sich um. Der gutaussehende Mann von neulich stand vor dem Tresen. „Becky, hallo, wie geht`s?“ Becky stellte sich zu ihm. „Hallo, mir geht es gut und Ihnen?“ Der Fremde schien erleichtert. Er atmete hörbar aus, als wäre ihm gerade ein ziemlich großer Stein vom Herzen gefallen. „Danke, mir geht es auch gut. Sagen Sie, könnten sie wohl kurz eine Pause machen und mich nach draußen begleiten?“ Becky sah sich um. Das Restaurant war leer und Alex stand hinter dem Tresen. Dann dachte sie noch daran, dass Nicole ihr geraten hatte, wieder öfter auszugehen und sie nickte. Der Mann führte sie zu den Steinen am Hotel eigenen See. Sie setzten sich auf jeweils einen riesigen Stein. „Becky, hören Sie, das hier fällt mir nicht besonders leicht, ich hatte seit drei Jahren kein Date mehr und eigentlich war mir auch nie danach, aber als ich Sie gesehen habe, ihr Lächeln, da hatte ich auf einmal das Verlangen, sie auszuführen. Deshalb wollte ich sie fragen, ob sie mich vielleicht heute Abend zu einem Konzert begleiten würden?“ „Äh.. also, ja, okay. Ich komme mit. Danke für die Einladung.“ Sie lächelte den Mann an. „Gut!“, er klang erleichtert, „Wo soll ich sie abholen?“ Becky gab ihm ihre Adresse. „Was für Musik wird denn dort gespielt?“ „Jazz, es ist eine ziemlich bekannte Band. Lassen Sie sich überraschen.“ Becky nickte, erhob sich und reichte dem Mann die Hand. Da fiel ihr noch etwas ein. „Wie ist Ihr Name?“ Der Mann sah sie an und lachte. „Mein Name ist Matt, Matt London. Bis heute Abend, Becky.“ Er ließ ihre Hand los und ging in Richtung Parkplatz davon. Becky sah ihm nach. Er sah gut aus, sehr gut. Und seine Hände waren weich, seine Händedruck sanft und zugleich doch sehr kräftig gewesen. Er gefiel ihr tatsächlich. Auf dem Weg zurück surrte ihr Handy in der Tasche. Sie sah auf das Display, eine SMS von einer unbekannten Nummer. Sie drückte auf löschen, denn diese Mitteilung war eindeutig von Kyle. Als sie das Restaurant betrat, fühlte sie sich so merkwürdig befreit. Wieder griff sie nach ihrem Handy. Sie sendete Nicole eine Nachricht, dass sie für diesen Abend ein Date hatte und sich sehr darauf freue. An diesem Abend konnte Becky die Bar schon um sechs Uhr verlassen. Schnell fuhr sie nach Hause, duschte und stand lange vor dem Kleiderschrank. Sie wusste nicht, was sie anziehen sollte. Ein Kleid? Oder doch besser eine schöne Hose? Sie entschied sich für ein langes, schwarzes Kleid, das einen weißen Saum und weiße Nähte hatte und steckte ihre Haare hoch. Dann schminkte sie sich noch und betrachtete sich eine Zeit lang im Spiegel. So aufgebrezelt hatte sie sich schon lange nicht mehr. Es klingelte und Becky eilte zur Tür, drückte auf den Knopf und öffnete die Wohnungstür. Sie hörte Schritte im Flur, während sie ihre Haare im Badezimmer zurechtrupfte. „Komm rein, Matt.“ Sie trat aus dem Badezimmer. Matt, der schüchtern die Wohnung betrat, sah sie an. „Du siehst echt klasse aus.“ Er war mehr als begeistert. „Sie ist so wunderschön, wie kann sie nur allein leben?“, dachte er. „Danke, du aber auch.“ Ja, Matt sah auch klasse aus. Er trug eine Jeans, dazu ein Hemd mit Krawatte und einen Blazer, dessen Kragen er hochgestellt hatte, Sein Haare waren wieder verwuschelt, doch auf eine Weise, das es gut aussah! „Können wir gehen?“ Er redete leise und ein wenig unsicher. Becky nickte, steckte ihren Schlüssel in die Handtasche und schloss die Wohnungstür hinter sich. Auf der Straße stand ein schwarzer BMW. Matt hielt ihr die Beifahrertür offen und wartete geduldig, bis sie sich gesetzte hatte. Dann eilte er um das Auto und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. „Wir werden etwa eine Stunde fahren, ist das okay?“ Unsicher sah er sie an. Becky nickte. Eine Weile schwiegen sie sich an. „Was sind sie von Beruf?“ fragte Becky unsicher. Matt sah sie an. „Ich habe eine Eventmarketingfirma. Wir hatten schon einige große Aufträge von großen Firmen, wie zum Beispiel Hugo Boss.“ Becky war beeindruckt. Es lagen ihr so viele Fragen auf der Zunge. Doch Matt kam ihr zuvor. „Wann hast du dich von deinem letzten Freund getrennt?“ Er biss sich auf die Zunge, anscheinend hatte er diese Frage nicht stellen wollen. Becky sah aus dem Fenster in die Ferne. „Vor fünf Jahren.“, stammelte sie. Sie starrte auf ihre Hände, weil sie sich nicht traute, Matt ins Gesicht zu sehen. Sie hielten an einer Ampel. Matt legte ihr eine Hand auf die Schulter, wobei er ihre weiche Haut bemerkte. „Ich wollte dich nicht verletzten, entschuldige, normalerweise frage ich so was nicht. Aber wenn es dir hilft, meine letzte Freundin hatte ich vor drei Jahren und seit dem hatte ich keine Dates mehr.“ Er nahm seine Hand wieder ans Steuer und gab Gas. Becky überlegte, was sie sagen sollte. „Nein, es ist doch okay. Ich meine, ich bin ja drüber hinweg.“, sie überlegte weiter, „Wie alt bist du eigentlich?“ Ihr fiel auf, dass die Beiden zum „Du“ übergegangen waren, ohne es bemerkt zu haben, doch Matt schien es nicht zu stören. „Ich? Ich bin sechsundzwanzig. Und du?“ Er konzentrierte sich auf die Straße. „Dreiundzwanzig.“ Sie schwiegen sich den Rest der Fahrt an. Nach etlicher Zeit hielten sie vor einer großen Halle, der Parkplatz davor war mit Autos überfüllt. Sie fanden dennoch einen Platz zum parken und stiegen aus. Gemeinsam betraten sie die Halle. Matt hielt Becky seinen Arm hin, sie schluckte einmal und hakte dann bei ihm unter. Nach wenigen Minuten hatten sie ihre Sitzplätze gefunden und genossen ganze zwei Stunden lang das Konzert, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Doch immer wieder sahen sie sich an, lächelten und Becky merkte, dass ihr ganz schwindelig wurde, wenn Matt sie ansah. Als der Applaus verebbt war und die Beiden wieder im Auto saßen, redeten sie eine Weile über das Konzert. So verging die Stunde der Rückfahrt sehr schnell und sie standen vor Beckys Haustür. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und drehte sich in Matts Richtung. „Vielen Dank für die Einladung. Es war wirklich toll.“ Sie beugte sich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er griff nach ihrer Hand. „Ich muss mich bedanken. Wann sehe ich dich wieder?“ Becky dachte nach. Was sollte sie sagen? „Ich gebe dir meine Nummer. Ruf mich einfach an.“ Sie entzog ihm ihre Hand und stieg aus. Vor der Haustür drehte sie sich noch einmal um, sah Matt in die Augen und verschwand dann im Hausflur. Matt war überwältigt. Für ihn war klar, was er für diese Frau empfand. Doch er wusste auch, dass es ein langer Weg werden würde, zu ihr zu finden. Er war bereit, diesen Weg zu gehen.
Die nächsten Tage waren toll für Becky. Sie fühlte sich frei und unbeschwert, erledigte ihre Arbeit in Null Komma Nichts und schaffte es sogar, sich ein paar Tage frei zu nehmen. So fiel sie am Freitagabend auf ihr Sofa, schaltete den Fernseher ein und genoss ihr Glas Wein, in der Gewissheit, die nächste Woche frei zu haben. Um zehn Uhr klingelte ihr Telefon. „Becky, hier ist Matt!“ Ihr Herz machte einen Hüpfer,
auch wenn sie nicht genau wusste wieso! „Matt, Hallo! Wie geht`s dir?“ „Toll und dir? Du, ich habe gedacht, vielleicht könnten wir am Wochenende was zusammen machen?“ Becky nickte und dann fiel ihr ein, dass Matt sie ja nicht durchs Telefon sehen konnte. „Äh, ja klar. Gern sogar. An was hattest du gedacht?“ Matt räusperte sich. „Ähm, wie wäre es mit einem Picknick, draußen am Wald. Ich habe da als kleiner Junge immer gespielt und…“, Becky schnitt ihm den Satz ab, denn sie hatte gerade eine Idee gehabt. „Wie wäre es, wenn du jetzt noch zu mir kommen würdest?“, platzte sie hervor. Matt schwieg. Sie wusste nicht, ob er sich freute. „Ja klar, gerne. Das hätte ich jetzt zwar nicht erwartet, aber natürlich komme ich. Bis gleich.“ Begeistert verabschiedeten sie sich voneinander und dann sprang Becky auf, holte ihren Staubsauger hervor und saugte ihr Wohnzimmer und auch ihr Schlafzimmer, obwohl sie nicht wusste, warum. Und schon klingelte es. Becky sah an sich herunter. Sie trug ihren Hausanzug und ihre Haare waren geflochten, sie sah also ganz und gar schrecklich aus, ihrer Meinung nach. Es schellte noch mal. „Egal!“, dachte Becky und drückte auf den Knopf. Einige Sekunden später stand Matt wieder in ihrer Wohnung. Diesmal sah er anders aus. Normal. Er trug wieder Jeans, aber zerfetzte Jeans. Sein Braunes T-Shirt hatte dieselbe Farbe wie sein Haar. „Komm rein.“ Becky deutet auf das Sofa, das mitten im Raum stand. Matt ließ sich darauf fallen. „Möchtest du etwas trinken? Ein Glas Wein vielleicht?“ Matt nickte. Sie holte ein zweites Glas, goss den Wein ein und reichte es Matt. Dann setzte sie sich auf das Sofa, lehnte sich an der Lehne an und zog ihre Beine an. „Du, entschuldige, wenn ich mich diese Woche nicht gemeldet habe, aber ich musste geschäftlich nach Frankreich.“ Er sah sie schuldbewusst an. „Ach, ist doch okay. Aber danke, dass du dich entschuldigst.“ Die beiden vertieften sich in ein Gespräch. Sie redeten, wie man so schön sagt, über Gott und die Welt und nach drei Stunden hatte Becky das Gefühl, als kenne sie Matt schon ewig! Und er fühlte genauso. „Sag mal, wieso hast du dich damals von deiner Freundin getrennt?“ Becky fragte vorsichtig, sie wusste, wie verletzbar man auf diesem Gebiet sein konnte. Matt sah sie an. „Sie hatte mich betrogen. Mehr als einmal. Mit all meinen Freunden hatte sie geschlafen. Eines Abends erwischte ich sie dann mit meinem besten Kumpel im Bett, in meinem Bett.“ Becky legte ihm ihre Hand auf den Arm und drückte ihn. „Da habe ich mit ihr Schluss gemacht und meinen Freunden die Freundschaft gekündigt. Ich habe schnell neue Freunde gefunden, aber niemals eine Frau, die mich verzaubert hat. Bis vor zwei Wochen dann…“, er ergriff ihre Hand und Becky zog sie nicht weg, nein, sie hatte ein gutes Gefühl im Bauch. Ein Gefühl, als würde Schokolade schmelzen. Als würde sie fliegen. „Als ich dich gesehen habe, Becky, war ich wie verzaubert. Ich habe tagelang nur an dich gedacht, konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, konnte mich nicht mal mehr auf meine Arbeit konzentrieren!“ Becky strahlte ihn an. Sie merkte, wie ihr warm wurde. „Und was war mit deinem Freund?“, lenkte Matt ein. „Er hat mich auch betrogen. Mit einer Frau, die ich nicht kannte. Aber er schlief mit ihr in dem Bett, indem wir gemeinsam unser erstes Mal hatten, indem wir immer von Kindern und einer gemeinsamen Zukunft geträumt hatten. Als ich sie gemeinsam sah, war es vorbei. Ich habe ihn rausgeschmissen und das war es! Ich habe ihn nie wieder gesehen und bin froh darüber. Meine Gefühle waren zwar noch ein Jahr lang da, aber dann waren sie auf einmal wie weggeblasen!“ Becky warf einen Blick auf die Uhr. „Oh, schon halb eins. Man, haben wir lange geredet.“ Sie schenkte Matt ein Lächeln, er lächelte zurück. „Ich gehe wohl besser.“ Beide standen auf und gingen zur Tür. Becky öffnete sie und hielt sich daran fest. Matt stand schon im Türrahmen, als Becky einen Entschluss fasste. Sie beugte sich vor und drückte ihre Lippen auf seine. Aus einem schüchternen Kuss wurde ein schöner, gefühlvoller, inniger Kuss. Matt ging einen Schritt auf Becky zu, sie legte vorsichtig ihre Arme um seine Schultern. Endlich zog er sie ganz fest an sich und sie lösten sich nicht voneinander. Mit einem Fuß trat Becky die Tür zu. Wie von magischer Hand liefen sie ins Schlafzimmer und erst dort ließen sie voneinander. Sie sahen sich an. Liebvoll strich Matt Becky eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich…“, sie wollte etwas sagen, doch Matt nahm ihr Gesicht in seine Hand und küsste sie wieder. Gemeinsam fielen sie auf das große Bett und zogen sich langsam aus. Und dann hatten sie Sex. Für beide das erste Mal seit vielen Jahren. Und es tat gut.
Am Morgen wachte Becky von dem Klingeln an der Haustür auf. Sie sah hinter sich. Matt schlief, eingewickelt in ihre Decke. Sie lächelte. Endlich wusste sie, woher ihr Gefühl gestern Abend gekommen war. Sie war verliebt. Richtig verliebt und Matt fühlte genauso. Es klingelte wieder und Matt öffnete die Augen. Er blinzelte sie an. „Guten Morgen, Schönheit.“ Flüsterte er. Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn, zog ihren Morgenmantel über und ging zur Tür. Sie drückte den Knopf und öffnete. Die Schritte im Flur waren schwer. Dann erkannte sie, dass es ein Mann war, der sich auf dem Weg zu ihr befand. Als er endlich vor ihr stand, war sie wie vom Blitz getroffen. Kyle! Er stand vor ihr. Er hatte sich nicht verändert, trug immer noch dieselben Klamotten und dieselbe Frisur. „Was machst du denn hier?“ Sie selbst konnte das missbilligende in ihrer Stimme hören. Kyle schien das nicht zu beeindrucken. Er betrat die Wohnung, schlug die Tür hinter sich zu und sah sie an. Nein, er starrte sie an. „Becky, du bist immer noch genauso sexy wie früher. Und ich finde es nett, dass du mir das Ausziehen nicht so schwer machen willst.“ Er zog an dem Gürtel des Bademantels und drückte Becky an die Wand. Grinsend fasste er ihr unter den Bademantel und streichelte ihr Bein. Becky war wie gelähmt, sie konnte nicht fassen, was er gerade tat. „Kyle, lass mich. Ich will, dass du verschwindest.“ Doch Kyle hörte nicht auf sie. Er war mit seiner Hand bereits an ihrer Hüfte angelangt, als jemand sagte „Hey, lass meine Freundin in Ruhe!“ Matt! Er trug ein Handtuch um seine Hüfte gewickelt und ging langsam auf Kyle zu. Kyle war irritiert, vor allem davon, dass Matt mindestens einen Kopf größer war als er. Schnell ließ er von Becky ab und sah Matt an. „So so, hast also einen Neuen. Na dann, will ich mal nicht weiter stören. Aber wenn du wieder Solo bist Becky, melde dich mal. Mein Bett ist schön groß.“ Er verschwand im Flur. Matt nahm Becky in seine Arme. „Hey, das war dein Ex?“ Becky nickte. „Danke, Matt, danke, dass du da bist!“ Sie sahen einander an. Gemeinsam gingen sie wieder ins Schlafzimmer und während Matt sich noch mal hinlegte, schnappte Becky sich ein Handtuch und ging ins Badezimmer, um sich zu Duschen. Nach einer Viertelstunde betrat sie das Schlafzimmer wieder. Matt lag nicht mehr im Bett, aber seine Kleidung lag noch neben dem Bett. Schnell schlüpfte Becky in eine Hotpants, zog ihren College-Pulli an und lief durch ihre Wohnung. Es roch nach Kaffee, doch der Geruch kam nicht aus der Küche. Sie folgte dem Duft bis auf ihre Dachterrasse, auf der sie einen komplett gedeckten Frühstückstisch entdeckte. Matt stand neben einem Stuhl und bot ihn ihr an. Sie grinste und setzte sich, nachdem ihr neuer Freund einen dicken Schmatzer auf die Wange bekommen hatte. Sie frühstückten gemeinsam, dann verschwand Matt im Badezimmer, duschte und währenddessen räumte Becky ab. Sie war glücklich. Endlich konnte sie sich wieder fallen lassen, wusste, wohin sie gehen musste, wenn es ihr schlecht ging. Sie betrat das Badezimmer und Matt stieg gerade aus der Dusche und wickelte sich wieder ein Handtuch um. „Sag mal, Becky, willst du nicht nachher mal mit zu mir, in meine Wohnung kommen?“ Becky sah ihn an und sprang ihm eine Sekunde später auf den Arm. „Da fragst du mich noch? Na klar will ich mit.“ Sie küssten sich und vergaßen einige Minuten lang Zeit und Raum. Dann zogen sie sich beide an, schlossen Beckys Wohnung ab und stiegen in Matts BMW. Zwanzig Minuten später standen sie vor Matts Haustür. Becky sah sich um. Es war eines der reichsten Viertel der Stadt und sie vermutete eine Altbauwohnung hinter den alten Mauern des Hauses. Und sie lag richtig. Die Wohnung war wunderschön und Matt hatte Stil. Seine Möbel waren zwar alle unterschiedlich, passten aber trotzdem zusammen. Becky lief durch alle Zimmer der Wohnung. Es waren viele. Matt hatte zwei Badezimmer, ein großes Schlaf- und Arbeitszimmer, ein riesiges Wohnzimmer und eine fast ebenso große Küche. Ganz am Ende des Flures gab es noch ein Gästezimmer, indem allerdings auch noch der Trockner und die Waschmaschine standen! „Deine Wohnung ist toll!“ rief Becky aus dem Wohnzimmer. Matt betrat es durch eine Öffnung zwischen Küche und Wohnzimmer. „Danke. Es hat viel Mühe gemacht, sie zu renovieren.“ Becky sah sich noch mal um. „Das alles hier muss dich ein Vermögen gekostet haben.“ Sie deutete auf die Stuck Verzierungen an der Decke, die teuren Sofas, die Bilder an den Wänden. Matt schüttelte den Kopf. „Nein, nur das Sofa war teuer! Den Rest habe ich selber gemacht. Bin erst vor einem Monat fertig geworden!“ „Wow.“ Becky konnte es nicht fassen. Matt reichte ihr ein Glas Wasser. „Aber an deinem Gästezimmer musst du noch arbeiten!“ Sie zwinkerte ihm zu. „Du sollst ja auch nicht darin schlafen!“ Er zwinkerte zurück, sie stieg auf die Witzelei ein. „Ach, nicht? Hm, dann muss ich wohl mit dem Sofa vorlieb nehmen, was?“ Matt grinste. Dann sprang er auf, hob sie hoch und schleppte sie in sein Schlafzimmer. „Hey, du Schuft, was machst du denn? Willst du mich abschleppen?“ Matt grinste immer noch. „Ja, du wolltest mein Gästezimmer doch nicht, also musst du dir wohl oder übel ein Bett mit mir teilen. Meine Sofas mögen es nicht,
wenn sich jemand eine ganze Nacht auf ihnen herumwälzt und schnarcht.“ Becky gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf! „Ich schnarche nicht!“ Er ließ sie auf das Bett fallen und schmiss sich neben sie. „Nein, tust du auch nicht.“ Er gab ihr einen Kuss. Sein Handy klingelte in seiner Hosentasche. Er nahm ab. „Hallo Mum, was für eine Überraschung. Wie…heute Abend? Aber…Ja, okay. Ja, sieben ist gut. Okay, Mum, bis später.“ Er legte auf. „Verdammt!“ Becky sah ihn fragend an. „Tja, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, ich fahre dich jetzt gleich nach Hause und wir sehen uns morgen wieder, oder wir fahren gleich zu dir, du holst ein paar Sachen und übernachtest bei mir und lernst meine Eltern kennen.“ Becky dachte nach, zumindest tat sie so, denn eigentlich wusste sie schon, was sie wollte. „Wir fahren zu mir und holen ein paar Sachen. Ich bin gespannt auf deine Eltern!“ Matt war fassungslos. „Du willst sie echt schon kennen lernen? Obwohl wir gerade einen Tag zusammen sind?“ Becky nickte. Matt freute sich. Es schien Becky schon jetzt wirklich ernst zu sein.
Um Punkt sieben standen Matts Eltern vor der Tür. Becky richtete noch einmal ihre Frisur und zog ihren Rock glatt. Sie war ein wenig nervös. „Du siehst toll aus, Becky. Sie werden dich mögen.“ Matt ergriff ihre Hand und gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn. Dann öffnete er die Tür. Beckys Kinn klappte herunter. Vor der Tür stand die alte Dame, mit der sie sich im Hotel unterhalten hatte. An der Hand hielt sie einen älteren, aber immer noch gesund aussehenden Mann. Die Dame begrüßte Matt und sah Becky an. „Wir kennen uns doch. Sie sind doch das nette Mädchen aus dem Hotel, sie arbeiten an der Bar. Was haben sie denn mit meinem Sohn zu tun?“ Die Dame wirkte erheitert über den Zufall des Wiedersehens. Matt ergriff wieder Beckys Hand. „Nun ja, Mum, Dad, Becky und ich sind zusammen.“ Er wirkte leicht nervös. Seine Mum strahlte ihn an. „Na, dann hat Becky- ich darf Sie doch so nennen? - mich ja angelogen.“ Matts Mutter lächelte entrüstet. Becky schüttelte den Kopf. „Nein, zu dem Zeitpunkt waren wir ja noch nicht zusammen.“
Der Abend mit Matts Eltern verlief toll. Sie genossen ein vorzügliches Essen und unterhielten sich danach über dies und das, während sie im Wohnzimmer eine Flasche Wein leerten. Erst spät waren Meredith und Arnold ins Hotel gefahren. Während Matt in der Küche aufräumte und die Spülmaschine füllte, lag Becky auf einem der Ledersofas und sah in die Ferne. Wie viel Glück sie doch hatte, jedenfalls in der letzten Zeit! Sie hatte in den letzten Jahren nie nach einem Freund gesucht und trotzdem hatte sie ihr großes Glück gefunden.
Und das Glück hielt an. Vier Wochen vergingen, sechs Wochen vergingen und ehe Becky sich versah, führte Matt sie an ihrem zweimonatigen Jubiläum in ein kleines Weinlokal etwas außerhalb aus. Es war traumhaft schön und das Essen war eine Wucht. Matt wirkte den ganzen Abend über sehr nervös, als würde er ihr etwas Wichtiges sagen wollen. Doch Becky wollte nicht unhöflich sein und deshalb fragte sie nicht nach.
„Becky, ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, dir etwas zu sagen.“ Matt sah ihr tief in die Augen und ergriff ihre Hand. „Meine Mum hat mich angerufen und uns auf das Feriengut meiner Eltern eingeladen., es wird eine Art Familienfest stattfinden. Und deshalb wird auch Alison, meine Ex, dort sein. Ihre Eltern sind sehr eng mit meinen befreundet.“ Er sah Becky an. Sie konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht genau deuten. Er lag irgendwo zwischen verzweifelt und schuldbewusst. „Und Becky, ich will auf jeden Fall, dass du mitkommst. Ich bin selber nicht erfreut, Alison dort zu sehen, aber meine Mutter sagte, auch sie habe sich mit Freund angekündigt.“ Becky dachte nach. In ihrem Kopf schwebten Bilder umher. Bilder von einer Frau, die zu dem Namen Alison passte. Bilder, wie sie sich an Matt heranschleichen würde, wie sie versuchen würde, ihn ihr wegzunehmen. Langsam stieg ein wenig Wut in der jungen Frau auf. „Natürlich komme ich mit. Ich freue mich schon, deine Eltern wieder zu sehen. Und wenn deine Ex mit ihrem Neuen kommt, dann ist das doch okay!“ Becky verschwieg ihre Besorgnis gegenüber Matt, denn sie wollte ihn nicht verunsichern.
So fuhren sie also zwei Wochen später nach York, um dort mehrere Tage auf Gut „Liverpool“ zu verbringen. Es war bereits dunkel, als sie eintrafen. Matt half Becky aus dem Auto. Neugierig sah sie sich um. Sie erkannte einen Weg, der von Fackeln umsäumt wurde. Stimmen und Gelächter kamen ihnen entgegen, als sie dem Weg folgten. Hinter dem riesigen Gutshaus lag eine Art Schlossgarten. Die Wege waren asymmetrisch angelegt und viele Leute standen darauf in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich. Matt bahnte sich einen Weg durch die Menge, grüßte hier und da ein paar Leute und stoppte anschließend vor dem großen Buffet. „Matt, Liebling, hier sind wir.“ Meredith hob ihren Arm und winkte das Paar heran. Neben ihr standen eine große, brünette Frau und ein Mann mit sehr breiten Schultern, der wohl mit Essen beschäftigt war. Nach einem Küsschen rechts, einem Küsschen links stellte die Gastgeberin Becky vor. „Becky, das ist Alison Parker, Alison, das ist Becky, die neue Freundin von meinem Sohn.“ Becky reichte der Frau höflich die Hand. „Hallo Becky. Ich sehe, Matt hat eine würdige Nachfolgerin gefunden. Ihr Kleid gefällt mir.“ „Danke. Es ist schön, Sie mal kennen zu lernen, Alison.“ Peinliches Schweigen herrschte zwischen den vieren, bis sich Alisons Begleiter umdrehte. „Kyle?!?“ Becky atmete tief ein. „Ach, ihr kennt euch?“ Alison sah verwirrt aus. „Ja…Nein…Ja…“ Becky war so geschockt, dass sie sich selbst kaum kontrollieren konnte. Matt ergriff das Wort. „Ja, Becky und Kyle haben sich vor fünf Jahren getrennt, nicht war?“ Er legte besitzergreifend einen Arm um Becky. Diese nickte nur. Alison schien sich gefasst zu haben. „Äh gut, dann brauche ich euch ja nicht mehr vorstellen.“ Und wieder schwiegen die Vier sich an. „Ich werde Becky mal den anderen vorstellen und dann werden wir erst mal unsere Koffer auspacken, einverstanden, Mum?“ Meredith nickte. Matt zog Becky hinter sich her in das große Gutshaus. In der Eingangshalle bogen sie rechts ab, liefen einen langen Flur entlang, bogen wieder nach rechts ab und liefen eine Treppe hinauf. Dort liefen sie nach links, an einigen Türen vorbei auf ein großes Tor am Ende des Ganges zu. Matt öffnete es mit einem groben Klinkendruck. Ein riesiges Zimmer erbot sich ihnen. Rechts erblickte Becky ein Himmelbett, das so groß war, dass locker vier Personen darin hätten schlafen können. Links standen ein Schreibtisch und großer Kleiderschrank und geradeaus konnte man einen Balkon durch eine große Schiebetür betreten. „Komm mal her, Becky.“ Matt streckte seine Arme aus. Becky lehnte sich an ihn und atmete seinen Duft ein. Langsam strich Matt ihr übers Haar und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich wusste nicht, dass Kyle Alisons neuer Freund ist.“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Macht doch nichts. Ich bin mit dir hier, mir kann doch nichts passieren.“ Becky gab ihm auch einen Kuss auf die Wange. Lange sahen sie sich an. Plötzlich ließ Matt sich auf die Knie fallen und ergriff Beckys Hand. „Das, was ich jetzt tue, wollte ich schon vor zwei Wochen machen, Becky. Doch dann kam das mit der Feier hier und da habe ich es verschoben. Becky, ich weiß, wir sind erst seit zwei Monaten zusammen, doch ich weiß auch, dass ich dich so liebe, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. Und ich will und werde auch nie einen anderen Menschen mehr lieben, als dich. Und deshalb möchte ich dich fragen, ob du meine Frau werden willst?!“ Er atmete schnell und sehr laut und er glaubte, sein Herz explodiere jeden Moment. Beckys Augen füllten sich mit Tränen. Sie nickte. Über diese Antwort brauchte sie nicht lange nachdenken. „Ja Matt, ich will deine Frau werden. Ich liebe dich.“ Sie sprang ihm auf den Arm und gemeinsam fielen sie aufs Bett. Dort lagen sie lange und redeten und redeten, so wie sie es getan hatten, als sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten. Sie redeten über alles, was in ihrem Leben schief gelaufen war und über alles, was noch schief laufen konnte. Und danach hatten sie wundervollen Nach-Antrags-Sex und sie wussten, dass sie noch ein Leben lang etwas von einander haben werden.

The End


Einstell-Datum: 2005-08-08

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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