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Ein Nachtlied
Autor: Dieter Hellfeuer · Rubrik:
Kurzgeschichten

Lichter, näherkommend.
Ein Ortsname aus verwirrenden Konsonanten.
Autos vor einer Bahnschranke.
Graue, schmucklose Häuser.
Die Silhouette eines Kirchturms.
Eine Fabrik. Noch eine Fabrik.
Dann, ohne Übergang, wieder nur diese Dunkelheit, der Luftzug der Leitungsmasten, das Klopfen der Räder, der Geruch von Zwiebeln aus dem Mund der alten Frau auf dem Platz uns gegenüber.
Ein Lied, das alles. Ein Nachtlied.
Ich meine dieses Lied zu kennen. Es gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit, und ich wünschte, tiefer darin eintauchen zu können.
Es ist friedlich, nachts in polnischen Zügen. Trotz der Enge, trotz des Schaukelns: friedlich. Hanna schläft. Ich fühle die Wärme ihres Atems über meine Hand streichen. Vorsichtig löse ich den Arm von ihrer Schulter und balanciere mich über Gepäckstücke und ausgestreckte Beine hinweg zur Tür.
Es ist kühl auf dem Gang. Ich nicke den beiden Männern zu, die einige Schritte weiter auf ihren Koffern sitzen und sich unterhalten. Sie drehen mir ihre Gesichter zu, müde, friedliche Gesichter. Ich drücke den Fenstergriff herunter und lehne mich hinaus.
Diese Dunkelheit. Weit und unwirklich, unterbrochen nur von einsamen Lichtern, die vom Wirbeln meiner Haare zerstoben werden. Ich stelle mir vor, wie es morgen sein wird, wenn all das Unwirkliche Gestalt annimmt. Ich sehe ein Café. Ich sehe Hanna und mich, wie wir im Kreise ihrer Freunde sitzen. Ich sehe, wie sie mich anlächelt, während sie mit der Schuhspitze mein Bein berührt. Und ich sehe mich, wie ich lächelnd mein Bein nach vorne schiebe.
Ja, ich kenne es, dieses Nachtlied. Und ich frage mich, wie sich meine Mutter gefühlt haben mochte, als sie dessen Strophen in sich aufnahm. Als ihre Richtung die andere, die entgegengesetzte war. Als sie meinem Vater in die Fremde folgte. Die Fremde, die dann meine Heimat wurde.
Sie hat mir ein einziges Mal davon erzählt, und ich hatte mich in meinem Kissen aufgestützt und ihr zugehört. Sie erzählte, wie glücklich sie gewesen war in jener Nacht in einem polnischen Zug. Aber sie hat nicht von all den Geräuschen, Gerüchen und Lichtern erzählt, über all das Liedhafte, das sie in sich tragen. Und vielleicht, ja, vielleicht ist es das, sind es all diese Geräusche, Gerüche und Lichter, die ich in ihrem Leib bereits wahrzunehmen vermochte.
Einer der Männer ruft mir etwas zu. Er hält eine Thermoskanne in der Hand, aus der das Aroma schwarzen Tees herüberweht. Ich winke ab, sage »Danke«. Der Mann schraubt den Deckel zu. Ich schiebe das Fenster hoch und balanciere mich über Gepäckstücke und ausgestreckte Beine hinweg zurück zu meinem Platz. Hanna seufzt, als ich meinen Arm wieder um ihre Schulter lege.
Der Luftzug der Leitungsmasten, das Klopfen der Räder, die gedämpften Stimmen vom Gang, der Geruch von Feldern, Zwiebeln, Schweiß und Leder, all das entfernt sich.
Zuletzt ist es nur die sanft schaukelnde Dunkelheit, die sich in mir ausbreitet, die mich milde stimmt und mir das Gefühl von Heimat gibt.


Einstell-Datum: 2005-08-06

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 3.53.53.53.5 (2 Stimmen)

 

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