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Man kommt an vielen Zimmern vorbei. Vorbei an dicken
schweren Türen. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine neue
gruselige Geschichte.
Eine Drogenfantasie. Eine von der üblen Sorte. Ich erzähle
nicht, wie es gewesen ist, sondern wie ich es mir vorstelle,
dass es wäre, wenn ich es nochmal erleben würde. Wie ich
diese Geschichten erleben würde, wenn ich sie nochmal
erleben müsste.
Man muss sich heranschleichen, um alles zu verstehen.
Vorsichtig sein wie ein Ninja. Bedacht und immer auf der
Hut. Jederzeit könnte die schwere Tür aufgerissen werden und
dich vermutlich hinab ziehen in diese grausamen Geschichten.
Ich weiß nicht mal, was genau dann passiert. Was würde wohl
mit uns geschehen, wenn wir in die Geschichten anderer
gezogen werden, auch nur, wenn ich selbst sie erzähle?
Bestimmt etwas Furchtbares. Davor muss man sich in Acht
nehmen, wenn man sich den einzelnen Türen, den einzelnen
Geschichten nähert.
Ich bewege mich auf die erste Tür an der linken Seite des
Flures zu. Viele Türen warten noch auf mich, aber erst mal
diese hier ausprobieren und auf den Geschmack kommen. Was
erwartet mich hier hinter? Trauer höre ich. Aber zuerst
klingelt das Telefon. Eine Ente läuft im Hotelzimmer auf und
ab. Und das Herrchen hinterher im Entengalopp. „Halt bleib
stehen!“ quickt der spießige Besitzer dem Tier hinterher.
Dann das Telefon, die völlige Nichtbeachtung der Ente, die
nun genüsslich am Vorhang des Hotelzimmers lutscht. „Ja,
hallo? – Ja das bin ich.“
Ich höre nur das Herrchen der Ente sprechen, nicht die
andere Seite der Leitung. „Ja, das ist mein Sohn, was ist
denn passiert? Was wollen sie von mir? – Was hat er nun
schon wieder angestellt? – Was ist er? – Ja, da arbeitet er.
Ein Unfall ist passiert? – Ja ich weiß Bescheid. Hat keine
Eile. Morgen werde ich abgeholt. – Ja, ich bin dann bereit.
Ja. Ja. Ich habe verstanden. Ja, danke für den Anruf. Ja,
ich werde auf dem Laufenden gehalten, danke. Ja, ist in
Ordnung.“
Er hatte verzweifelt die Ente versucht einzufangen. Sie war
aus ihrem Käfig ausgebrochen und umher gewatschelt. Frei und
nicht eingesperrt. Das ging natürlich nicht. Der Besitzer
der Ente wollte sie morgen auf einer Ausstellung
präsentieren, dafür musste sie natürlich sicher verwahrt
bleiben. Sie war sein Glanzstück und sollte ihm den Respekt
unter den anderen Entenzüchtern sichern. Deswegen durfte sie
nicht dem Risiko ausgesetzt werden, frei und nicht
eingesperrt zu bleiben. Die Ente kommt nun von alleine auf
ihn zu, umgarnt sein Bein und will, nachdem sie nun einige
Meter Freiheit genossen hat, auf den Arm genommen werden.
Will gedrückt werden und liebkost, danach wieder in ihren
Käfig wie sie es eben kennt. Sie bekommt aber nur einen
unsanften, automatisiert abwehrenden Tritt zu spüren. Nun,
sie spürt ihn nicht lange. Der Tritt tötet die Ente.
Vielleicht ungewollt, aber endgültig. So wie der Sohn in der
Nacht noch an seinen Verletzungen im stundenlangen Kampf
erliegt, so stirbt die Ente an dem spontanen Fußtritt. Er
realisiert nicht die Folgen, die diese Tat hat. Die
Konsequenzen wird er erst in wenigen Momenten begreifen,
wenn er das Telefonat verdaut hat, wenn er aufgelegt hat.
Der Vater wurde soeben telefonisch informiert, dass sein
eigen Fleisch und Blut im Krankenhaus liegt. Ein Unfall auf
der Arbeit. So wie es ein Unfall war, die Ente, seine
heißgeliebte Ente zu töten.
Oh Gott, seine Ente! Aber, – wie soll er denn jetzt? Und was
ist mit – ? Ihm fehlen die Worte. Nun trauert er um die
Ente, und macht sich Gedanken über seinen Sohn.
Das Innere des Zimmers hinter der Tür wandelt sich um zu
einer Stahlfabrik. Stahlträger, Lastenwinden, Maschinen zum
Verarbeiten, Kessel kochendes Eisen, Gussformen und Männer
in Arbeitsanzügen.
In diesem großen Gewirr, in diesem bienenartigen Rhythmus
verkommen die Menschen, und sein Sohn mittendrin zu einem
großen arbeitenden Organismus. Als Praktikant,
Auszubildender mit wenig Wissen und wenig Gefühl für die
Gefahr dieser schweren Arbeit. Der Duft von verwesenden
Hunden liegt in der Luft und kommt gelegentlich hineingeweht
durch die schweren Tore, die Funken sprühen innendrin und
ergeben ein Lichtermeer. Letzte Woche erst hat ein
Tollpatsch versucht, eine aufgerollte Stahlmatte,
tonnenschwer, vor dem Herunterfallen zu bewahren indem er
das Bein zwischen Boden und Matte hält, intuitiv wie man es
bei einem fallenden Glas tut. Da war das Bein kaputt. Nun
sollte sein Sohn unvorsichtig genug sein, um zu sterben.
Nein, es ist nicht mal seine Schuld, ihm kann es nicht zum
Vorwurf gemacht werden aufgrund seiner jugendhaften Naivität
zu sterben.
Über den Köpfen der Männer werden die schweren Eisenträger,
fertig zum Transport durch die Halle auf die andere Seite an
Lastkränen getragen, um abtransportiert zu werden.
Schließlich warten auf dieser Seite die Lastwagen, um die
Eisenträger abzutransportieren. Bei der Schwebekonstruktion
kommt es auch mal vor, dass einige dieser Eisenträger
hinunter krachen und Menschen unter ihrer tonnenschweren
Last begraben. Es war ein großes Gemetzel, die Einzelteile
des Jungen lebten aber noch für eine Weile und wurden mit
dem Krankenwagen zum Krankenhaus gebracht. Die Stahlfirma
informierte den Vater per Telefon. Was für mich bleibt ist
der Träger, der auf meinem Rücken liegt wie eine steife
Leiche. Er kam einfach so durch die schwere Tür aus der
fahlen Geschichte dahinter gerauscht, überraschte mich und
blieb auf meinem Rücken liegen wie ein Parasit. Er trachtet
nach meinem Leben, saugt sich fest und mir das Leben heraus.
Das spüre ich.
Ich schleppe den schweren Eisenträger, der auf mir lastet
wie das Kreuz des Jesus, zur nächsten Tür. Der Gang zur
nächsten Tür ist nicht mehr grazil. Ich stöhne und ächze
unter der Last des Eisenträgers, seine gewaltige Tonnenlast
bricht mir das Rückgrat. Ein Hotelpage im schicken Zwirn
steht bereit, fragt liebevoll: „Kann ich ihnen das
vielleicht abnehmen?“ Ich sage ja und übergebe den
Eisenträger, an ihm klebt noch das Blut des kleinen Jungen.
Ich wische mir noch den Schweiß aus dem Gesicht, ziehe mir
die Haut dabei ab und sehe den armen Pagen wie er unter dem
Eisenträger einige Meter entfernt von mir unter lautem Krach
zusammenbricht und stirbt. Nun, jetzt weiß die nächste Tür,
die nächste Geschichte schon Bescheid. Die schwere Tür wird
aufgestoßen und ein älterer Mann kommt heraus gestürmt,
erwartet wohl einen Angriff auf sein Zimmer.
Er steht kampfbereit, mit erigiertem Penis, im Flur, dreht
sich mehrere Male beschwipst um seine eigene Achse und muss
enttäuscht feststellen, nur ein verrückter Schriftsteller
auf Drogen steht ihm gegenüber, kein Kampf ist auszutragen.
Ich schaue hinein in das höllische Zimmer, in dem eine
asiatische Schönheit mit zusammengebundenen Hufen auf die
alten, fettigen Fettschwarten wartet. Und das Licht brennt.
„Das geht so nicht! Das ist kostbarer Strom!
Verschwendung!“, schreie ich den wackelnden Penis an und
stürme zugleich ins Zimmer, vorbei an den Ausscheidungen der
Asiatin und mache Fernseher, Lampe und Deckenlampe zugleich
mit nur einem gekonnten Knipser aus. Wenn es um Strom geht,
bin ich schnell wie eine Gazelle.
Dann höre ich nur noch wie der Alte durch den nun dunklen
Raum torkelt und gegen die teure Einrichtung stößt, mit
seinem gewaltigen Geschlechtsorgan alles umwirft, was ihm zu
nahe kommt und mich packen will, mich bestrafen will für die
Einsparungen am Strom. „Oder kannst du deine schlitzäugige
Muschi nur im Hellen ficken?“, dabei war ich schon wieder
draußen, vorbei an der vor Unterwürfigkeit und Erregung
stöhnenden Asiatin, die mir doch so gerne an die Wäsche
gehen wollte und zog die schwere Tür zu, ließ diesen nun in
Dunkelheit gehüllten Raum mit seinen Abarten hinter mir. Ich
habe noch so viele Räume vor mir.
Einstell-Datum: 2011-06-25
Hinweis:
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