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Fragment
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Erzählungen

Am Anfang war die Frage: Werde ich meinem Vater, jetzt da das Alter auch bei mir einsetzt, ähnlich? Ich kann unser Äußeres nicht unmittelbar vergleichen, er ist mehr als zehn Jahre tot und hat sich in seiner letzten Zeit nicht mehr fotografieren lassen. Mir fällt auf, dass schon hier die Übereinstimmung zwischen uns beginnt. Ich habe als junger Mann viel fotografiert, genau wie er, und bin selbst oft aufgenommen worden. Jenseits der vierzig hat beides aufgehört, wie so vieles andere …

Nein, dem Alten noch ähnlich zu werden, und sei es auch nur äußerlich, würde mir nicht passen. Ich müsste mich dann fragen, ob er am Ende Recht behalten und sozusagen posthum die Oberhand über mich gewonnen hat, ausgerechnet er, mein Vater: zwanzig Jahre lang kaum mehr als eine atmende Totenmaske auf einem Küchensofa. Anfangs gab er sich noch amüsiert, wenn ich nach Hause kam und von dem zu berichten versuchte, was draußen in der Welt geschah. Er nahm mich demonstrativ nicht ernst. Die Achtundsechziger, Reformen, sexuelle Revolution, davon brauchte ich gar nicht erst anzufangen. Aber auch mein Privatleben, soweit ich es offen zu legen bereit war: Reisen, Wohnungswechsel, Berufsarbeit - all das langweilte ihn offenkundig. Davon konnte ich meiner Mutter erzählen, er schwieg dazu immer nur, lächelte höchstens mal skeptisch.

Allerdings waren wir beide – schon wieder: wir beide – nicht immer vollkommen aufrichtig. Erzählte ich von Freunden, mit denen ich hier und da verreiste, konnte er lebendig wie selten werden und mit Schärfe fragen: ein Kollege? Ich sagte nein und wechselte das Thema. Er fragte nie nach den Büchern, die ich gerade las – ich las viel, wenn ich bei ihnen war, aus Langeweile -, doch ich überraschte ihn mehrmals, wie er den Buchtitel studierte, wenn ich mal aus dem Zimmer gegangen war und plötzlich zurückkam. Und die Zettel, die ich beim Lesen gern mit Notizen bedeckte und beim Hinausgehen in den Band legte, fand er unwiderstehlich. Wie er sich dann abmühte, mein Gekritzel zu entziffern, meist vergeblich, nehme ich an - auch dabei habe ich ihn ertappt und dazu immer geschwiegen. Am Schluss verschlief er meine Besuchstage nur noch oder drehte sich zur Wand.

Ich weiß ja, mit meinem Vater komme ich nicht mehr ins Reine. Nähe oft gespürt, aber nie ertragen, das war unsere Unterart von Familienhölle. Aber ich will mir von seiner nur noch schemenhaften Erscheinung nichts kaputt machen lassen, nicht das bisschen Stolz auf das bisschen Autonomie. Macht kaputt, was … Ach, vergessen wir’s!

Ich zog eine Kommodenschublade auf und nahm ein altes Fotoalbum heraus. Da war plötzlich das Bedürfnis nach einem Verbündeten - vielleicht mein eigenes jüngeres Selbst?

Manche Fotos von mir finde ich heute peinlich. Fürs Büro wie mit Absicht schlecht angezogen, auf Reisen gekünstelt lächelnd – warum habe ich sie eingeklebt, ich hätte sie besser vernichten sollen. Auf anderen dagegen komme ich mir sehr reizvoll vor, zumal in meiner damals üblichen Abendausgehgarderobe. Mein kleines Schwarzes, so nannte ich das bei mir und vor anderen. Das war nicht sehr originell, aber ich genoss es, dabei verrucht zu lächeln. Ich hätte, wenn ich ausging, gern meine eigene Bekanntschaft gemacht. Einige Jahre lang, das kann ich ganz objektiv behaupten, war ich ein recht hübscher Kerl. Und mehr als das: An mir ist auf diesen Bildern unbestreitbar etwas Seelenvolles. Blicke ich jetzt in den Spiegel, entdecke ich davon so gut wie nichts mehr. Wann und auf welche Weise ist es mir abhanden gekommen? Das zu untersuchen, reizt mich zunächst noch nicht. Ich stelle lieber fest, wie sehr meine Augen damals glänzten. Ich sehe meistens verliebt aus, und ich war es auch. Ich war verliebt in die Welt. Nun ist die Welt an sich eine mehr oder weniger abstrakte Angelegenheit. Konkret gliedert sie sich oder besser: zerfällt sie in Trillionen und Abertrillionen von Einzelerscheinungen. Die Aufgabe ist einem klar gestellt: Die eigene Liebesfähigkeit an einem dafür geeigneten Objekt zu erweisen. Damit beginnen die Schwierigkeiten, die einem die besten Jahre vergällen können.

Die kleinen Bilder aus dem Fotoautomaten sind die gelungensten. Das kam mir zunächst merkwürdig vor, dann begriff ich: In der Enge der Kabine waren Gestik und sich in Positur bringen so gut wie ausgeschlossen. (Ich war immer ein schlechter Tänzer.) Hier musste ich mit den Augen sprechen. Von diesen Aufnahmen konnte ich mich nicht trennen, auch wenn ein Ausweis abgelaufen war. Eine von ihnen, ich glaube, für die U-Bahn damals, zog meine Aufmerksamkeit jetzt auf sich. Das mit Fotoecken eingeklebte Bild schien sich zu wölben. Ich fasste unter das kleine Rechteck – und machte einen überraschenden, ja wunderbaren Fund.

Ein kleiner Zettel, zusammengefaltet. Ich falte ihn auseinander. Das Papier mürbe, vergilbt. Muss schon sehr alt sein. Ich erkenne eine blaue, noch immer akkurate Kugelschreiberschrift. Vor- und Familienname - eine Adresse in Amsterdam mit Telefonnummer? Der Name sagt mir zunächst nichts: Johan Ortelius… Dann jubiliere ich: Er, Johan?!

Ich hatte zwar seinen Namen schon lange vollständig vergessen, besaß aber noch immer in meiner Erinnerung einen starken Eindruck von ihm. Ich hätte sein Äußeres nur noch sehr unvollkommen beschreiben können, dafür umso eindringlicher die überaus starke und seltsame Wirkung seiner Person auf mich. Ich schiebe das noch etwas hinaus … Der Zettel ist von ihm, da habe ich wieder etwas in der Hand, einen Beleg. Es hat ihn also wirklich gegeben. Es ist auch der Name der Gracht, an die ich mich wieder erinnere. Warum mag ich das kleine Papier damals behalten und gerade an dieser Stelle verwahrt haben? Gewöhnlich übertrug ich doch die Adressen meiner Bettgenossen in ein Notizheft und warf die Zettel danach weg. Mein kleines rotes Buch – eines Tages trennte ich mich auch von ihm in einem wahnhaften Anfall, dem aussichtslosen Versuch, noch einmal neu anzufangen. Nur Weniges habe ich so sehr bereut.

Dass man Kunstwerke technisch reproduzieren kann, daran sind wir schon lange gewöhnt. Neu ist in der schönen neuen Welt der Suchmaschinen: Wir können jetzt auch unser Gedächtnis mit den Mitteln moderner Technik auffrischen. Wir können darüber hinaus fast mühelos Anschluss an für uns längst abgebrochene Entwicklungen finden. Johan Ortelius, ich rufe dich auf, erscheine mir … Lebt er noch, ist nicht an AIDS gestorben? Hat er sich als Künstler durchgesetzt? Er schien mir damals auf dem Weg zum Erfolg zu sein, dafür sprachen schon Größe und Ausstattung seines Ateliers. Mit wenigen Klicks war ich nach dreißig Jahren wieder im Bild. Er lebt also, und ich freute mich spontan für ihn. So viele andere sind längst tot.

Ich erfuhr, er ist seit Jahrzehnten gut im Geschäft. Hat Ausstellungen im In- und Ausland, auch in den USA. Er organisiert selbst Ausstellungen von Berufskollegen. Da gab es die Foto-Triennale in X oder die Woche zeitgenössischer Fotokunst in Y. Und wichtige Preise hat er bekommen … Dann blieb ich auf der Seite einer Berliner Galerie hängen, ich blieb dort wirklich hängen und bin noch immer nicht losgekommen. Es war nur eine kleine Ausstellung, im vorigen Jahr, sechs Wochen im Herbst. Man kann sich im Netz noch das Plakatbild von damals ansehen. Es ist ein Selbstporträt von ihm, gerade aus dem Jahr, in dem ich ihm begegnet bin. Ich bin ihm auf einmal wieder sehr nahe. Oder er mir?

An das von ihm gewählte spezielle Arrangement habe ich mich allerdings erst gewöhnen müssen. Ich gebe zu, es hat mich anfangs ein wenig verstört. Dabei hat er nur konventionelle Mittel verwendet für seine Studie Ich als Mann von dreißig Jahren. Es ist ein Schwarz-Weiß-Brustbild im klassischen Halbprofil, die Ärmel des Jeanshemdes bis zum Bizeps hinaufgerollt. Der blonde Schnauzbart lässt die Oberlippe frei, die Lippen sind einen Spalt geöffnet. Was für ein Mund: sinnlich und schwerblütig, mitfühlend und vielleicht ein wenig bitter. Die Augen schauen ernst, schauen unbestechlich prüfend in die Welt und bieten sich ebenso der Überprüfung dar. Es ist ein Porträt im Stil der Renaissance – mit einer barocken Zutat. Vor diesem stattlichen, schönen, ja doch: schönen Mann steht in Brusthöhe ein kleiner runder Tisch mit Glasplatte, über ihr die linke Hand. Sie steckt in einem schwarzen Halbfinger-Lederhandschuh. Und die Hand ruht auf einem Totenschädel. Alt muss er sein, seine Farbe scheint die von altem Elfenbein. Die nackten Fingerspitzen betasten die Schädeldecke. Wollen sie die Struktur der Oberfläche prüfen? Mit dem Schädel spielen? Nein, die Geste wirkt begütigend. Sanft war er auch - sanft.

Ich begriff, dass der Zufall mir ein Angebot machte. Ich beschloss, den Weg noch einmal zu gehen. Vielleicht würde ich danach den Abstand zwischen meiner Welt und der meines Vaters wieder für groß genug halten. Es kommt auf die Perspektive an, unter der man den Lebensverlauf betrachtet. Johan war eine viel versprechende Perspektive, wenn auch leider nur noch eine in der Vergangenheit.


2

Die PanAm-Maschine hob ab und ließ die Hochfläche mit ihren Vororten, Straßen, Schienen, Wiesen und Wäldchen unter sich. Sie stieg nur langsam auf in den Himmel über Stuttgart. Ein Eindruck von Schwere, von Last – das passte zu meiner Verfassung. Da unten war mir fast alles misslungen, wieder einmal, und ich löste mich auch diesmal nicht leicht. An Gepäck hatte ich nur das Notwendigste dabei. Viel schwerer, so kam es mir vor, wog das andere, das, was ich unbewältigt zurückließ …

Das Flugzeug legte sich in eine Kurve. Der Talkessel mit der inneren Stadt drehte sich von uns weg. Unter uns jetzt der Neckar. Ich erkannte Cannstatt und die großen Werkshallen, die Parks, den Wasen. Ich versuchte mich dazu zu zwingen, an nichts zurückzudenken. Es gelang mir weitgehend. Wir stiegen und gewannen an Flughöhe wie an Geschwindigkeit. Die Teile der Stadtlandschaft unter uns gerieten in rasche Bewegung. Bevor sie endgültig verschwanden, gingen sie noch untereinander neue Beziehungen ein, neue optische Verbindungen, andere Nachbarschaftsverhältnisse. Die letzten Blicke waren solche auf ein chaotisches Kaleidoskop, in dem sich mitten in der Auflösung des Gesamtbildes noch neue Kontakte ergaben – nur für mich nicht mehr, denn gleichzeitig entfernten sich die Orte immer weiter von mir. Ich musste nichts dazu tun. Das Loslassen erschien mir auf einmal einfach. Dann stob am Boden alles auseinander, war schon ausgelöscht.

Wir durchstießen die Wolkendecke. Wolken können vom Boden aus so nicht erlebt werden. Man gleitet beim Fliegen mühelos durch massive Wolkenkörper, verlässt sie ohne Anstrengung, quert ein besonntes Tal – so leicht, als wäre man ein Insekt über einer Sommerwiese - und gerät wieder für längere Zeit in das milchweiße Element. Es sind traumhafte Sequenzen, nur vergleichbar unseren Träumen von einer Allmacht, die bei aller Potenz gänzlich passiv bleibt. Dann fliegt man über den Wolken. Der Friede und die Beruhigung dort oben sind umfassend.

Es war erst mein dritter Flug. Ich war unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch in West-Berlin, und ich hatte keinen Rückflug gebucht. Sie würden mich schon nehmen, alles andere war unvorstellbar. Ich würde in Berlin bleiben, auf jeden Fall. Es sollte mein Bruch mit allem Bisherigen sein.

Jetzt eine energische Durchsage: Bitte sofort anschnallen! Von da an verlief der Flug bis in die Nähe von Berlin sehr unruhig. Einmal verspürte ich, was das war: ein Luftloch. Bei Adorno hatte ich irgendwo gelesen, es gäbe gar keine Luftlöcher. Damals waren mir erste Zweifel am Philosophen gekommen. Doch den einen Satz hielt ich nach wie vor hoch: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Ich machte mir noch nicht klar, worin die verführerische Kraft dieser Feststellung für uns damals lag – sie entlastete einen selbst, wenn etwas schlecht ablief. Ich war neunzehn und sollte noch mehr von ihm lesen, bis mich viel später in Hamburg einer fragte: Und praktische Konsequenzen, wie sieht es damit bei dir aus? Ich gab zu, auch Adorno nur gelesen zu haben, um die Welt besser zu verstehen. Im falschen Leben kann es eben kein richtiges geben.

Es war Erik, der gefragt hatte. Ich machte gerade das Frühstück für uns, nach der einzigen Nacht mit ihm, und er studierte die Buchrücken. Als Fotograf legte Erik großen Wert darauf, als Künstler zu gelten, ein Künstler zu sein. Eine Fotografie war für ihn, so verstand ich ihn, die arrangierte Widerspiegelung eines Weltausschnitts, das ernsthafte Bemühen um einen ästhetischen Wert. Gerade er könnte verstanden haben, warum einer wie ich Adorno las. (Es wird kein Zufall sein, dass mir jetzt ein Fotograf als Erster in den Sinn kommt. Ist Fotografieren heute nicht die wahre religiöse Kunst?)

Als ich nach Berlin flog, war der Philosoph schon zwei Monate tot. Die Wahl zum Bundestag lag nur Tage zurück. Brandt würde Kanzler werden, darauf lief es hinaus. Alles würde anders, besser werden. Auch meine Erwartungen waren groß, dabei so unbestimmt im Einzelnen wie fest gefügt im Großen und Ganzen. Es verhielt sich mit ihnen nicht anders als mit meinen Gefühlen beim Aufsteigen des Flugzeugs, es war eine rein passive Auffassung der Sache. Der Fortschritt musste kommen, und ich hielt nach ihm Ausschau. Dabei hatte ich vor kurzem noch, wie so viele andere, das Heraufkommen eines neuen autoritären Staates befürchtet. Sie blieb uns also bis auf weiteres erspart, die NATO-Notstandsdiktatur, wie schön.

Wenn es kein richtiges Leben im falschen gab, dann musste sich tatsächlich alles ändern. Eines hatte sich schon geändert: Der Paragraph war gefallen, wenige Wochen vor der Wahl. Schluss mit dem Hundertfünfundsiebziger – und nicht länger mit uns Hundertfünfundsiebzigern. Auch das war für mich bisher mehr Theorie als Praxis - ich hatte noch nie mit irgendeinem geschlafen, weder mit einem Mann noch mit einer Frau. (Den einzigen und weitgehend misslungenen Versuch lasse ich dabei unberücksichtigt.)

Wir flogen jetzt tief, Berlin war schon unter uns. Mein erster Eindruck, noch aus der Luft, war wie beim vorigen Mal: eine Stadt, anders als andere Städte. Aber was kannte ich bisher schon? Stuttgart oder Mannheim konnten sich mit West-Berlin nicht messen, nicht einmal München. Wirklich große Städte wie Paris oder New York hatte ich noch vor mir, und als ich sie kannte, blieb Berlin auch unter ihnen ein Sonderfall.

Berlin kam mir entgegen, aufnahmebereit, dachte ich, es war infolge des Sinkflugs auch körperlich spürbar. Dann legte sich das Flugzeug unerwartet auf die Seite, wie ein unruhiger Schläfer, nahm eine rasante Kurve und düste unter rapidem Höhenverlust erst knapp über die Mietskasernen, dann über die Friedhöfe von Neukölln. Unmittelbar danach plötzlich das harte Aufsetzen auf der Tempelhofer Rollbahn, wie eine Sturzgeburt mit Geburtsschock. Das Drosseln der Triebwerke und der Gegenschub machten erstmals seit dem Start die Erdenschwere wieder fühlbar. Ein wenig Vernichtungsangst überkam mich noch – und sie fiel von mir ab, als ich spürte, wie die Maschine langsam ausrollte auf der Rollbahn des Lebens. Ein Flug wie eine Wiedergeburt. Mein neues Leben, es würde sofort anfangen abzurollen. Erst jetzt begann alles.

Noch am Tag der Ankunft stellte ich mich in Steglitz vor. Sie nahmen mich, wie ich war (dachten sie vielleicht), und schon am nächsten Tag konnte ich bei ihnen anfangen. Ich blieb dort, solange ich mit Berlin noch nicht fertig war. Damit ist schon so gut wie alles darüber gesagt. Berufsarbeit war entfremdete Arbeit im Gegensatz zu Arbeit an sich selbst, ich zweifelte keinen Augenblick daran. Selbstverwirklichung war, wenn überhaupt, nur außerhalb der Berufswelt möglich. So waren die Spielregeln, sie waren nicht von mir. Ich akzeptierte sie.

Sollte ich je Lust verspüren, einen Roman über diese Arbeitswelt zu schreiben, muss mich schon die damals eingegangene Schweigeverpflichtung davon abhalten. Sie kann sich streng genommen nur auf die Fakten beziehen, die dem Unterschreibenden nach Vertragsabschluss bekannt werden. Also dürfte ich das Einstellungsgespräch schildern und die beiden Geschäftsführer … Daran ist für mich nichts Reizvolles. Es waren durchschnittlich farblose Männer in einer bloß alltäglichen Situation.

Später gab es doch ab und zu Stoff, geeignet für eine satirische Erzählung. Niemand wird mich für diesen einen Verstoß noch maßregeln wollen, nach so langer Zeit … Drei Jahre nach meinem Eintritt dort stand eine Renovierung des Hauses an. Die ferne westdeutsche Zentrale – wir waren nur eine Filiale von ihr – gab alles bis ins letzte Detail vor: den Wandanstrich und die Farbe des Teppichbodens, welche Möbel angeschafft und wie sie in den Räumen aufgestellt wurden. Die Ordnungswut ging so weit, dass sogar jede Schreibschale ihren fest zugewiesenen Platz auf einem neuen Schreibtisch haben sollte. Und wenn Geräte nicht in die neuen engen Schubladen passten, wurden sie kleiner gemacht, Teile von ihnen abgerissen. Unter der Fahne der Rationalisierung liefen Nivellierung und Disziplinierung mit. Dabei taten sich die Aufsteiger, diese Männer der Zukunft, besonders hervor. Einer von ihnen, mein direkter Vorgesetzter, hatte sich ab und zu mit mir über Literatur unterhalten, mir Bücher ausgeliehen, von Uwe Johnson zum Beispiel. Er hatte auch gesagt, für ihn laufe die natürliche Entwicklung der Gesellschaft auf den Sozialismus hinaus. Jetzt monierte er, dass die erwähnte Schreibschale bei mir auf der falschen Seite stand. Ich stritt mich ein wenig mit ihm und fügte mich dann.

So verbrachte ich Jahr um Jahr vierzig Stunden in der Woche in einem Milieu, für das ich nach meinem Gefühl nicht geschaffen war. Waren es denn meine Kollegen? Mein Gegenüber, der hübsche, sensible H., war musikalisch, er hatte in einer Band ein Instrument gespielt und inzwischen damit aufgehört. Vielleicht hätte ich mich in Stuttgart in ihn verliebt, aber ich war nicht nach Berlin gekommen, um noch einmal den gleichen Fehler zu machen. Mit Kollegen überhaupt war ich fertig. H. waren mein Auftreten und mein Ton viel zu brüsk, und ich warf ihm insgeheim vor, dass er sich den bürgerlichen Kleidernormen wie auch den meisten anderen Regeln unterwarf. Zum Geburtstag des Chefs kam er statt wie sonst im Rollkragenpulli mit Schlips, und bei der Feier hörte ich ihn vom anderen Ende des Tisches her, nicht einmal unfreundlich, sagen, ihr junger Kollege langweile sich offenbar außerordentlich.

Natürlich hatten wir im Büro auch einen Homo, das heißt, einen, von dem es jeder wusste. Nur ein knappes Jahrzehnt älter als ich, schien er einer anderen, tieferen Schicht in der Zeit anzugehören. Er trug flauschige Sachen, die den Körper betonten, wahrscheinlich von Schwulbach, wie der wirkliche Name der Firma gern abgewandelt wurde. Der Laden am mittleren Kudamm bot noch immer den Tuntenlook der Sechziger zu moderaten Preisen und in großer Auswahl an und wurde von einem anderen, boshafteren Kollegen nur Pupen-Bilka genannt. Mein älterer schwuler Bruder war mir peinlich, sein verdrücktes Benehmen, die ganze zurückgestaute Tempelhofer oder Mariendorfer Erotik, seine zerquälte Sanftmut, wie bei einem Hund, der getreten wird und beißen möchte und es längst verlernt hat. Wenn ich ihn ansah, hatte ich vor mir, was ich auf keinen Fall sein wollte. Er litt unter seinem Ruf so sehr, dass er sich verlobte oder es wenigstens behauptete. Keiner trug den Verlobungsring wie er, er wies ihn ständig vor, als den erschwindelten Ausweis einer Normalität, die ihm doch niemand glaubte.


Einstell-Datum: 2012-11-29

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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