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Die zwölf Glaubenssätze von 2010
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Kolumne

Tucholsky hat in seinem noch immer sehr lesenswerten Aufsatz von 1928 „Die Glaubenssätze der Bourgeoisie“ analysiert, welche unüberprüften Überzeugungen damals im Bürgertum unumschränkt gültig waren. Er schreibt dort.: „Die verschiedenen Schichten des Bürgertums kristallisieren bestimmte Axiome, deren die Axiomträger sich nicht immer bewusst sind; vielfach leben sie dumpf dahin, ihrer selbst nicht bewusst, wie ja überhaupt die leeren Räume im Denken des Menschen viel, viel größer sind, als man gemeinhin annimmt … Die Axiome, von denen ich spreche, sind Glaubenssätze, hingenommen in absolutem Gehorsam, ehern errichtet, für das ganze Leben Geltung behaltend. Sie sind nicht zu allen Zeiten dieselben gewesen …“

Und so sieht es im Hirn eines typischen Mittelschichtlers anno 2010 aus:

1. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt.

2. Mit Bildung können wir unseren Wohlstand sichern.

3. Unsere Politiker sind unfähig und denken nur an sich selbst.

4. An der jetzigen Wirtschaftskrise ist die Gier der Banken schuld.

5. Wenn die Zuwanderer sich uns anpassen, verschwinden unsere Probleme mit ihnen.

6. Die Nutzung von Autos macht uns mobil.

7. Rad fahren ist gut für die Umwelt.

8. Windkraft ist gut fürs Klima.

9. Hundertwasser war ein großer Künstler.

10. Fußball ist eine interessante und Völker verbindende Sportart.

11. Leistung muss sich wieder lohnen.

12. Alles wird immer schlechter und muss in einer Katastrophe enden.

Wetten, dass ein durchschnittlicher Leser neun oder zehn von zwölf Sätzen spontan zustimmt? Dabei trifft keine dieser Behauptungen im Kern zu. Keine einzige hält einer Nachprüfung stand - oder sie muss zumindest so stark relativiert werden, dass ihre Aussagekraft gegen null tendiert. Genau diese kritische Auseinandersetzung erfolgt jedoch nicht.

Die Liste, die noch erweitert werden kann, das ist der Grundbestand an Überzeugungen der sich selbst für informiert Haltenden hierzulande. Er wird permanent in allen Medien verbreitet und gepflegt. Auf ihn beruft sich beinahe jedermann, wenn er argumentiert. Mit dem Verweis auf seine Inhalte werden Wahlen gewonnen. Musil nannte das: Seinesgleichen geschieht. Schlimm für ein Land, eine Zeit, eine Gesellschaft. Überblickt man den ganzen Strauß dieser blumigen Phrasen, würdig eines Flaubert mit seinem „Bouvard und Pécuchet“, zeichnet sich deutlich das Profil des Bürgers in unserer Zeit ab: erfüllt von einer grundlosen Pseudoprogressivität, die jederzeit geneigt ist, ins Reaktionäre umzukippen.


Einstell-Datum: 2010-07-01

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 22 (2 Stimmen)

 

Kommentare


Das ist raimund-fellner
Kommentar # 1: Die Liste ließe sich erweitern
Autor: raimund-fellner, 24.01.2012 um 21:03 Uhr


Zum Beispiel: "Arbeiten ist besser, als nicht arbeiten."

(Siehe KZs: "Arbeit macht frei.")


Das ist ArnoAbendschoen
Kommentar # 2: O ja!
Autor: ArnoAbendschoen, 24.01.2012 um 21:52 Uhr


Klar, um Arbeit ranken sich auch Legenden. Wer Lust hat, kann ja weitere Listen erstellen ... (Macht aber nur begrenzt Spaß.)

Arno Abendschön



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