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Die Wahrheit
Autor: Wanderstein · Rubrik:
Kurzgeschichten

Die Wahrheit

Ich will euch die Wahrheit erzählen, schrieb ich auf.
„Dann wärst Du aber der Erste“, lachte eine Stimme in meinem Kopf.
Im Grunde hat sie recht, dachte ich und strich den Satz aus.
Dann schrieb ich ihn erneut auf.
Ich will euch die Wahrheit erzählen. Auch, wenn ich der Erste bin, setzte ich hinzu.
„Was ist denn Wahrheit?“ wollte die Stimme in meinem Kopf wissen.
„Ich setzte mich nicht einer semantischen Diskussion aus, wenn ich schreibe“, antwortete ich. „Meine Leser wissen, was Wahrheit ist. Schließlich hat jeder seine Eigene. Und jetzt laß mich arbeiten, oder ich betäube Dich mit allem, was ich finde!“
Die Stimme gab nach und verstummte. Endlich arbeiten, dachte ich. Also, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei der Wahrheit...

Ich erwachte um Punkt acht Uhr von einer SMS. Ich ließ mich, seit mein Wecker schrott war, von meinem Handy wecken, weil ich kein Geld hatte, mir einen neuen zu kaufen. Und jedes Geräusch, daß das Ding von sich gab, weckte mich.
Es war Tanja, die mich fragte, ob ich nach der Uni Zeit hätte. Tanja trainierte immer vor der uni, weswegen sie um acht fit war wie ein Turnschuh. Ich hingegen hatte gerade mal eine Stunde geschlafen und war total im Arsch. Ich drehte mich herum und schlief bis um zwanzig vor zehn, als ein Zeitungsfritze bei allen Hausbewohnern klingelte, um seinen kostenlosen und unerwünschten Scheiß zu verteilen. Tod ihnen allen, dachte ich mir und drehte mich wieder um, ohne aufzumachen. Um zehn dann mein Handy. Ich stellte Musik an und schläfelte bis zehn nach zehn. Dann drehte ich mich herum und schläfelte bis zwanzig nach zehn. Anschließend fluchte ich und ging duschen.
Ich stellte den CD-Player im Bad auf Laut und legte Guns N Roses auf. „Don`t damn me, when I speak a piece of mind, cause silence isn`t golden, when I´m holding it inside.“
Um viertel vor elf war ich auf dem Weg zur Uni, und die Wahrheit begann.

Die Wahrheit ist, daß ich an der S-Bahn-Haltestelle nicht einmal meinen Namen hätte buchstabieren können, so groggy war ich von der Nacht.
Die Wahrheit ist, daß die Bahnen nicht kamen und ich die erste Straßenbahn verpasste.
Die Wahrheit ist, daß wir uns wie Schweine beim Viehtransport in die Straßenbahn quetschten, Fleisch auf Fleisch, und der Schaffner brüllte, man solle doch die Türen frei machen, so fahre er nicht los. Ihm würde es reichen! Und wenn es nach ihm ginge, dann könnte man noch bis morgen hier stehen.
Die Wahrheit ist, daß ich als ausgemachter Morgenmuffel das Gelabere meiner Komilitonen ertragen mußte, weil mein Walkman kaputt war.
Die Wahrheit ist, daß eine Bekannte drei Tage lang auf mich sauer war, weil ich sie während des Abtransports nicht erkannt und demzufolge nicht gegrüßt hatte.
Die Wahrheit ist auch, daß die Sonne schien, es warm war und ich ob tausender kurzer Röcke ständig mit einem Halbsteifen umherging.

Gelogen ist, daß es schön war, morgens aufzustehen um wie Vieh zur Uni transportiert zu werden. Daß es Spaß machte, in Seminaren zu sitzen, wo meist eine Meinung galt:Die der Professoren und Dozenten. Wo Schwätzer die Zeit mit wichtig tun vergäudeten.

Ich saß hinten rechts, neben der Tür. Dem einzigen erträglichen Platz. Warum? Weil man gehen konnte, wenn es zuviel wurde. Ich legte mir ein Buch auf den Schoß, einen Tisch hatte ich nicht vor mir, die Plätze an den Tischen waren begrenzt und das Seminar hoffnungslos überlaufen.
Ich las immer während der Seminare. Zumindest meistens. Auf jeden Fall während der Referate meiner Komilitonen. Manchmal, wenn etwas sehr Dummes, oder seltener, etwas sehr Kluges an mein verschmalztes Ohr drang, unterbrach ich meine Lektüre einen Moment, hörte zu oder kommentierte das Ganze. Wenn ich nichts zu lesen hatte, dann betrachtete ich eine attraktive Mitstudentin und überlegte, was man mit ihr alles anstellen konnte, oder ob mir etwas Gutes dazu einfiel. Meist blieb ich beim lesen.
Ich las vorzugsweise Bukowski, seltener Heine, Hesse oder Goethe, manchmal auch Coelho oder Aristoteles.

„Das glauben die Leser doch nie, daß du in der Bahn Aristoteles liest,“ sagte die Stimme in meinem Kopf
„Laß mich in Ruhe“, sagte ich.
„Scheiße Mann, ich seh dich in der Bahn immer nur mit Bukowski. Eigentlich sehe ich dich immer nur mit Bukowski.“
„Ich mag ihn halt“, antwortete ich.
„Das geht schon weit darüber hinaus. Ein Wunder, daß du noch nicht zum Säufer geworden bist.“
„Hättest du das lieber?“ fragte ich.
„Nein.“
„Gut. Dann darf ich jetzt weiter schreiben?“
„In Gottes Namen...“

Ich saß also im Aristoteles-Seminar (auf die Bank vor mir hatte irgendein Vorgänger einige Heineverse geschrieben) und laß Bukowski. Auf einmal wurde meine, so sorgsam aufgebaute Idylle von einer Stimme zerstört. Sie gehörte meinem Professor, und sie sagte:
„Sie haben doch zu diesem Thema eine Seminararbeit verfasst. Was sagen sie denn dazu?“
Ich war im Arsch. Oh Gott, bitte hilf mir, daß jetzt mein Hirn anspringt, dachte ich.
Es sprang an. Ich hattte bei diesem Prof nur zwei Arbeiten eingereicht. Die eine war so schlecht gewesen, daß er sich geweigert hatte, sie zu bewerten. Die andere hatte das Thema „Henry Charles Lindgren? Astrid Bukowski? Ein Vergleich der Motive“
Das konnte er unmöglich gemeint haben. Ich wollte mich mit dieser Arbeit für die Nichtbewertung der Anderen rächen, und hatte meinem Prof einen Vergleich von Astrid Lindgrens „Nils Karlsson Däumling“, indem ein einsamer keiner Junge auf Zwergen größe schrumpfte, um mit dem Däumling zu spielen, und Bukowskis „88888888 “, wo es darum ging, daß er sich mit einer Hexe einließ, die ihn langsam, Tag für Tag schrumpfen ließ, bis sie ihn als Dildo benutzen konnte.
Mein Prof hatte gesagt, ich konnte als Ersatz ein Thema meiner Wahl präsentieren, er würde es annehmen. Das würde er bestimmt nie wieder tun – hehe.
„Nun ja“, sagte ich. „Sie haben meine Arbeit korigiert und mir genauestens die Mängel meiner Analyse aufgezeigt. Da ich bisher noch nicht dazu kam, diese aufzuarbeiten, glaube ich, daß sie sehr viel besser in der Lage sind, das Problem zu beurteilen.“
Soviel dazu, und ich widmete mich wieder Bukowski.

„Das glaubt dir kein Mensch. Als ob dir so ein Spruch jemals so schnell eingefallen wäre. Geschweige denn, daß du nie den Mut besäßest, so zu agieren.“ Diese Stimme. Nie gab sie Ruhe.
„Ok. Ich habe gelogen. Aber das ist literarische Freiheit.“
„Du wolltest doch die Wahrheit erzählen.“
„Und jetzt? Soll ich den Absatz streichen?“
„Jupp.“
Und so strich ich den Absatz. Ich weiß, liebe Leser, daß sie ihn bereits gelesen haben, aber es ist die Wahrheit. Denn ich habe gelogen.

Ich verließ das Seminar vorzeitig. Es half doch alles nichts. Es war einfach zu langweilig. Ich bewegte mich in Richtung Cafeteria, um günstig aber gut eine Tasse Kaffee zu trinken.

„Du trinkst keinen Kaffee.“
„Halts Maul!“

Ich setzte mich mit meinem Tee und einem Brötchen lecker belegt mit Salat und Gurken und...ok. Mit Fleisch, ja? Mit sehr viel ungesundem Fleisch. Und eigentlich war es kein Tee, sondern ein Bier.
Irgend ein Werbefritze, die zahlreich auf dem Campus verteilt waren, hatte es mir in die Hand gedrückt, eiskalt. Da konnte ich nicht nein sagen. Ich war eigentlich kein Trinker, aber nach einer Nacht mit zahlreichen Parties und drei Stunden Schlaf, wie ich sie hinter mir hatte, waren ein Bier und eine Zigarette genau das Richtige. Ich setzte mich hin und trank, aß und schrieb ein paar Sonette. Nur eines davon war richtig gut, aber was sollte es. Ich mußte die anderen ja niemandem zeigen. Ich war übermüdet und konzentriert, und ich registrierte nichts um mich herum.

„Ja genau. Das du dich nach jedem Rock umgedreht hast, der irgendwie im Vorübergehen zu sehen war, verschweigst du mal wieder. Sicher wolltest du gerade mit der Leier anfangen, daß Frauen dir egal waren, weil man sowieso nur Ärger mit ihnen hatte, usw.“

Ich war also voll konzentriert. Irgendwo mußte es doch eine geben, die einigermaßen aussah, einigermaßen nett war und einigermaßen erträglich, und die es einigermaßen mit einem Schlumpf wie mir aushalten würde. Ich folgte einem fantastischen Hintern mit den Augen und schrieb dann darüber.
Dann nahm ich mir wieder den Bukowski vor. Der hatte manchmal Phasen, in denen er mir glaubhaft machen konnte, die Frauen wären ihm scheißegal gewesen.
Ich beneidete ihn in solchen Momenten, oh wie ich ihn beneidete.
Ich war leider zu keiner Zeit so. Ich überlegte ständig, was ich falsch machte. Ich versuchte ständig, daß richtige Rädchen zu finden.
Einmal hatte ich geglaubt, daß es Erfolg sein müßte. Aber ich war ja erfolgreich.

„Im Erzählen von Lügen.“
„Wie meinen?“
„Was hast du denn schon groß gerissen?“

Wie gesagt, Erfolg konnte es nicht allein sein, denn ich hatte schon die größten Schlurfer mit Frauen gesehen. Ich hatte ja auch schon die ein oder andere abgekriegt.

„Die Eine.“
„Was?“
„Die Eine.“

Ich hatte also auch schon die ein oder andere abgekriegt.

„Professionelle zählen nicht.“

Also: ich hatte auch schon mal eine abgekriegt.

„Verarsch mich nicht. „Einmal“ und „eine“.“

Erfolg konnte es also nicht sein. Vielleicht suchte ich auch einfach zu intensiv. Vielleicht trieb ich mich in etwas rein, weil
ich nicht verstehen konnte, daß ein so cooler Kerl wie ich keine abbekam.

„--------------------“ Die Stimme schwieg.
„Hallo?“ sagte ich.
„Was ist?“
„Ich habe mich gerade als coolen Kerl bezeichnet. Keine Einwände?“
„Och – nein. Ich finde uns auch ganz cool.“

Ich bekam keine ab. Wieso nicht? Ich schiß auf die Antwort und begann erneut, zu lesen. Auf einmal stand etwas Rankes, Schlankes und wohl Portioniertes vor mir. Ich hob die Augen von der Lektüre und erkannte Denise.
Denise war eine Bekannte. Wir waren einmal ausgegangen und hatten festgestellt, daß wir nicht zu einander passten. Aber wir redeten ab und zu in der Uni.

„Ausgegangen. Festgestellt. Ihr ward einmal zusammen in der Mensa essen. Und dann noch in der Unikneipe. Und du hast dich Hals über Kopf verliebt, wie immer. Und sie hat dir die kalte Schulter gezeigt.“
„Wie immer“, sagte ich.

Ach shit. Wir quatschten einige Minuten, besser: sie erzählte mir ihren Vormittag. In allen Einzelheiten. Das Gespräch wurde beendet, weil mein Kopf irgendwann auf ihrer Schulter lag. Ich war eingeschlafen.
Danach fuhr ich nach Hause und legte mich auf meine Couch. Ich brachte doch nichts zu Stande in diesem Zustand der Halbumnachtung. Ich brauchte Schlaf. Mehr als drei Stunden die Nacht.
Ich dachte kurz an den blödesten Satz, den ich in meinem ganzen Leben gehört hatte: „Wer abends feiert, kann auch morgens arbeiten.“ Den Stricher, der diesen Satz erfunden hatte, wollte ich gern einmal in die Finger kriegen.
Dann fiel mir Tanja ein. Tanja war süß. Tanja war nett. Mit Tanja konnte man vernünftig reden, man hörte nicht nur Tagesabläufe epischen Ausmaßes. Oh Gott, ich liebte diese Frau allein schon deswegen. Weil man sich bei ihr nur die grobe Version anhören mußte, so wie Männer sie erzählen. Tanja hatte den Männern sogar einiges voraus: Denn da, wo wir uns in Details verloren...

„Du dich in Details verlierst und anfängst zu schwallen und nicht mehr aufhörst.“

...brachte Tanja die Sache auf den Punkt. Sie sah gut aus, und ich glaube, sie mochte mich. Ich mochte sie sehr gern. Ich antwortete, daß ich nach der Uni Zeit hätte.
Danach erreichte mich folgender Text per SMS: „Dann fang besser schon mal an, zu beten.“
Ich schrieb zurück: „Wieso?“
Antwort: „Weil wir heute Abend bestimmt noch die ein oder andere Sünde begehen werden. Kauf mal schön Fromm.“
Ich war sofort hellwach. Ich stand auf und kaufte ein. Dann drehte ich mir einen Jubilierjoint und legte den vierten Satz von Beethovens Neunter ein.

„Wem der große Bund gelungen
eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein.
Ja wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund.
Und wer´s nicht gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.“
„Was?“ sagte ich.
„Entschuldigung, ich war nur so mitgerissen von der Szenerie.“
„Ruhe jetzt“, sagte ich. „Die Leser wollen doch wissen, wie es weiter geht.“

Nun ja, um sieben kam dann Tanja. Und weiter? Lesen sie Bukowski. Ein Gentleman genießt und schweigt.

„Und erzählt nicht, daß der Protagonist nach seinem Jubilierjoint so bekifft war, daß er eingeschafen ist und das Klingeln von Tanja nicht gehört hat. Und das sie abgerauscht ist und mächtig sauer war. So sauer, daß er bis heute nicht weiß, ob er eine zweite Chance bekommt.“

So, nun kennen sie die Wahrheit. Ich hoffe, sie sind zufrieden. Ich hoffe, ihnen geht es besser. Mir nicht. Und, wie schon ein großer Mann vor mir sagte: „Der Rest ist Schweigen.“


Einstell-Datum: 2003-12-05

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 2.52.52.5 (2 Stimmen)

 

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