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Dickensian Times
Autor: Gerhard Mersmann · Rubrik:
Pressemitteilungen

Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens

Als er am 14. Juni 1870 in der Westminster Abbey zu London beigesetzt wurde, säumten Hunderttausende die Straßen. Da war vielleicht der letzte Held dieser britischen Welt gestorben, der die Seele des Volkes erobert hatte. Niemand kannte die grausamen Lebensbedingungen des britischen Proletariats besser als er und niemand anderes als er verstand es, das Elend, die Untiefen der Seele und den Überlebenswillen in Worte zu fassen, die so einprägsam und treffend waren, dass sie heute, am 200. Jahrestag seiner Geburt, noch zur Kollektivsymbolik seines Landes beitragen.

Charles Dickens, dessen Große Erwartungen in England im letzten Jahr neu verfilmt wurden und bei deren Ausstrahlung alle anderen TV-Angebote keine Chance hatten, wurde deshalb zum Volkshelden, weil er vielleicht der letzte Schriftsteller Europas war, der die Welt der unterdrückten Klassen aus eigener Anschauung kannte. In seinen großen Romanen wie Oliver Twist, David Copperfield und der Tale of Two Cities breitet er in einer Komplexität sondergleichen das aus, was getrost als Unterwelt bezeichnet werden kann. Das Londoner East End, in dem heute in unbezahlbaren Lofts die Hütchenspieler der Londoner Börse wohnen, vegetierten sie, die Underdogs und Outcasts, die Tagelöhner, Nutten und Mörder, die unzähligen Kinder, die mit Hunger, Krankheiten und dem übergroßen Durst ihrer Väter aufwuchsen.

Dickens, der Romancier, dessen Vater zwar eine Anstellung bei der Royal Navy hatte, aber aufgrund seiner Spielsucht im Schuldenturm landete, kannte selbst die Armut und die Kinderarbeit. Alles, was er später beschrieb, hatte er am eigenen Leib erlebt und nichts, was die Abgründe der menschlichen Seele betraf, war ihm fremd. Mit der Akribie eines Buchhalters transferierte er das, was er erlebt hatte, in seine Handlungen und schuf dabei Figuren, die bis heute auf der ganzen Welt bemüht werden, wenn etwas illustriert werden soll. Seine Figuren und Begriffe gehören in Großbritannien zu der großen Erzählung über die eigene Geschichte.

Bis heute kennt jedes Kind Scrooge, einen Spielverderber, der aus der Weihnachtsgeschichte entlehnt ist, nach Uriah Heep, dem geldgeilen Pfandleiher aus David Copperfield benannte sich gar eine Band und wenn jemand in England das System der Ausbeutung seiner drastischsten Form beschreiben will, dann nennt er es Dickensian. Die Bücher, die Dickens schrieb, und die Figuren, die er schuf, sind heute noch geeignet, in einer Dimension zu ergreifen und zu erschüttern, die scheinbar in ein anderes Zeitalter gehört.

Ob Charles Dickens in Zeiten seines 200. Geburtstages noch eine Chance hat, gelesen zu werden, hängt von dem ab, für das er sich Zeit seines Lebens mit Vehemenz und großem Engagement einsetzte: Bildung für die unteren Schichten. Dickens wollte den sozialen Aufstieg des Proletariats und sah die Chance dazu nur in der Bildung. So sehr die Verfilmungen seiner Bücher auch das große Publikum anziehen, so sehr ist Zweifel angebracht, ob die heutigen unteren Schichten Großbritanniens, nämlich das Proletariat, das keiner mehr will, in der Lage wären, die dicken Bücher mit den komplexen Handlungsstrukturen tatsächlich zu lesen. Es scheint, als ob die Probleme, denen Charles Dickens sein Leben widmete, noch genauso aktuell sind, wie zu seiner Zeit. Das spricht für seine Bücher!


Einstell-Datum: 2012-02-07

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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