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Das kleine Café war fast leer. Der einzige Gast war eine
junge Dame, die an einem kleinen Tisch am Fenster saß und
durch die großen Panoramascheiben auf den Marktplatz sah.
David fuhr sich durch das vom Regen feuchte Haar, zog seinen
Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe.
Er wählte den Tisch neben der jungen Dame aus und setzte
sich erleichtert. Der Tag war anstrengend gewesen.
Seine Tischnachbarin sah nicht einmal auf. Ihr Blick verlor
sich in den grauen Wolken über dem Marktplatz. Sie sah
nachdenklich aus. Mit einer Hand zerkrümelte sie etwas Wachs
auf der Tischdecke.
„Was darf ich Ihnen bringen?“
David zuckte zusammen. Der Kellner war fast lautlos an
seinen Tisch getreten.
„Einen Milchkaffee, bitte.“
„Sehr gerne.“ Genauso lautlos, wie er gekommen war,
verschwand er auch wieder.
Davids Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die junge
Dame am Nachbartisch. Sie hatte noch keinen Schluck von
ihrem Tee genommen.
David fand sie außergewöhnlich attraktiv. Sie trug ein
elegantes Kostüm und hatte die Haare hochgesteckt. Einige
der braunen Strähnen hatte sich jedoch gelöst und
umschmeichelten weich ihr Gesicht. Ihre Augen waren groß und
braun – und schrecklich traurig.
„Entschuldigung?“, sagte David ohne weiter nachzudenken.
Die junge Frau zuckte zusammen und sah ihn verwirrt an. Sie
schien erst jetzt zu merken, dass er da war.
„Stimmt etwas mit Ihrem Tee nicht? Man kann ihn sicher
zurückgeben.“
Verständnislos sah sie ihn an. Dann fiel ihr Blick auf ihre
unberührte Teetasse. Sie schüttelte den Kopf. „Alles in
Ordnung. Danke.“
„Kann ich dann sonst etwas für Sie tun?“
„Nein. Nicht nötig.“
Sie wollte sich schon wieder abwenden. Doch dann verharrte
sie. „Obwohl...“
„Ja?“
„Können Sie zuhören? Einfach nur zuhören? Das würde mir sehr
helfen.“
Erstaunt hob David die Augenbrauen. Doch dann nickte er.
„Natürlich. Kann ich mich zu Ihnen setzen?“
Sie nickte. Er merkte, wie sie ihn genau musterte, als er
sich zu ihr setzte. Er lächelte ihr freundlich zu. Verwirrt
schlug sie die Augen nieder. Ihre Wimpern waren lang und
dunkel.
Der Kellner brachte David seinen Milchkaffee und verschwand
wieder in der Küche.
David nippte an seinem Kaffee und sah die junge Frau
auffordernd an. Verlegen spielte sie mit einer Serviette und
wich seinem Blick aus.
„Nun ja..“ Sie schien nach Worten zu suchen. David lächelte
erneut, aufmunternd. Sie holte tief Luft. Dann begann sie.
„Was würden Sie sagen, ist der Sinn der Lebens? In unsere
Zeit? In einer Zeit des Computers und der Wissenschaft? In
einer Zeit der Globalisierung und Hektik? Früher waren es
der Glaube und Gott. Das Überleben im rauen Mittelalter. Das
hat jetzt alles keine Bedeutung mehr. Also, was würden Sie
sagen? Was ist der Sinn?“
Überrascht sah David sie an. „Der Sinn?“
„Ja.“.
„Ich denke, dass das für jeden etwas anderes ist. Aber im
Großen und Ganzen: Glücklich sein. Ja, ich würde sagen,
glücklich zu sein ist der Sinn des Lebens.“
Sie nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Und was
ist, wenn man nicht glücklich ist? Was macht man dann?“
Sie wartete nicht auf Davids Antwort, sonder fuhr fort.
„Alle Leute sagen, ich müsste glücklich sein. Sie schauen
mich an und sehen eine junge Frau mit reichen Eltern, die
dabei ist, ihr Studium erfolgreich abzuschließen und deren
Freund sie gerade um ihre Hand angehalten hat. Es scheint
alles perfekt. Aber es ist nicht perfekt. Ich bin nicht
glücklich.“
Sie hielt inne. Ihr Finger fuhr über den Rand ihrer Tasse.
Sie blickte auf und sah David in die Augen.
„Ich wollte schon früher immer Medizin studieren und dann
heiraten. Es ist alles so, wie ich es geplant habe. Und
jetzt stehe ich hier und weiß nicht, ob ich das wirklich
will. Es ist verrückt.“
„Sie haben das geplant?“
„Ja. Ich dachte, eine Arbeit und ein Ehemann würden mich
glücklich machen. Aber das reicht mir nicht. Ich habe mir
das alles vorgestellt. Alles sollte perfekt sein. Vielleicht
erwarte ich zu viel. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass
ich nicht glücklich bin.“
„Dann ist es nicht das Richtige für Sie. Dann haben Sie
falsch geplant.“
Die junge Frau sah ihn mit großen Augen an. „Und jetzt?“
„Sie sind jung. Es ist schwierig, jetzt schon zu planen.
Schmeißen Sie Ihren Plan über den Haufen. Was Sie nicht
glücklich macht, ist nicht gut. Sie wollen, dass alles
perfekt ist. Das Leben ist nicht perfekt. Das Leben ist das
Leben. Voller Chaos und Verwicklungen. Aber das Leben ist
lebendig. Sie sollten das Leben lieben, weil es sie
ausfüllt, nicht weil es perfekt ist. Es gibt keinen
perfekten Mann, keine perfekte Arbeit. Trotzdem kann man
glücklich sein. Glücklich, weil man das Leben pulsieren
fühlt. Fühlen Sie das Leben pulsieren?“
Sie sah ihn verwirrt an und schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Alles steht still. Nichts pulsiert.“
„Dann ändern Sie Ihr Leben. Machen Sie das, was sie
glücklich macht. Fühlen Sie die Lebenslust.“
Fasziniert sah sie ihn an. „Fühlen Sie das Leben pulsieren?“
Er lächelte. „Ja. Soll ich es Ihnen zeigen?“
Erstaunt nickte sie.
„Haben Sie schon mal im Regen getanzt?“
„Nein.“
„Es ist herrlich. Sie ziehen die Schuhe aus und laufen nach
draußen. Sie spüren, wie das Wasser ihre Kleidung
durchnässt. Wie die Tropfen über Ihr Gesicht laufen und an
ihrem Hals hinab. Sie springen mit den nackten Füßen durch
die Pfützen und spritzen Ihre Hose nass. Sie drehen sich und
hüpfen und lachen. Dabei ist Ihnen schrecklich kalt und die
Steine stechen in Ihre Fußsohlen. Die Leute sehen Sie und
denken, Sie sind irre. Aber das ist egal. Sie sind
glücklich. Es ist nicht perfekt, aber Sie sind glücklich. Es
pulsiert.“
Die junge Frau lachte unsicher. David sprang auf und reichte
ihr seine Hand. „Kommen Sie?“
Sie zögerte und sah ihn zweifelnd an.
„Tanzen Sie mit mir!“, bat David.
Sie musterte seine Hand. Dann sah sie ihm in die Augen und
lächelte. Sie legte ihre Hand in seine. Das Leben pulsierte.
Einstell-Datum: 2005-09-10
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