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Das frohe Herz
Autor: Wanderstein · Rubrik:
Kurzgeschichten

Wir befinden uns in einem, in grauen Stein gehauenen Gang, der sich verschlungen durch unbekannte Gebirge zieht. Der nasse Stein reflektiert das Licht unserer Fackel nur schwach und dunkel, die Unregelmäßigkeiten der Wände werfen Tausende von kleinen Schatten in die winzige Welt, in der wir uns befinden. Selbst wir sind zu einem Schatten geworden, nur unsere Augen funkeln stumm wie düstere Sterne in die Dunkelheit. Der Geruch erinnert an Moder und Fäulnis, so wie wir modrig und im Inneren faul geworden sind. An wenigen Stellen ist der kalte Stein mit schwarzem Moos bedeckt, schwarz wie wir geworden sind und so winzig wie die Zahl derer, die noch übrig blieben. Der schmale, niedrige Gang windet sich um tausend Kurven, steigt und fällt, wie auch wir uns gewunden, wie wir gestiegen und gefallen sind. Es liegt ein Hauch von falschem Tod auf unseren Lippen, die zu einem trotzigen Grinsen erstarrt sind.
Es liegen keine Steine im Weg und trotzdem weichen wir etwas aus, das dunkel wie Nebel über dem Boden wabert. Unsere Augen meinen kleine Brocken im Nebel erkennen zu können. Und so manch einer ist auf dem Pfad geblieben, weil ihm der Nebel das Genick brach. Doch wir folgen dem Weg unermüdlich, wild entschlossen das Ziel zu erreichen, daß keiner kennt und auf das jeder hinstrebt mit all seiner Macht.
Niemand kann wissen was hinter der nächsten Kurve lauert, wie verschlungen der Nebel sich windet und wie schmal der Pfad wohl sein mag. Die Schritte unserer kalten Sohlen hallen dumpf von den Wänden wieder, begleiten unseren Gang mit einem würdigen Marsch, der wild und ungezügelt tausendfach widerhallt. Die Glieder sind mit der Zeit müd geworden, der Kopf blickt nicht mehr ganz erhoben in die Finsternis, während wir unseren Gang fortsetzen. Manchmal liegt ein dunkler Schleier über unseren Augen, dann halten wir ängstlich inne und machen eine kurze Rast. Es wird dabei kein Wort gesprochen, der Marsch schweigt, nur das leise Keuchen angestrengter Lungen schleicht sich wie ein bedrohliches Flüstern in unsere Köpfe. Von Mühsal wird erzählt, von Opfern und Entscheidung. Doch nach einer Weile entspannen sich die Stimmen und fordern zu neuem Marsch auf, denn der Weg der vor uns liegt ist noch lang.
Hin und wieder stolpert einer, steht wieder auf und hinkt hinterher. Manche erheben sich auch gar nicht wieder, sie haben genug getan und können nicht mehr. ihr Blut ist mit der Zeit kalt geworden und ihr Glieder sind lahm. Einzig und allein ihre Augen blicken noch als dunkle Sterne sehnsüchtig weiter in die Schwärze, bis sie nach einiger Zeit erlöschen und nun ganz tot sind. Und für eine Weile wird das Schweigen ein wenig bedrückender, ein wenig hängen die Köpfe tiefer und manchmal glitzert eine silberne Träne in der Nacht. Unsere Zahl wird rasch kleiner und keiner weiß wie weit der Weg noch ist und ob es sich lohnt, das Ziel, das keiner von uns kennt, zu erreichen. Doch wir folgen weiter dem Pfad und hoffen, daß wir nicht ins Leere treten, denn es gibt nichts, was uns festhalten könnte. Das schwarze Moos hängt nur locker im Felsen und die Meisten sind zu schwach um einen von uns zu halten.
Manche glauben, daß am Ende eine Sonne uns erwartet, daß ein Tal am Ende liegt, in dem wir bis an das Ende aller Tage leben. Einer behauptet, es würde nichts auf uns warten, der Gang wäre ein einziger Kreis und das Ziel bestünde darin, in das Nichts zu treten. Fast jeder hat seine eigene Geschichte. Was auch immer auf uns wartet, wir erwarten es ungeduldigen Herzens und hoffen vor jeder Kurve auf unser baldiges Ziel, dem Ende unseres Ganges. Doch bisher wurde unsere Hoffnung nicht erfüllt und der ein oder andere hat sich enttäuscht abgewandt um in die andere Richtung zu gehen. Doch man munkelt, daß sie nicht sehr weit gekommen sind, genau weiß es keiner.
Manchmal scheint die Dunkelheit, die hinter dem schmalen Kranz unserer Fackel liegt, wie ein Spinnennetz, undurchdringlich dicht und manch einer hat sich in ihm verfangen. Es hat auch der ein oder andere mit dem Schwert dagegen geschlagen, doch meistens kostete es sein eigenes, noch warmes Blut. Wir versuchen die Schwertschläger außen zu lassen, wissen wir doch aus Erfahrung das da nichts ist, in dem man sich verfangen kann, nichts außer der eigenen Angst. Die Fackel vertreibt die feinen Fäden aus unserer unmittelbaren Nähe und dafür sind wir ihr sehr dankbar, den die Nacht ist kalt, sehr kalt. Wir sind gesegnet mit einem kleinen Feuer das ein wenig Wärme spendet und ein bißchen Licht. Fackeln sind selten hier unten. Manche nehmen den Toten eine ab und so mancher hat einen erschlagen um eine Fackel zu erbeuten. Viele sind trotz des Feuers gestolpert und nicht wenige auch gestorben. Doch immer lag auf jenen Gesichtern jener Zug eines falschen Todes, gemischt mit einem traurigen Lächeln auf den erkalteten Lippen.
Auch mir ist schon sehr kalt geworden und ich glaube, der Weg ist noch weit. Meine Glieder heben und senken sich nur noch mühsam und meine Schritte sind längst nicht mehr so groß wie früher. Mein Haupt ist schon lange gesunken und meine Augen erkennen nur noch mühsam den Weg. Meine Fackel ist bald herunter gebrannt und die Stimme meiner Lunge mischt sich in den langsamen Marsch meines Weges.
Nur mein Herz ist noch warm, treibt mich an zu neuen Schritten und leuchtet wie ein roter Stern weithin in die Nacht. Es pulsiert unaufhörlich in meiner Kehle, straft alle Stimmen lügen und läßt mich die dunklen Töne des Marsches vergessen. Nur mein Herz ist es, was mich noch glauben macht, daß am Ende die Erfüllung auf mich wartet, von der keiner weiß und auf die alle hoffen.


Einstell-Datum: 2003-11-30

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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