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Kapitel 10
Autor: Copper · Rubrik:
Erzählungen

Ich kannte die Hütte noch aus alten, glücklicheren Tagen. Damals, als wir jedes Jahr in den Urlaub gefahren sind, bezogen wir immer gern dieses hübsche, kleine Blockhaus. Doch mittlerweile sah es passenderweise sehr heruntergekommen aus. Das Dach hatte an diversen Stellen Medizinballgroße Löcher und das Holz schien auch nicht mehr allzu neu, um von der Innenausstattung gar nicht erst zu sprechen. Aber ich sah das alles nur am Rande, denn ich verband mit diesem Haus die schönste Zeit meines Lebens.

Ich weiß es noch wie heute. Wenn man morgens aufstand und aus dem Fenster sah, erblickte man so weit das Auge reichte nur saftigste Wiesen, grüne Wälder und erhabene Berge. Die Baumwipfel schnurrten im Wind während kleinere Äste ihr verwegenes Spiel mit dem Sonnenlicht trieben. Wenn ein Tag so begann, strahlte ich mit der Sonne um die Wette. Ich ging dann immer mit Vater auf Erkundungstour, derweil Mutter sich nach draußen setzte und bunte Blumen, starke Bäume oder hohe Berge malte. Wir entdeckten jeden Tag eine neue Welt. Nur einen Gamssprung entfernt hatten wir im ersten Jahr eine Murmeltierhöhle gefunden. Vater erklärte mir, die Murmeltiere seien sehr scheue Tiere, die sich nur zeigten, wenn sie sich absolut in Sicherheit fühlten. Ich wollte unbedingt eines sehen und so legten wir uns auf die Lauer. Tatsächlich erblickten wir nach überraschend kurzer Zeit die Nase eines solchen scheuen Tieres. Ich begann vor lauter Freude laut zu lachen und es verschwand wieder in seinem Bau. Es war bis dato der schönste Moment in meinem noch jungen Leben.

Heute Abend allerdings war von diesem ganzen Liebreiz nicht ein Fünkchen zu spüren. In dieser fast lebensfeindlichen Umgebung, wo der Matsch mein Paradies umzingelte, die einst standhaften Bäume Mühe sich aufrecht zu erhalten und ihre liebsten Spielgefährten schon lange aufgehört zu strahlen hatten, fiel es auch nicht mehr ins Gewicht, dass es wie aus Eimern goss.

Trotz Regenjacke durchnässt bis auf die Knochen und von dem langen Fußmarsch erschöpft stemmte ich die Tür auf und geleitete meine geliebte Gefährtin in unsere gemeinsame, behelfsmäßige Bleibe. Die Dielen knarrten bedrohlich unter unser beider Last, doch ich hatte immer noch Vertrauen in sie. Im ehemaligen Wohnzimmer stand noch der alte Heizofen aus den Anfängen des Jahrhunderts. Er war anscheinend lange nicht mehr gezündet worden. Die nahen Wände hatten ein paar Rußflecken, die in stillem Verständnis mit den benachbarten Schimmelstellen ihr Dasein fristeten. Einige Stofffetzen aus besseren Zeiten hingen noch an den Fenstern und gaben den Spinnenweben, die sich über Jahre hinweg entwickelt hatten, sicheren Halt. Ein alter Teppich in der Mitte des Zimmers sollte uns heute Nacht als Ruhestätte dienen. Ich warf unser Hab und Gut, das mittlerweile nur noch aus dem Inhalt meines Rucksackes bestand in eine Ecke des Zimmers. Die einstige Küche war, neben unserem neuen Schlaflager, der einzige Raum, der noch einigermaßen trocken geblieben war und so beschloss ich, einige gebrochene Dielenleisten, die ich dort fand zu Brenngut umzufunktionieren, damit wir es hier einigermaßen aushalten könnten. Glücklicherweise hatte ich noch die Zeitung von gestern, die mir heute als Zunder gute Dienste leistete. Sie hatte in der Zwischenzeit, ganz nach Frauenart, unser kleines Reich von den Spinnweben als auch von den Bewohnern derselben befreit. Wie gut, dass sie sich in diesem Punkt von den anderen unterschied und weder Ekel och Pein kannte. Und mit ihr und dem sanften Flackern des Feuerchens im Ofen, schien es mir doch schon fast wieder wie mein kleines Paradies.

Die Vorräte, die ich vor dem Aufbruch zu unserer Reise eingepackt hatte, gingen zur Neige, aber für heute Abend hatte ich uns noch ein Festmahl aufgehoben. Ich öffnete die Konserve mit Ravioli und stellte sie auf den Ofen um sie zu kochen. Zumindest um sie nicht ganz kalt essen zu müssen. Ich hatte meine alte Feldflasche gestern an einer kleinen Quelle, die noch fröhlich aus einer Felswand sprang wieder auffüllen können und reichte sie meiner Liebsten, die an der Wand nahe dem Ofen saß, das frische Quellwasser.

„Warum tust du mir das an? Warum? Was hab ich dir getan?" Ich sah, dass sie versuchte ihre Wut zu unterdrücken, doch sie schaffte es nicht. Eine Träne quälte sich aus ihrem Augenwinkel. „Hör auf zu weinen", gab ich trocken zurück, „und iss!" Ich wollte, dass es ihr gut geht, wollte, dass sie glücklich wird, mit mir in der Zeit, die mir noch gegeben war. Ich selbst aß keinen Bissen.

Schließlich schlief sie über den Tränen die sie mir schenkte ein. Ich blieb wach und schaute in das prasselnde Feuer des kleinen Heizofens, in die Unendlichkeit des Sternenhimmels, in ihr trauerzerquollenes aber immer noch reizendes Gesicht. Es reizte mich sogar sehr. Ich hatte es noch nie geküsst. Und so, wie unser Verhältnis momentan war, wollte und konnte ich diese Tatsache auch nicht ändern. Dazu hatte ich zu viel Respekt vor ihr. Wenn sie mich doch nur verstehen könnte.

Ich wollte ihr alles erzählen, hatte aber Angst, mich damit verwundbar zu machen. Hatte Angst, der Tod würde mich, wenn sie es wüsste, jeden Tag durch ihre Augen anstarren und nach meinem Ableben frohlocken. Ich war ein Opfer meiner Taten und Gefühle – es gab keinen Fluchtweg mehr.

So wie sie da saß, so kraft- und willenlos, konnte ich sie nicht sitzen lassen. Es war nicht das Bild, das ich von ihr hatte. Keine Aufrichtigkeit in ihrer Haltung, sie saß gekrümmt da wie ein Würmchen am Haken. Kein keckes Grinsen zierte sie, nur die matt schimmernden Bahnen ihrer Tränen auf ihrem Gesicht zermürbten meine Gedanken. Ich hob mich von meinem Stuhl und schritt auf sie zu. Ganz leise, denn ich wollte sie nicht wecken. Ich hockte mich vor sie und konnte einen vom Weinen heißen Luftzug aus ihrem Mund spüren. Das Feuer warf ein warmes Licht auf ihren Körper. Feine Schatten verliehen ihrer Gestalt etwas Mystisches, das mich auf eine sonderbare Weise noch tiefer in ihren Bann zog, als ich es bereits gewesen war. Ihr bronzener Teint lies mich wiederholt in Träumen schwelgen.

Ich habe mich schon oft gefragt, was einen Menschen begehrenswert macht, und auf welche Weise. Es seien nur die sexuellen Leuchtsignale wie Bauch, Beine, Busen, Po die einen Menschen liebenswert – Wert, ihn zu lieben – machen. So hatte ich es jedenfalls von den Einen immer gehört. Ich fand es verwerflich, geradezu abstoßend, einen Menschen so zu reduzieren. Sind es doch der Seele Spiegel, wie ein Paar funkelnde, strahlende, prahlende Augen, oder das gewitzte, schelmische, verwegene Lächeln, die dich mit einem Gefühl der Behaglichkeit erfüllen, dich in den Bauch pieken und dich doch nie wissen lassen: von jetzt an bist du ein Sklave. Und spätestens in diesem Moment musste ich es einsehen. Auch ich war ein Sklave. Menschen sind schon sehr seltsame Wesen. Man sollte Meinen, sie seien vernünftig und zu rationellem Denken fähig und doch obgleich sie ihrem Verderben ins Auge blicken, machen sie doch immer wieder gekonnt den entscheidenden Schritt in die Falle, lassen sie zuschnappen und knechten sich damit selbst.

Ihre regelmäßigen Atemgeräusche attestierten ihr eine tadellose Gesundheit. Der Brustkorb bewegte sich rhythmisch mit. Ich fragte mich, ob das kleine Herz dort drinnen nicht auch ein klein wenig für mich schlüge. Sanft strich ich ihr eine Strähne ihres Kastanienbraunen Haares aus dem Gesicht und mir war, als lächelte sie ein wenig. Ich dachte, vielleicht träumt sie einen süßen Traum. Vielleicht den, den auch ich schon so oft, so unzählige Male erdachte. Den ich mit schamloser Genugtuung jede einzelne Sekunde, die er da war in meinem Innersten aufsog und mit dem massivsten Schloss auf der ganzen Welt wegsperrte um zu verhindert, dass ich ihn verlor, um ihn mir auf ewig zu erhalten, meinen Schatz. Ich fuhr mit einem Finger weiter über ihr warmes Gesicht und musterte es. Ihr dezentes Make-up war schon lange vom ewigen Regen, der uns begleitete weggewaschen. Ihre verschnupfte Nase zuckte jedes Mal, wenn ich ihre Nasenflügel berührte. Ihr Mund, aus dem sie mittlerweile wieder ruhig atmete, stand etwas offen sodass ich auch andeutungsweise ihr markantes Gebiss erkennen konnte. Ihre Lippen hatten, so schien es mir zumindest, ein wenig mehr Farbe als sonst. Ich empfand das als sehr schön. Überhaupt hatte ich in diesem Moment das Gefühl, als genieße sie meine Zuwendung. Sie seufzte leise, als meine Hand die Bahnen, die vorhin ihre Tränen gezogen hatten, entlangfuhr. Ich probierte eine ihrer Tränen, denn es interessierte mich, wie sie schmeckte. Ich dachte, solch eine Trauerträne sollte bitter schmecken. So bitter, wie all der Kummer, all die Angst und all die Wut die sie verursacht hatten. Ich kostete die Träne, doch sie schmeckte salzig. Die anderen Tränen in ihrem Gesicht starrten mich an und ich beschloss sie zu erlösen, all ihre Angst, Wut und all den Kummer der sie beherrschte, von ihr zu nehmen. Doch nur mit der Hand schaffte ich es nicht. Ich senkte meinen Kopf, kam näher bis nur noch wenige Zentimeter unsere Wangen trennten. Ich konnte nun deutlich die Wärme von ihrem Körper ausging spüren. Ich mochte diese Wärme, sie war so vertraut, so aufrichtig, anders als diese gewohnte Wärme, die in dem kleinen Ofen ihren Ursprung fand. Diese Ofenwärme ist eine Hure, die macht es mit jedem, der sie will, ist für jeden da, aber ihre Wärme ist nur für mich, ist genau jetzt nur meine Wärme. Ich kam noch näher bis sich scheinbar unendliche Sekunden unsere Wangen berührten. Sie war so weich, wie ich sie mir vorgestellt hatte und ich genoss es einfach nur bei ihr zu sein, auch wenn sie wahrscheinlich viel lieber woanders wäre. Doch vergaß ich in all dem Taumel der Gefühle meine Absicht nicht, ihre weichen Wangen von dem Tränenmeer zu erlösen. Ich öffnete leicht den Mund, streckte meine Zungenspitze heraus und begann, die Tränen zu entfernen, ganz langsam aufzunehmen, einzusaugen, mit all der Bitterkeit, die sie enthielten und die sie doch salzig schmecken ließ. Dabei strich meine Hand fortwährend über die andere Wange. Ich fühlte mich gut, denn ich tat Gutes.

In ihrem Gesicht begann sie etwas zu regen, sie schien aufzuwachen. Erschrocken ließ ich von ihr ab. Ich schnellte einige Zentimeter zurück um mir die Chance zu wahren, auf sie zu reagieren. Zuerst bewegten sich ihre Mundwinkel. Sie zog sie langsam ein wenig nach oben, als ob sie mir ein Lächeln für meine gute Tat schenkte. Ich war erleichtert und einwenig stolz auf mich, dass ich ihre Bürde, die sie gewiss zu tragen hatte ein wenig erleichtern konnte. Mit diesem Gedanken bewegte ich mich wieder ein Stück auf sie zu. Doch dann fiel mir auf, dass ihre Stirn Falten schlug und auch um ihre Augen bildeten sich welche. Das war kein Lächeln. Es war tiefste Trauer, die sich mir in diesem Moment entgegenstellte. Ich merkte, wie diese bodenlose Traurigkeit nicht nur sie völlig unter Kontrolle hatte, sondern sich anschickte auch mich zu ihrem Spielball zu machen. Ich war absolut machtlos gegen ein solches Gesicht. Sie begann wieder leise zu schluchzen, wie sie es an diesem Abend schon einmal getan hatte, doch diesmal konnte ich nicht wegsehen, sie hatte mich am Haken. Sie stach mir mit dem Messer direkt ins Herz. Und drehte es auch noch um. Die Wärme, die ich vor wenigen Sekunden noch spürte, die mir so viel Kraft und Selbstvertrauen gab, mich ihr zu nähern und sie sogar zu berühren, wich einem eisigen Sturm. In diesem Augenblick war ich weiter von ihr entfernt als je zuvor.


Einstell-Datum: 2007-06-09

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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