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Ein verirrter Bürger
Autor: Emil Ganjoun · Rubrik:
Kurzgeschichten

Der Mann hockte am Esstisch, es war ungefähr halb elf, so genau wusste er das nicht, es interessierte ihn auch nicht, so lief es täglich und ein neuer Tag brach an, aber das war unwichtig, er rechnete nicht mit Veränderungen.
Er saß einfach nur da und horchte auf Schritte vor der Tür.
Schritte, die ihn aus seiner halbwertigen Phase der Zufriedenheit reißen würden.
Doch war er überhaupt zufrieden? Nein, vielmehr umgab ihn im Augenblick nichts, das ihn quälte und darum kam ihm der Zustand so ähnlich vor, aber er wusste nicht, ob das jene Zufriedenheit war, von der ihm andere Menschen berichtet hatten.
An anderen Tagen lief er oft zerstreut im Haus umher und dachte die ganze Zeit an Dinge, die ihn gar nicht interessierten, dennoch ließ er nicht von ihnen ab, weil sie eben da waren und er kein Mittel kannte, sie loszuwerden. Und häufig schlug er sich irgendwo an oder ließ Gegenstände fallen und legte sie an Orten ab, wo er sie nicht wiederfand, ganz zittrig war er manchmal.
Dann mochte er Gefallen an gar nichts finden, streunte frustriert durch die Räume und
empfand Abscheu gegenüber sich und seinem Verhalten. Vergeblich suchte er einen Ausweg aus seinem Phlegma.
Die Kaffeetasse in der Hand, zuckte er zusammen, so dass die braune Soße rausschwappte und seine Finger nacheinander hinablief. Obwohl er ihr Auftauchen erwartet hatte, waren es die dumpfen Aufsetzer ihrer Schritte, die ihn nun mit ihrer Gegenwart erschreckten.
Er kramte ein Taschentuch hervor und putzte die beschmutzte Hand ab und bildete sich das Leben so ein, wie er es ertragen konnte.
Vielleicht sollte er hinaus ins Freie gehen, einfach weg, die Ruhe suchen.
Doch sie würden ihn wieder anstarren, Hitzewallungen in ihm aufsteigen sehen und in seiner Panik würde er sich verirren zwischen all den Menschen.
Er konnte ihr nicht entkommen ; die Meute wetzte ihre Messer, bereit ihn zu hetzen und er war leichte Beute, denn gleichfalls spürten, rochen, witterten sie seine Schwäche, wie leicht er zu verletzen, dass er keiner von ihnen war. Das letzte Mal war schlimm genug gewesen.
Was sollte er draußen, es passierte ja doch nichts aufregendes, da blieb er lieber hier an Ort und Stelle, wo er sich heimisch fühlte und den Wahnsinn ertrug, außerdem fehlte ihm die Zeit um rauszugehen; ausräumen, umsortieren, Ordnung schaffen, es gab eine Menge zu tun.
Das Bad musste gesäubert werden.
Er stand auf und ging in die Küche, überlegte kurz, ob es seine Schritte waren, die er soeben gehört hatte und versuchte sich Ablenkung zu verschaffen, indem er ein Brot schmierte und frischen Kaffee aufsetzte.
Ich komm klar damit, niemand kann meine Gedanken steuern, auch sie nicht.
Das Brot schmeckte säuerlich, er hatte überhaupt keinen Appetit und warf es in den Mülleimer. Ein Schwarm Fliegen schreckte hoch und verteilte sich auf anders gelegene Parasitennester und bald fanden die Viecher den Tod.
Irgendwie mussten die Tage rumgebracht werden und simple Ablenkungsmanöver wie dieses gehörten dazu, was er allerdings nicht wusste, er ahnte es nur.
Was ist denn schon passiert?
Seine Augen durchzuckten nervös die Gegend. In der Küche war es dunkel, seit einigen Tagen war die Birne kaputt und er ersehnte das Licht, welches von draußen reindrang.
Schlechtes Wetter, es war richtig heute nicht rauszugehen, dachte er und war beruhigt und alles war gut. Nichts schlimmes war geschehen. Er entlastete den Nacken und ließ ihn knacken.
Mein Leben ist nicht sinnlos, meine Geburt war kein Fehler. Kein Fehler, hörst du!
Er wollte nicht mehr an sie denken, sich nicht mehr ihretwegen rechtfertigen, ihre Scham seinetwegen nicht länger ertragen müssen und kämpfte dagegen an, dass sie ihn einnahm.
Doch war sie bereits da. Seine Sinne täuschten ihn nicht, er war sich fast sicher.
Von fern, aus verdrängten Gehirnwindungen hervorquetschend, hörte er sie, das schlechte Gewissen, langsam näherkommen und Reue beschlich ihn sogleich.
Doch wollte er sich keine Vorwürfe mehr machen, schließlich hatte sie ihn getäuscht und
er war von ihr enttäuscht worden.
Sie widerte ihn an, ihr scheußliches Gehabe, ihr ekelerregendes Getue füreinander, inzwischen erschien ihm alles als kalte Maskerade, ständig musste man auf der Hut sein vor ihrer Niedertracht, den Lügen und vor ihrer Angriffslust; blutrünstiges Monster.
Hinter jedem noch so geringen Türzuschlagen, Schnaufen, Abtrocknen des Geschirrs, ihrem Niesen, hatte er ihr garstiges Wesen entdeckt und hinter alledem lag böse Absicht.
Jede ihrer Handlungen zielte allein darauf ab, ihm den Alltag und sein Schaffen zu erschweren. Sie missgönnte ihm jegliche Freude an Dingen, insbesondere die Leidenschaft für seine Sammlung.
Nicht umsonst war er jahrelang auf Flohmärkte gegangen, hatte sich mit Gleichgesinnten in Verbindung gesetzt, gefeilscht und gehandelt und sein Erspartes dafür ausgegeben. Irgendwann würde er ein Museum eröffnen und dann sollte sie mal sehen wie falsch sie damit gelegen hatte, dass sie es immer als Spielerei bezeichnet und ihn einen Spinner genannt und sehnlichst auf den Tag gewartet hatte an dem er endlich wieder einer normalen Tätigkeit nachgehen würde.
Normal, was hieß das schon? Die Menschen bilden sich zuviel darauf ein, dachte er.
Sitzen Tag für Tag stolz an ihren Büroschreibtischen, schreiben Memoranden und ähnlichen Müll, regen sich über diejenigen auf, die anders leben als sie, wobei sie Dinge sagen wie:
„ Es kann nicht angehen, dass wir eure Existenz finanzieren“ , und definieren nebenbei die Normalität, indem sie Stumpfsinn fressen und wieder auskotzen.
Der Kaffee war fertig und er kochte vor Wut.
Beim Gang ins Esszimmer überhörte er beinah das Räuspern, ein kaum wahrnehmbares Mmh,
das ihn unter Tellerklappern, dennoch erreichte.
Warum in Gottes Namen tust du das?
Eine Tür wurde zugeschlagen. Er traute ihr schon lange nicht mehr, denn er war sich sicher, sie hatte nie Vertrauen in ihn gehabt.
Nachdem es aus der Tasse reichlich gedampft, er kurz daran genippt und sich ins rechte Licht gerückt hatte, wendete er sich der Katalogisierung seiner Schätze zu.
1355 Gieskannen, jede in sich ein besonderes Stück, unschätzbar an Wert für ihn.
Einige stammten aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Manche enthielten Einschusslöcher.
Andere waren noch in der Originalverpackung. Mit welcher soll ich dich besuchen kommen?
Die Verzierungen, wunderschön, die unter-schiedliche Form der Hälse und des Bauches, in allen möglichen Farben, er saß oft stundenlang davor und blätterte in dem selbst angelegten Katalog, in dem jedes Stück mit Foto, Merkmalen und persönlicher Wertschätzung angelegt war. Gerade betrachtete er eine Kanne aus Blech, die schon reichlich verrostet war und deren Gießaufsatz fehlte, als ihn wieder der Ärger überfiel.
Sie telefonierte im Nebenzimmer und abgehackte Wortscheiben flogen ihm entgegen, türmten sich alsbald vor seinem Kopf auf, brachen darüber zusammen und unterbrachen den erhofften Zustrom von Inspiration, den er seiner Meinung nach benötigt hätte. Er stieß mit dem rechten Fuß gegen ein Tischbein und schrie auf als der brühende Kaffee umkippte und diesmal eine Stelle erreichte, die weitaus schmerzhafter als seine Hand war. Das brachte ihn um, ihm fielen bereits die Haare aus, dabei war er gerade erst dreißig geworden.
Mach Schluss, du verblödetes Miststück, ich brauche Ruhe, nimm ein bisschen Rücksicht auf mich, hab ich nicht genug Ärger, leg auf verdammt noch...
Verflucht, das wäre ihre Aufgabe, anstatt rumzulärmen, mir eine frische Tasse bringen und fragen: „ Geht`s dir gut Schatz, kann ich dir behilflich sein? “
Das war alles. Sowenig brauchte es um Harmonie zu erzeugen, aber nein, nicht einmal dazu war sie bereit; sie musste ihn mit vorwurfsvollen Blicken und Fragen und Geräuschen nerven.
Auf der Suche nach Ablenkung, beschloss er das Badezimmer zu säubern und kramte unter der Spüle Schwamm und Putzmittel hervor. Nimmt das denn niemals ein Ende?
Wenn ich nicht wäre, würde der ganze Dreckshaushalt untergehen. Die telefoniert lieber, na mir soll`s recht sein. Hörst du, ist mir scheißegal was du tust, die Hauptsache ist, du hast deinen Spaß.
Die Badezimmertür flog auf. Spaß, ja glaubt sie etwa das hier macht Spaß. Von wegen füreinander da sein, die sorgt sich kein Stück um mich. Das einzige was zählt, ist, dass es ihr gut geht. Das Ding hier taugt gar nichts. Selbstsüchtige Hure, das hättest du nicht tun dürfen!
Wie krieg ich das weg, sag es mir! Da brauch ich einmal deine Hilfe und dann antwortest du nicht, sonst redest du doch auch soviel, verdammt, warum antwortest du nicht?
Er putzte bis tief in die Nacht und ging unruhig zu Bett. Alles war wie immer und nichts war passiert.



Einstell-Datum: 2003-10-25

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 333 (3 Stimmen)

 

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