Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 



Save Ukraine!
Save Ukraine!


Amnesty International

Love all Animals

 
Der Banker
Autor: S. Steinebach · Rubrik:
Kurzgeschichten

Er stand lange Zeit am Fenster. Seine Augen blickten, ohne wirklich zu sehen, auf eine schäbige Hausfassade. Die Luft des heruntergekommenen Hotelzimmers war geschwängert von Nikotin und einem durchdringenden Kohlgeruch. Die Tabletten lagen seit zwei Tagen auf seinem Nachttisch. Seit dieser Zeit hatte er das schäbige Zimmer nicht verlassen. Immer und immer wieder hatte er die Packung in die Hand genommen und wieder beiseite gelegt. Verzweifelt wegen seiner eigenen Feigheit. Hoffnungslos wegen seiner ausweglosen Situation. Seit zwei Tagen hatte er nicht geschlafen. Nicht gegessen. Nur getrunken. Bier und Whiskey. Er war am Ende und konnte es dennoch nicht zum Ende bringen.

Wieder und wieder gingen die Ereignisse der letzten Jahre durch seinen Kopf. Er, der gut situierte Banker mit einem untadeligen Ruf. Dem Haus auf dem Lande. Ehefrau, zwei Kinder, Hauswirtschafterin. Tennisklub, Golfklub. Urlaub in der Karibik. Dann eines Tages der Schock. Seine Stelle wurde wegrationalisiert, er mit einer guten Abfindung entlassen. Es folgte Arbeitslosigkeit. Die ersten Monate genoss er noch, sah sie als eine Art Urlaub, danach wurde er zusehends unzufriedener, denn es war kein neuer Job in Sicht. Er ging seiner Frau und den Kindern auf die Nerven. Sie waren es nicht gewohnt, ihn ständig um sich zu haben. Er war es nicht gewohnt, zu Hause zu sein. Die Hauswirtschafterin mußte entlassen werden, denn langsam wurde das Geld knapp. Seine Frau murrte zwar, heuchelte aber Verständnis. Die Spannungen wuchsen. Eines Tages kam sie, nach fast 20 Jahren Ehe, und eröffnete ihm, sie wolle sich scheiden lassen. Sie habe sich neu verliebt. Er war fassungslos.

Die Schraube drehte sich weiter. Umzug in eine kleine Wohnung. Einsamkeit. Er griff immer mehr zum Alkohol, um den Schmerz in sich zu betäuben. Das Gefühl der Hilflosigkeit. Die innere Wut, die er nicht herauslassen konnte. Er litt still. Und trank. Mit der Zeit verprellte er seine Kinder und seine Freunde. Nach und nach. Die Scheidung wurde ausgesprochen und was ihm blieb war nicht mehr sehr viel. Er ließ sich immer mehr gehen. Wusch sich kaum noch, kümmerte sich nicht mehr um seine Finanzen. Und das ihm, dem Banker. Eines Tages stand der Gerichtsvollzieher vor seiner Tür. Und wurde fortan zu seinem einzigen und regelmäßigen Besucher. Seine Kinder kamen mehrmals, versuchten ihn zu einer Alkoholtherapie zu überreden. Er wies ihnen jedes Mal, höflich wie immer, aber bestimmt die Tür. Er zahlte seine Miete nicht mehr. Vor zwei Tagen dann die Zwangsräumung.

Und jetzt stand er hier in dieser billigen Pension. Aß nicht, schlief nicht und war zu feige, die Schlaftabletten zu nehmen, die er sich besorgt hatte, falls es einmal soweit kommen sollte. Plötzlich hielt er es nicht mehr aus. Er beschloß einen Spaziergang zu machen. Etwas, das er seit zwei Jahren nicht mehr getan hatte. Er verließ die Pension und wollte die Straße überqueren, als der Wagen um die Ecke geschossen kam und ihn erfasste. Sein Körper wurde über das Autodach geschleudert. Der Aufprall war hart. Er starb nicht sofort. Stimmen umwaberten ihn. Das Heulen von Sirenen. Das Weinen des jungen Mannes, der den Wagen gefahren hatte. Warum weinte der Junge? Er hatte ihm doch eine unangenehme Aufgabe abgenommen. Dann Dunkelheit. Er verspürte keinen Schmerz mehr. Endlich. Als der Notarzt eintraf, war er schon tot. Die Retter wunderten sich über den zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht.

Der junge Fahrer weinte noch immer. Stand unter Schock. Ja, er war zu schnell gefahren. Ein Moment der Unachtsamkeit, der diesem Mann das Leben gekostet hatte. Er machte sich lange Jahre Vorwürfe. Konnte nicht wissen und würde nie erfahren, welchen Gefallen er dem Mann getan hatte.

S. Steinebach/2004


Einstell-Datum: 2004-02-26

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 3.53.53.53.5 (2 Stimmen)

 

Kommentare


Zu diesem Objekt sind noch keine Kommentare vorhanden.

Um einen Kommentar zu diesem Text schreiben zu können, loggen Sie sich bitte ein!

Noch kein Mitglied bei versalia?



Vorheriger Text zurück zur Artikelübersicht Nächster Text


Lesen Sie andere Texte unserer Autoren:
One of these days · LILA LATZHOSEN PADDELPAUSE · Brief an Beate ·

Weitere Texte aus folgenden Kategorien wählen:
Anekdoten · Aphorismen · Erotik · Erzählungen · Experimente · Fabeln · Humor & Satire · Kolumne · Kurzgeschichten · Lyrik · Phantastik · Philosophie · Pressemitteilungen · Reiseberichte · Sonstiges · Übersetzungen ·

Aus unseren Buchrezensionen


Wiktor WawitschSchitkow, Boris:
Wiktor Wawitsch
"Nicht Menschen sollte man umbringen, sondern die Ordnung, und umbringen sollte man sie in den Gehirnen der Menschen." (Schitkow, Boris: Wiktor Wawitsch. Reinbek bei Hamburg, 2005. S. 863.) Wiktor Wawitsch: Ein Polizist, ein Roman. Der Autor: Boris Schitkow. Zeit und Ort der Handlung: das revolutionäre Russland um das Jahr [...]

-> Rezension lesen


 Reise in PolenDöblin, Alfred:
Reise in Polen
Nach zuletzt hundertdreiundzwanzig Jahren Fremdbestimmung und mehreren gescheiterten Aufständen konnte sich Polen im Zuge des Ersten Weltkrieges von seinen Besatzungsmächten Deutschland, Österreich und Russland befreien. Im Dezember 1918 hatte sich von Posen aus der Großpolnische Aufstand (Powstanie Wielkopolskie) formiert, der die [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?


Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.017987 sek.