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Die Faszination des Thrillers
Autor: Michael Felske · Rubrik:
Sonstiges

Die Literaturwissenschaft unterteilt die Kriminalliteratur in zwei idealtypische Stränge, die dem gleichen Gattungszusammenhang angehören.

Den einen bildet der Detektivroman resp. die Detektiverzählung (engl.:to detect = aufdecken, enthüllen; Detective = Geheimpolizist), den anderen Strang der kriminalistische Abenteuerroman, der Thriller (engl: to thrill = schauern, erbeben; Thriller = Schauerroman). Diese beiden Stränge können sich berühren, aber bereits die Übersetzungen der englischen Ursprungsvokabeln zeigen, dass beide aufgrund inhaltlicher und auch formaler Merkmale relativ gut auseinander zu halten sind. In diesem Zusammenhang soll die Detektiverzählung vernachlässigt werden, lediglich erwähnenswert, dass das Ziel des Erzählens dort stets rückwärts, in Richtung einer bereits vollzogenen kriminellen Handlung, ausgerichtet ist.

Im deutlichen Gegensatz dazu der Thriller: Grob skizziert ist der Thriller eine aktionsgeladene Jagd auf einen oder mehrere u.U. von vornherein bekannten Verbrecher. Der Protagonist durchlebt Szenarien des Kampfes incl. seiner Begleiterscheinungen wie etwa Flucht, Verfolgung, Verwundung, Gefangennahme, Befreiung, um letztlich doch mit den Hindernissen fertig zu werden, die sich ihm in den Weg stellen. Diese Jagddarstellung führt zur vorwärts gerichteten, chronologischen Erzählweise.

Verbreitung in der BRD

Die aufzufindenden Angaben über die Verbreitung dieses Genres sind nicht allzu präzise und beziehen sich vor allem auf das gesamte Spektrum der Kriminalliteratur (Detektivromane und Thriller). Dennoch lassen sie den Schluss zu, dass die Kriminalliteratur einen bedeutenden Anteil der gesamten Literaturproduktion ausmacht. Der Umsatz an Kriminalliteratur in Buchform ist in der Bundesrepublik Deutschland seit 1955 beständig angestiegen. Anfang der sechziger Jahre errechnete man eine Gesamtauflage von in deutscher Sprache erschienen Kriminalromanen (incl. der Übersetzungen) von 15 Millionen Exemplaren. Hierbei sind jedoch die so genannten Heftromankrimis noch nicht berücksichtigt. Allen voran steht in dieser Sparte die hierzulande beliebteste Serie der "Jerry-Cotton"-Krimis mit einer wöchentlichen Auflage vom 300 000 Exemplaren. Um das aus diesen Zahlen ersichtlich werdende Ausmaß der Beliebtheit dieser Literaturgattung zu ergründen, soll nun im Folgenden auf die wesentlichen Elemente des Thrillers eingegangen werden.

Einige Elemente des Thrillers

In den folgenden Abschnitten finden die mit Beginn der sechziger Jahre einsetzenden Versuche einer Neuorientierung des Kriminalromans durch die Integration sozialkritischer Momente in die Bedingungen der Unterhaltung keine Berücksichtigung; sie beziehen sich vielmehr auf idealtypische Ausprägungen dieses Genres.

Handlung und Handlungsstruktur

Die inhaltlichen Elemente des Thrillers sind durch den typischen Dreischritt von Verbrechen, Fahndung und Überwältigung des Täters gekennzeichnet. Die Art des Verbrechens ist nicht festgeschrieben, das Spektrum reicht vom einfachen Raub bis hin zum schweren Mord oder Massenmord. Der Leser erlebt als Zeuge die Vorbereitungen oder auch die des die Gesellschaft bedrohenden Verbrechens mit. Die Fahndung im Thriller erfolgt nicht durch von einem Fixpunkt ausgehende Verhöre sondern meist durch die Verfolgung der vermeindlichen Täter. Bei der Verfolgung kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen der in-group und der out-group und damit zu einer Häufung von Gewaltdarstellungen, die zuweilen ein Wechselspiel der Machtverhältnisse ermöglichen. Der Held kann dann flüchten oder auch in Gefangenschaft geraten, aus der er sich jedoch befreien muss, um erneut die Verfolgung aufzunehmen, die schließlich zur Überwältigung des Täters führt. Die strukturelle Anordnung der inhaltlichen Elemente erfolgt auch entsprechend dem oben erwähnten Dreischritt Verbrechen, Fahndung und Überwältigung des Täters. Für die erzählerische Anordnung der Vorgänge im Thriller gilt meist das Prinzip der Linearität. Die Ereignisse bedingen einander, werden chronologisch aneinander gereiht und sind nie vom Protagonisten getrennt. Neben dem Prinzip der Linearität kommt häufig auch das Prinzip der Dualität zur Anwendunq. Es besagt, dass zwei Handlungsstränge parallel nebeneinander verlaufen, sich (zu Situationen der Auseinandersetzung) überschneiden, um sich dann gegen Ende zu vereinen. Beide Arten der Erzählweise verstärken auf verschiedene Weise die Spannung für den Leser. Im ersten Fall ist der Leser an den Helden gebunden, sein Zeiterleben ist mit dem des Helden identisch und auch er verbleibt bezüglich des Ausgangs der Aktionen im Ungewissen. Der zweite Fall des dauernden oder auch nur zeitweisen Perspektivenwechsels stellt sich jedoch für die Autoren dieses Genres als einfachstes Mittel zur Spannungserzeugung dar. Die Handlungsunterbrechung auf einem der erzählerischen Höhepunkte eines Handlungsstrangs zugunsten des anderen beunruhigt permanent die Fantasie des Lesers über den Fortgang der Handlungen. Hier entsteht Spannung durch einfache Informationsverweigerung, sie variiert zusätzlich noch mit der Geschwindigkeit der geschilderten Handlungsabläufe. Die Höhepunkte der Gefahr für den Helden sind für den Leser Höhepunkte der Spannung, die Bewältigung bzw. die Überwindung der Gefahr bedeutet Entspannung. Dieser ständige Wechsel ergibt eine Spannungskurve, die in Addition zu den aktivistischen Schilderungen der Handlungen die Dynamik ausmacht, die den Leser dazu treibt, die Seiten nur so zu überfliegen.

Personen des Thrillers

Die Personen der in- und out-group des Thrillers sind gegensätzlich gekennzeichnet so dass der Leser sie recht bald den einzelnen Kategorien "Gut" und "Böse" zuzuordnen vermag. Der Held als Zentrum der in-group ist den Normen und Werten des gesellschaftlichen Systems verpflichtet, sie stellen letztendlich seine Handlungsmotivationen dar. Diese Übereinstimmung allgemein gültiger Einstellungen und der Einstellungen des Helden ermöglichen die für den Thriller-Helden so typische überhöhte Zeichnung der Figur. Die Qualitäten des Helden liegen auf der emotionalem und auf der pragmatischen Ebene. Um in den immer wiederkehrenden Kämpfen bestehen zu können, bedarf es handgreiflicher Fertigkeiten wie etwa Schlagkraft, Kondition und Gewandtheit. Neben diesen rein körperlichen Qualitäten verfügt der Held des Thrillers zusätzlich noch über die Tugenden des Kampfes: er ist kaltblütig, tapfer, kurzentschlossen, unempfindlich, unverletzlich und stolz. Zur Komplettierung der Bedingungen des Erfolges weicht in den für ihn existentiell entscheidenden Momenten das Glück nicht von seiner Seite, er scheint von instinktgebenden Mächten geleitet zu sein, auf die er sich voll und ganz verlassen kann. Dieser überhöht dargestellten Gestalt des Helden steht im Thriller ein ebenfalls überzeichneter Anti-Held gegenüber. Zwar nicht einseitig fixiert, lässt die Darstellungsweise den Leser doch keinesfalls im Unklaren darüber, welcher Seite er einzuordnen ist. Typische Anti-Helden werden im Thriller sowohl in ihrem Phänotyp (hässlich, ungesund, unappetitlich, tierisch) und in ihren Verhaltensweisen (brutal, sadistisch, hinterhältig) eindeutig verzerrt dargestellt. Zusätzlich weist sie ihre soziale Herkunft meist noch als Mitglied vorurteilsbelasteter Gruppen (Fremdrassige / südländischer oder asiatischer Abstammung, politisch oder religiös Andersdenkende) aus. Die Stärke des Anti-Helden ist oft der des Helden ebenbürtig. Hieraus resultiert für den Rezipienten ein spannungssteigerndes Moment, denn die Auseinandersetzungen zwischen Held und Anti-Held erfahren dadurch eine höhere Brisanz.


Einstell-Datum: 2008-10-10

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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