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Die letzte Vorstellung
Autor: S. Steinebach · Rubrik:
Kurzgeschichten

Die Bühne ist nun dunkel. Der Zuschauerraum leer. Ein merkwürdiger Geruch liegt in der Luft. Ein Gemisch aus Schweiß, Holz, Staub und schwerem Parfüm. Ich stehe mitten in der Szenerie. Lasse das leere Theater auf mich wirken. Meine Füße schmerzen heute mehr als sonst. Mein Herz ist schwer. So ist es jedes Mal, wenn wir wieder weiterziehen. Aber sonst war da auch die Vorfreude. Eine neue Stadt kennenzulernen, neue Garderoben, eine neue Bühne und natürlich ein neues Publikum. Immer wieder aufregend und spannend. Dieses Gefühl hat sich auch nach Jahren des Herumreisens nicht gelegt. Dieses Gefühl hat mich stets berauscht und alle Nachteile wettgemacht. Ich war so gern ein Teil dieses Ensembles. So gern.

Dieses Mal ist es ein Abschied nicht von der Stadt, sondern vom Ensemble, von den Freunden, die so viele Jahre meine Familie waren. Aber es ist auch ein Abschied von der Bühne. Von diesen Brettern, die die Welt bedeuten und meine Welt waren, seit ich zehn Jahre alt war. Darum stehe ich nun hier im leeren Theater, auf der leeren Bühne. Und versuche, nicht zu weinen, nicht zu schreien und keine Angst zu haben. Ich atme die vertraute Luft, trinke sie förmlich, weil ich hoffe, dass sie in mir bleibt und mich tröstet. Aber Trost scheint zumindest heute Nacht in weiter Ferne zu sein.

Wir haben Abschied gefeiert, meine Familie und ich. Haben gelacht und geweint und uns versichert, uns nie aus den Augen zu verlieren. Die Verlogenheit schon ganz unschuldig im Hinterkopf. Denn wir wissen alle, dass es so nicht sein wird. Nicht sein kann. Dies war meine letzte Vorstellung. Und auch auf der Bühne des Lebens bleibt mir nur mehr wenig Zeit. Zeit, die ich nutzen möchte um etwas Bleibendes zu schaffen. Wie viel Zeit mir dazu bleibt? Ja, der Herr Professor sprach von ca. einem Jahr, vielleicht weniger. Nun gut. Er kennt mich nicht. Ich bin zäh und gedenke nicht, mich dem Gevatter alsbald geschlagen zu geben. Aber ich fühle auch, dass ich schwächer werde. Darum war heute meine letzte Vorstellung.

Ich drehe mich entschlossen um. Verlasse Bühne und Theater. Draußen wartet meine Freundin Monique, bei der ich nun leben werde, im Auto. Ich steige ein. Wir fahren eine Weile. Ein kleines Dorf auf dem Land. Ein Bauernhof. Gemütlich, anheimelnd mein Zimmer.

„Willkommen daheim“ sagt Monique und lächelt mich an. Ich lächle zurück. Wissend, dass ich mein Zuhause niemals wieder finden werde.

S. Steinebach 2008


Einstell-Datum: 2009-07-09

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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