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Das Birnentagebuch
Autor: Melanie Tso · Rubrik:
Kurzgeschichten

Das Birnentagebuch


Vor meinem Fenster wölbt sich der Frühling. Während ich an meinem Schreibtisch sitze und über Gedanken längst verstorbener Menschen lese, bricht die Sonne durch das Glas. Die ersten Strahlen des Jahres streicheln über das noch weiße Papier und segnen die noch kommenden Worte. Mein Blick aus dem Fenster, hinaus aus der Bibliothek, hinein in die staubige Welt wird von einem Apfelbaum gesäumt. Das rosige, duftende Holz des Baumes strahlt hinfort in meine Augen. Kleine Anzeichen des Frühlings breiten sich als freundliche Boten über die feinen und dicken Äste. Bald werden die Früchte reifen: Rote Äpfel, grüne Äpfel oder gelbe Äpfel. Gespannt werde ich aus meinem Arbeitszimmer dies Schauspiel betrachten. Ein kleiner Lohn für harte Mühen.


Meine Arbeiten gehen voran. Manch trüber Gedanke überkommt mich von Zeit zu Zeit, meine Lebenszeit zu verschwenden, während die Welt außerhalb dieses Zimmers sich weiter dreht. Die nicht stillstehenden Momente zeichnen sich an meinem Freund dem Apfelbaum ab. Während sich das Gras grün färbt und die Sträucher erblühen, erstakt der Baum sichtlich. Ich nehme wahr, wie er den Frühling in Empfang nimmt. So sendet er die Äste als Boten gen Himmel um die geliebten Sonnestrahlen zu empfangen. Kleine Blüten säumen rund gewachsene Äste. Er ist schön und klar.


Trotz meines tagelangen Vor-Sich-Hin-Arbeitens erkennen meine Augen Sonderlichkeiten an meinem Freund am Fenster. Es ist nur eine Stelle, nur ein winziges Detail, welches mit der vergangenen Zeit immer größer zu werden scheint, falls meine Augen mich nicht täuschen. Diese eine kleine Frucht, links, an der obersten Spitze der Krone- sieht nicht sehr apfelartig aus. Vielleicht ein aus der Art geschlagener Apfel. Leicht zerbeult und nicht schön rot, so wie alle anderen Äpfel zu werden scheinen.


Letztens nahm ich mir eine Woche frei. Es ist erstaunlich wie schnell die Monotonie einen Menschen verschlingt. So langweilte ich mich an diesem Wochenende sehr, da ich mich nicht mehr erinnern konnte, was ich einmal, vor Aufnahme meiner Arbeit, gerne gepflegt hatte zu tun. Ich wünschte mir Monotonie. Außerdem hatte ich immer ein ungutes Gefühl, als dürfte ich mich nicht entspannen. Etwas brodelte in mir, und ich wusste nicht was es war. So ging ich frühzeitig wieder an meine Arbeit. Was ich mir nicht eingestehen wollte war, dass ich diesen absonderlichen Apfel sehen wollte- und ich wusste nicht warum. Ich sah, dass der Apfel nicht rot werden wollte, noch änderte er seine Form in die eines Apfels.


Nun, Wochen später, erkenne ich die vertraute Form- und kann es doch kaum glauben. Unerhört ist es schon fast, denn es sieht gar so aus, als würde eine Birne an dem Apfelbaum wachsen. Doch wie sollte dies in Gottes Namen funktionieren? Jedoch- meine Augen trüben mich nicht und so sehe ich an diesem Baum eine Frucht, die ganz woanders reifen sollte. Die fehl an diesem Ort ist, die hier einfach nicht sein sollte. Noch habe ich Zeit um mir alles genau anzuschauen. Was wird aus ihr werden? Aus der Birne am Apfelbaum?


Ach, wie wird mir beim Anblick der welken Bäume. Ganz in mich versunken horche ich dem anfänglichen leichten Blätterfallen, reiche ich den Glanz der Sonne, welcher mir in der Nase kitzelt. Meine Arbeiten sind fast abgeschlossen, und ich bin froh. Was der Herbstwind mit sich trägt ist mehr als ein Versprechen auf den Winter. Die goldenen und roten Früchte an den Bäumen beginnen kollektiv zu fallen. Das Ende des Sommers. Freundlich starrt mich die grüne Birne an. Ich verstehe immer noch nicht…


Mir schwinden die Sinne. Als ich letztens ruhig in meinem Arbeitszimmer saß erspähte ich den Gärtner. Flugs rannte ich hinaus um ihn auf die natürliche Missgeburt aufmerksam zu machen. Nachdem ich ihm mein Anliegen geschildert hatte, lächelte er mir freundlich ins Gesicht und zuckte die Schultern. Er meinte, Äpfel wären nicht immer so perfekt rund wie im Supermarkt. Aber darum würde es gar nicht gehen, sagte ich zu ihm, das da an dem Baume sei eine Birne. Immer noch lächelte der Gärtner, diesmal so als würde er zu einem Kind sprechen. Er könne an der Form und Farbe des Apfels auch nichts ändern, wenn es mich so stören sollte, dann müsse ich den Apfel halt vom Baum pflücken. Resigniert ging ich in mein Arbeitszimmer zurück. Er verstand mich nicht.


Ich habe das Gefühl nicht mehr voran zu kommen. Ständig fällt mein Blick auf diese missgestaltete Frucht vor meinem Fenster. Sie fängt an mich zu verhöhnen, meine Aufmerksamkeit einzufangen. Ich will mich konzentrieren, aber immer wieder ertappe ich mich wie meine Augen dieses Ding fokussieren. Es stört mich, stört das Bild vom schönen Apfelbaum.


Ich habe es nicht mehr lange ausgehalten. Gestern nahm ich mir eine Leiter, die höchste die sich im Schuppen befand. Ich wanderte hoch, streckte die Arme aus und pflückte die missgestaltete Frucht. Lange schaute ich sie an, wog sie in meinen Händen ab. Wenn das keine Birne ist, dann wäre ich ein Schaf. Ich überlegte, ob ich sie als Beweis für den Gärtner aufheben sollte. Diesen Plan verwarf ich schnell, denn die falsche Frucht war mir mittlerweile unheimlich. Sollte ich sie aufschneiden? Sollte ich sie gar kosten? Ich könnte sie auch an eines der Nachbarskinder verschenken, um nicht selbst zum Versuchskaninchen zu werden. Es ging mir nicht darum recht zu behalten, ich wollte nur meinen Verstand nicht verlieren…ich warf sie weg.


Verrückt, es ist absolut verrückt. Seit ich diese Frucht von dem Baum gepflückt habe scheint nichts mehr im Gleichgewicht. Der Gärtner kam heute auf mich zu und fragte, was mit dem Baum passiert sei. Es sei normal, dass er im Herbst Blätter verliere, antwortete ich ihm nicht ohne Spott. Das sei es nicht, entgegnete er meinen Spott ignorierend. Der Baum würde nicht nur seine Blätter, sondern auch die Äste verlieren. Ich machte einen Spaß, dass wir nun endlich genug Feuerholz im Winter haben würden. Apfelbaumholz gäbe eine ganz besonders feine Note im Kamin. Mit diesen Worten ließ ich den Gärtner stehen und entfernte mich beunruhigt.


Der Boden des Gartens wird gesäumt von kleinen und großen Ästen: das Sterben des Baumes vollzieht sich mit einer Schnelligkeit, die einem Expresszug gleich kommt. Mir kommt der Gedanke, dass ich diese Frucht nicht hätte abreißen dürfen. Unsinnig ist das, unsinnig- denn seit sie nicht mehr da ist scheine ich mich besser zu fühlen. Noch ein paar letzte Worte in meiner Arbeit, dann habe ich mein Leben wieder.


Der Baum fällt, nur noch der Stumpf ragt als großes Mahnmal aus der Erde. Der Gärtner steht kopfschüttelnd daneben. Wie konnte das passieren? Ich schaue nur zu, ich habe damit nichts zu tun, ich schaue nur zu und habe ein schlechtes Gewissen. Während die letzten Reste des Baumes abtransportiert werden treffen mich die Augen des Gärtners. Vorwurfsvoll blickt er mich an. Ich schaue weg, ich fühle mich nicht gut. Als ich wieder hinschaue, sehe ich wie die hasserfüllten Augen mich in kleine Scheiben schneiden. Langsam geht er auf mich zu, wobei das Kopfschütteln kein Ende nimmt. Was haben Sie getan? Fragt er mich. Was haben Sie getan. Doch noch bevor ich antworten kann, ist er auch schon an mir vorbei gegangen. Der Mann ist verrückt.

Es ist gut, dass ich das Haus verkauft habe. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt einen neuen Gärtner einzustellen, doch irgendwie hätte das nicht gereicht. Mein Unbehagen, der Blick auf den toten Baumstumpf, die Betrachtungen des Gärtners- all das hemmte mich. Also zog ich es vor mich zu verändern und wählte einen neuen Wohnsitz. Diese Lösung des Problems erschien mir als die wohl sinnvollste- vielleicht als die einzige Lösung, die sich mir bot. Nun habe ich mein Gleichgewicht wieder erlangt und brauche mich auf derartige Störungen nicht mehr einlassen. Und doch- habe ich das Gefühl kein Mittel gegen das Unrecht zu haben, welches ich begangen habe. Manchmal fühle ich mich schlecht, als hätte ich jemanden auf dem Gewissen…Das wird vorbei gehen, auch das geht vorbei.
Herrgott, was schreibe ich hier? Es geht doch nur um einen dummen Baum- und einen verkrüppelten Apfel…oder nicht?


Melanie Tso 2006


Einstell-Datum: 2008-01-02

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 333 (3 Stimmen)

 

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