Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 



Save Ukraine!
Save Ukraine!


Amnesty International

Love all Animals

 
Lasst uns einen Spaziergang machen
Autor: Maurizio Poggio · Rubrik:
Kurzgeschichten

-KURZGESCHICHTEN-

Leseprobe:
.........
Grossmutter erzählt: "Was hatte ich für eine Wut, damals als das Bild geknipst wurde. Es war in der Zeit der grossen Krise. Jeder Pfennig musste dreimal umgedreht werden. Da kaufte dein Grossvater einen ganzen Stapel Bücher. Und weil er Gewissensbisse bekam, versteckte er die Bücher, eingeschlagen in Packpapier im Garten unter dem Johannisbeerstrauch."
Nachts zog ein Gewitter auf.
Grossvater schlich sich aus dem Schlafzimmer, ging auf Zehenspitzen in den Garten und zog das Buchpaket vorsichtig aus seinem Versteck. Da bricht das Gewitter über Grossvater herein. Grossmutter steht hinter ihm. Grossmutter ist ihm nachgeschlichen. Grossmutter ist das Gewitter.

Grossvater sitzt nicht mehr am Tisch beim Schachspiel. Grossvater hat kein Buch in der Hand. Grossvaters Rollstuhl steht unbenutzt in der Ecke. Grossvater ist tot.
Vielleicht ist der Mann auf dem Foto doch Grossvater. Grossmutter erzählt gern: "Wir mussten jeden Pfennig dreimal umdrehen. Grossvater war arbeitslos. Lange Jahre arbeitslos." Während der Nazizeit. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde Grossvater arbeitslos. Er weigerte sich, Mitglied der NSDAP zu werden. Im Hause, in dem Grossvater wohnte, wohnten die Nazis.
Im Treppenhaus immer die gleiche Szene. Jeden Tag. Heil Hitler. Der erhobene ausgestreckte Arm.
Grüß Gott, die Antwort. Jeden Tag.
Eines Tages wurde Grossvater von der Gestapo abgeholt. Vorladung hiess es höflich. Er hat nie etwas darüber erzählt. Grossvater redete wenig.
Ich stellte mir die Gespräche in der Küche vor, abends beim Kartenspiel. "Denk an deine Familie", sagt Grossmutter. "Wovon sollen wir leben?"
"Nein", sagt Grossvater.
"Denk an deine Kinder. Tritt ein."
Grossvater schüttelt den Kopf.
Vielleicht war es auch anders. Vielleicht hat Grossmutter Grossvater in den Arm genommen. Vielleicht hat sie gesagt: "Lass dich nicht unterkriegenä" Vielleicht hat sie gesagt: "Das schaffen wir schon."
Vielleicht. Ich weiss es nicht.
Grossvater ist tot.
Als Grossvater lebte, schwieg ich mit ihm beim Schachspiel. Grossvater war für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
Heute habe ich einige Seiten verstanden.
Als Grossvater noch lebte, kannte ich ihn kaum.


Einstell-Datum: 2004-12-20

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Dieser Text wurde noch von niemandem bewertet.

 

Kommentare


Zu diesem Objekt sind noch keine Kommentare vorhanden.

Um einen Kommentar zu diesem Text schreiben zu können, loggen Sie sich bitte ein!

Noch kein Mitglied bei versalia?



Vorheriger Text zurück zur Artikelübersicht Nächster Text


Lesen Sie andere Texte unserer Autoren:
Ich möchte nicht wie Bu... · Geschichten aus dem Zaub... · Es war die Zeit ·

Weitere Texte aus folgenden Kategorien wählen:
Anekdoten · Aphorismen · Erotik · Erzählungen · Experimente · Fabeln · Humor & Satire · Kolumne · Kurzgeschichten · Lyrik · Phantastik · Philosophie · Pressemitteilungen · Reiseberichte · Sonstiges · Übersetzungen ·

Aus unseren Buchrezensionen


Wunderbare MenschenGraf, Oskar Maria:
Wunderbare Menschen
Oskar Maria Graf, der auf eigenen Wunsch verbrannte Dichter, der mit Beginn der faschistischen Diktatur das Exil wählte, aus dem er nie mehr zurückkehrte, hat der Nachwelt unter anderem hochwertige Literatur über die Zeit der zwanziger Jahre hinterlassen. Der große mündliche Erzähler, der selbst in seiner oberbayrischen Heimat das [...]

-> Rezension lesen


 Zizek - Der Elvis der KulturtheorieTaylor, Astra:
Zizek - Der Elvis der Kulturtheorie
„Alles muss interpretiert werden.“ Auf die sich selbst gestellte Frage, warum er eigentlich so hyperaktiv sei, immer reden müsse und wild gestikuliere, antwortet Zizek, dass er glaube, sollte er jemals damit aufhören, die Leute wiederum glauben würden, da sei niemand, nur das gähnende Nichts. Am Anfang aller Dinge war seiner [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?


Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.025729 sek.