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Die Fußball-Legende
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Kolumne

Wir haben uns angewöhnt, Fußball als eine Massensportart zu betrachten, die vor allem in den unteren, breiteren Volksschichten ausgeübt wird und dort auch beheimatet ist. Aufgrund ihres besonderen sportlich-ästhetischen Reizes soll sie jedoch sich Anerkennung in allen Schichten verschafft haben und dadurch zur Hauptsportart schlechthin aufgestiegen sein. Historisch stimmt daran nichts. Im Folgenden beziehe ich mich insofern auf den detaillierten Wikipedia-Artikel über Fußball.

Der moderne Fußball ist bekanntlich eine englische Erfindung. Gehen wir aber noch etwas weiter zurück, fangen wir bei den alten Chinesen und ihrem Fußball an. Wikipedia: „ … gilt als sicher, dass es als militärisches Ausbildungsprogramm zum Training der Soldaten durchgeführt wurde.“ Die Linie führt weiter über Sparta (nicht Athen, Sparta!) und Rom („militärischer Kontext“). In England taucht die Vorform des Fußballs im Mittelalter auf. Bezeichnenderweise spielt die Rolle des späteren Fußballtores das Stadttor. Die Einnahme des Stadttores war in jenen Zeiten gleichbedeutend mit Einnahme der Stadt und das bedeutete: Plünderung, Vergewaltigungen, Massentötung.

Auf dieses Spiel besann sich also die englische Oberschicht im 19. Jahrhundert, da es hervorragend geeignet schien, die Söhne dieser Oberschicht auf ihre späteren Beruf (Offizier, Kolonialbeamter) vorzubereiten. England hatte sich schon beträchtliche Teile der Erdoberfläche angeeignet und war nicht gewillt, sie wieder herauszugeben. Im Gegenteil: Es setzte im Wettlauf vor allem mit Frankreich und Russland dazu an, sich noch mehr Länder untertan zu machen. Der Aufstieg des Fußballs in England ist eine unmittelbare Begleiterscheinung des britischen Imperialismus. Auf dem Kontinent setzte die Fußballbegeisterung mit erheblicher Verzögerung ein, zuerst in der Schweiz, ausgehend von Privatschulen mit englischen Zöglingen. Im Deutschen Reich waren die konservativen staatstragenden Schichten lange erbitterte Gegner der neuen Sportart. Sie hatten realisiert, welche überlegene Konkurrenz der eigenen Wehrertüchtigung à la Turnvater Jahn erwachsen war.

Das kleine England beherrschte schließlich ein Viertel der Erde, darunter Indien sowie Afrika von Kairo bis zum Kap. Es triumphierte im 1. Weltkrieg. Unmittelbar danach stieg Fußball auch in Kontinentaleuropa zur führenden Sportart auf und stützte sich bald nicht mehr nur auf den bürgerlichen Nachwuchs, sondern bezog gerade auch den proletarischen mit ein. Die zeitliche Parallele zum Aufstieg von Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus ist kein Zufall. Diese Gesellschaften bereiteten sich auf Kriege im Innern wie im Äußeren vor, mit massenhaftem Einsatz von Material und Menschen – Menschenmaterial. Fußball war eine paramilitärische Erziehung. Tatsächlich geht es in diesem Spiel nur in zweiter Linie um körperlich geschickten Umgang mit dem Ball. Im Vordergrund steht unverkennbar die Eroberung von Terrain. Der Gegner soll auf seinem eigenen Gebiet attackiert und niedergerungen werden.

Wer Lust hat, das Thema zu vertiefen, kann die Zusammenhänge zwischen der Fußballwelle nach Weltkrieg II und den Exportoffensiven und Wirtschaftskriegen der Fünfziger und Sechziger untersuchen.

Verblüffend ist die Karriere, die Fußball nach Achtundsechzig bei einem Teil der Intellektuellen gemacht hat. Sie haben sich wohl tatsächlich von der pseudovolksnahen Ausstrahlung täuschen lassen und das Märchen von der originären Volkssportart geglaubt. Und heute? Fußball ist so international und interkontinental wie die Kriege der Gegenwart. Er passt hervorragend zu unserem aktuellen Neoimperialismus. Köhler geht, nachdem er sich einmal im entscheidenden Punkt verhaspelt hat – und die WM beginnt, dürftig geschminkt als angeblich völkerverbindend und friedliche Entwicklung stimulierend. Im Lärm der afrikanischen Vuvuzelas steckt die Wahrheit: Krieg und Kriegsgetöse. Es sind Kriegstrompeten.

Weil sie hierher passen, einige Zeilen von Bertolt Brecht, und zwar der Refrain des „Kanonen-Song“ aus der Dreigroschenoper, in dem er jene stolze britische Mentalität so treffend karikiert hat:

„Wenn es mal regnete / Und es begegnete / Ihnen `ne neue Rasse / `ne braune oder blasse / Da machen sie daraus vielleicht ihr Beefsteak Tartar.“


Einstell-Datum: 2010-06-15

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 333 (2 Stimmen)

 

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