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Eros in der Religionsstunde
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Erzählungen

- Von zwei Sitzenbleibern, einem Pfarrer samt Tante, deren Gatten sowie von Goebbels -

Nicht ohne Grund gelten zeitnahe Zeugenaussagen als die beweiskräftigsten. Die Erinnerung leistet im Lauf der Zeit ganze Arbeit, durch Weglassen, Hinzufügen, Umgruppieren. Woran wir uns später mit Gewissheit zu erinnern glauben, es ist mit Skepsis zu betrachten: War es damals wirklich so?

Einmal schrieb ich einen Text über Banknachbarn am Gymnasium. Ich machte mir darin klar, wie erotisches Begehren allmählich erwacht. Aus dem Gedächtnis rekonstruierte ich eine Reihe von fünf Schulkameraden. Der dritte von ihnen war ein hübscher, allerdings unbegabter Waisenjunge gewesen. Ich fand damals keinen Zugang zu ihm, er saß still und passiv neben mir. Oft betrachtete ich ihn von der Seite, mit Gefühlen, die auf mir noch unklare Weise zusammenhingen. Zunächst verdiente Sascha Mitleid, da er die Eltern früh verloren hatte. Er war auch beneidenswert – er lebte im Wohlstand bei einer Tante, die ihm viel Freiheit ließ. Und ihn umgab, ohne dass er irgendetwas dafür tat, die Gloriole des Outsiders, der Verweigerers – er war am Unterricht desinteressiert und beteiligte sich so gut wie nie an ihm. Außerdem war er hübsch anzusehen. Mir schien, es müsste köstlich sein, ihn zum Freund zu haben, einen Arm um ihn zu legen, ihn zu trösten und sich über seine Art von Vollkommenheit zu freuen … Dazu kam es nie - Sascha blieb sitzen und wurde später von der Schule genommen.

Erst als der Text geschrieben und schon im Internet zu lesen war, stöberte ich in alten Tagebüchern. Vielleicht würde ich noch mehr Details über Sascha erfahren? Ich fand nichts über ihn – dafür stieß ich auf Otto, der mir vollkommen aus dem Gedächtnis entschwunden war. Wir drei hatten nur ein Jahr lang dieselbe Klasse besucht, und dieses ganze Jahr war Otto mein Banknachbar gewesen. Ich sah Sascha nun weiter entfernt von mir sitzen und mich, wie ich ihn aus größerer Entfernung betrachtete und mich nach ihm sehnte … Und Otto? War ein schüchterner Junge vom Land gewesen, ein grundehrlicher Charakter – und ziemlich hässlich. Am Ende des Schuljahrs blieb auch er sitzen, wiederholte die Klasse und ging mit Mittlerer Reife ab. Meine Erinnerung hatte Otto durch Sascha ersetzt. War es wirklich so?

Die beiden kamen mir wieder in den Sinn, als ich David Bergers Buch „Der heilige Schein“ las. Berger ist auch katholischer Religionslehrer, und das brachte mich auf eine neue Spur. Bei uns hatte es damals evangelische Schüler gegeben, wie Sascha und mich, und katholische, zu denen Otto gehörte. Aus den Parallelklassen wurden für die Religionsstunde neue Einheiten gebildet, und dann kam Sascha zu mir und nahm Ottos Platz ein. So dürfte es gewesen sein – vielleicht. Jedenfalls sehe ich in der Erinnerung den Waisenknaben nun wieder dicht neben mir, seine Haarfarbe: milchkaffeebraun, einen Anflug von Bartwuchs und sogar Poren seiner Haut. Ich höre ihn, wenn der Lehrer schweigt, leise atmen.

Pfarrer O. hatte nur ein Thema: Existenztheologie und Entmythologisierung. Mit Rudolf Bultmann langweilte er uns viele Monate lang. Auch um mich davon abzulenken, sah ich zu Sascha hinüber. Einmal kam der liberale Pfarrer auf etwas zu sprechen, das mich doch aufhorchen ließ. Seine Tante, sagte der Pfarrer, sei mit einem Homosexuellen verheiratet gewesen und habe sich an Joseph Goebbels gewandt, und Goebbels habe dafür gesorgt, dass ihr Gatte an der Ostfront einem Himmelfahrtskommando zugeteilt wurde. „Die Tante ist ihm noch heute dankbar! Aber das geht doch zu weit – oder was meint ihr? Natürlich, ihr dürft es euch nicht zu leicht vorstellen, mit einem Homosexuellen verheiratet zu sein. Das ist kein Vergnügen … Aber ihn deshalb in den Tod schicken lassen?! Nein, nein, es ist schließlich kein Verbrechen, es ist ja Krankheit, ungefähr so wie Krebs …“ So der liberal gesinnte Pfarrer. (Die Hölle durch die Vordertür entmythologisieren und durch die Hintertür wieder hereinlassen …) Die Klasse blieb stumm. Es war noch kein Thema.


Einstell-Datum: 2015-12-18

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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