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Das Licht am Ende des Tunnels - II
Autor: Thomas Kempken · Rubrik:
Sonstiges

Er ging durch einen dunklen, engen Tunnel. Ein Vorwärtskommen war schwer möglich, ständig stieß er mit irgendeinem Körperteil an vorstehende Fels- und Geröllblöcke.
Weit vorne, am Ende des Tunnels, war Licht: helles, gleißendes Licht, strahlender als das Sonnenlicht.
Kurz nachdem sie ihn in den stickigen Tunnel gedrängt hatten, hatte er es erblickt und war wie ein Reh in der Dunkelheit darauf zugestolpert.
Zuvor hatte es eine schreckliche Hetzjagd gegeben. Zwei seiner früheren Schullehrer hatten ihn verfolgt, ihn zu ergreifen versucht. Immer wieder riefen sie ihm zu: „Lukassen! Mach den Mund auf und arbeite mit! Lass Dir nicht alles aus der Nase ziehen! Wir kriegen Dich – und dann reißen wir Dir den Arsch auf!“
Es war furchtbar gewesen. Über Stock und Stein ging die wilde Jagd – Wilhelm hatte keine Ahnung, wohin er überhaupt flüchtete. Die Gegend war ihm völlig unbekannt. Er hastete weiter, spürte die Verfolger immer näher kommen, spürte ihren heißen Atem wie den von Bluthunden…
Dann stolperte er, schon zuvor hatte er damit gerechnet, geriet ins Straucheln und fiel schmerzhaft auf den unwegsamen Boden. Er sah sich schon verloren, da die beiden Lehrer herangesaust kamen, hatte abgeschlossen, legte schützend die Arme vor seinen Kopf – und sah die beiden Hetzer über ihn hinweg fliegen – immer noch wüste Beschimpfungen gegen ihn ausstoßend. Sie rannten weiter, seinen am Boden liegenden Körper einfach nicht beachtend, entfernten sich und verschwanden bald in der Dunkelheit.
Er sah sich schon gerettet, richtete sich mühsam auf und klopfte seine beschmutzten Kleider ab. Dann trat plötzlich eine Gestalt hinter einem Geröllblock hervor und kam langsam näher. Der eisige Schrecken fuhr Wilhelm in die Glieder. Eine Weile dauerte es, bis er erkannte, wer sich unter dem langen Mantel verbarg: Es war Adolf Hitler.
Er zuckte zusammen, als der „Führer“ ihn ansprach.
„Wissen Sie eigentlich, Lukassen, was wir mit Leuten wie Ihnen machen?“ –
Er brachte keinen Ton hervor; seine Stimme schien erstorben.
„Erschießen!“ hallte es herüber. Immer wieder. Immer lauter, und widerhallend, wie aus einer anderen Welt, aber doch so gegenwärtig. „Erschießen! Erschießen! Erschießen!“
Wilhelm begann zu laufen, immer schneller zu laufen, um sein Leben zu laufen.
Als er sich umblickte, hatte Hitler die Pistole gezogen und feuerte.
Zwei-, drei-, viermal... Er verfeuerte das gesamte Magazin.
Jedes der Geschosse traf ihr Ziel, aber sie schienen Wilhelms Körper zu durchdringen, ohne ihn zu verletzen oder ihm Schmerzen zu bereiten…
Er rannte weiter, von Todesangst getrieben, erblickte den Tunnel und warf sich hinein. Er rappelte sich hoch und sah das gleißende Licht. Vorwärts, nur vorwärts, und nie wieder zurück, war es ihm durch den Kopf geschossen.
Er stolperte wieder, rutschte auf losem Gestein aus, stieß sich den Kopf blutig, aber er rannte weiter. Der Schweiß rann ihm über die Stirn, die Erschöpfung stieg in ihm hoch. Er rannte und rannte, aber das Ende des Tunnels, das Licht und damit die Hoffnung kamen nicht näher, so schien es ihm. Noch immer war es in weiter Ferne.
Er erreichte einen Zustand, in dem man nur noch mechanisch lief, spürte nicht mehr den Schmerz, nicht mehr die Erschöpfung. Er lief und lief. Als er endlich aufsah und realisierte, dass seinem Ziel nicht näher kam, brach er zusammen und schlief ein…


Einstell-Datum: 2010-05-22

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 333 (1 Stimme)

 

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