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Luigi aus Palermo
Autor: Hartmuth Malorny · Rubrik:
Kurzgeschichten

Luigi saß in seinem Büro und schaute auf die Via Fratelli Cianciolo. Er war sozusagen ein Mann für alle Fälle und kannte sich im Business aus. Er nahm nur Aufträge an, von denen er sich eine gewisse Reputation versprach. Aber man redete längst über ihn, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, Luigi war Palermos Geheimtipp. Aufträge außerhalb der Stadt ignorierte er.
Die Fenster des Büros lagen zum Meer hin. Der Schreibtisch war alt und wuchtig und stammte aus einer Zeit, als schon Luigis gleichnamiger Großvater diesem Gewerbe nachging. Auf dem Tisch stand eine nicht weniger wuchtige englische Schreibmaschine und eine sizilianische Öllampe. Es kam selten vor, dass er die Maschine benutzte, höchstens aus Langeweile, dann spannte er einen Bogen Papier ein und tippte das Alphabet, nahm zwischendurch eine Büroklammer und bog sie auseinander, und zum Schluss reinigte er die Typen A und O. Gewöhnlich verließ er das Büro zur Mittagszeit, nach dem Essen schaute er kurz rein und holte seinen Geigenkoffer ab, und dabei überprüfte er gewissenhaft sein Arbeitszeug.
Es war allgemein bekannt, dass Luigi für jeden Auftrag ein Paar weiße Handschuhe „verbrauchte”. Die Leute der Szene hielten ihn für einen sympathischen Sonderling, er redete wenig und wenn man ihn traf, grüßte er mit einem leichten Kopfnicken, oder er hob kurz den schwarzen Geigenkasten.
Das ist eigentlich fast alles, was man über Luigi wusste. In seinem Büro war es meistenteils ruhig, er zahlte pünktlich seine Miete und in der Steuererklärung bezeichnete er sich als freischaffender Künstler, und bei den Carabiniere hatte noch nie jemand seinen Namen gehört.
Luigi arbeitete am liebsten abends, aber das ließ sich selten einrichten, deshalb holte er schon um Eins den Koffer und überflog den Arbeitsplan des jeweiligen Tages. Wie gesagt, an Aufträgen mangelte es ihm nicht. Gerade in höheren Kreisen legte man viel Wert auf Diskretion und gute Umgangsformen, Luigis Charaktereigenschaften waren dazu wie geschaffen, und wenn er sich mit seinen Auftraggebern traf, was regulär nur einmal passierte, nämlich zwecks Unterweisung und wegen der Bezahlung, dann konnten sie feststellen, dass er ein Mann vom Fach war.
All das sprach sich rum.
Luigi saß im Büro und schaute zur Straße herunter. Ein Auto hupte mehrmals. Der Fahrer stieg aus und fluchte. Am Himmel war keine Wolke zu sehen. Es würde wieder einer dieser furchtbar heißen Tage werden. Heute brauchte er erst um 20 Uhr los.
„Ich wusste gar nicht, dass mir ein Job noch Spaß machen könnte”, dachte Luigi, „nach all den Jahren. Na ja, wer hat schon Spaß an seinem Job? Alles nur Routine, fast jeden Tag das gleiche Spiel, du spulst täglich dein Repertoire runter, du denkst, irgendwann muss es aufhören, aber es geht immer weiter; hätte ich eine Statistik, müsste ich zugeben, dass die Kundschaft von Jahr zu Jahr jünger wird, na ja, heute brauche ich nicht vor 20 Uhr los.”
Der 20-Uhr-Job war denkbar simpel, sein Auftraggeber hatte ihm Geld und Adresse gegeben und gesagt, er solle Punkt 20 Uhr 15, also sofort nach der Tagesschau, anklingeln und der Butler, der Bescheid wisse, würde ihn direkt zur Bibliothek führen.
Um diese Art Kontakt bemühte sich Luigi schon seit Jahren, demzufolge brächte ihm eine gute Arbeit weitere Aufträge. Er beschloss, den Zusatz „Ein Mann für alle Fälle” von seiner Visitenkarte streichen zu lassen, er würde sich ab morgen spezialisieren, bestimmt wäre dann auch ein größeres Büro drin, mit Klimaanlage und Sekretärin, nun, noch machte seine Mama die Buchführung, sie hatte genug Begabung und Phantasie für Zahlen, Spalten und Tabellen, sie war so begabt, dass sie dem Finanzamt eine völlig neue Sicht schuf, quasi eine gut funktionierende „Ein-Mann-Agentur”.


Luigi - Palermo
Ein Mann für alle Fälle
Telefon/Anrufbeantworter

Tja, „Ein Mann für alle Fälle” musste weg, schwarz-weiß konnte bleiben, rechts das Emblem des Geigenkastens und links die Silhouette der Maschinenpistole sah er als Gag und als Tradition der Luigis aus Palermo, ihres Zeichens nach freischaffende Künstler, und fast alle Auftraggeber lächelten darüber, sie verstanden diese Hintergründigkeit und schätzten seine Verschwiegenheit.
Luigi erwachte Punkt 20 Uhr 10 aus seinem Traum. Das Büro war dunkel. Er zündete die sizilianische Lampe an und schaute zur Uhr. Hektisch schnappte er den schwarzen Koffer, steckte ein Paar weiße Handschuhe ein und warf sich das Jackett über. Draußen winkte er ein Taxi heran. Er hatte ein schlechtes Gefühl. Der Taxifahrer musterte ihn versteckt im Rückspiegel.
„Via Pietro Lupo?”, fragte der Fahrer mehrmals.
Luigi nickte mechanisch. Plötzlich war ihm danach den Job zu versauen, doch er wusste, es hing einiges davon ab, außerdem stand sein Image auf dem Spiel.
„In der Bibliothek...”, dachte er.

Der Butler blickte hämisch zur Uhr und führte Luigi in die Bibliothek. Dort wartete bereits die 16-jährige Tochter des Auftraggebers. Luigi legte den Koffer hin, öffnete ihn, holte die Geige raus und stülpte das weiße Paar Handschuhe über. Er nahm den Bogen und spielte. Er spielte dem Mädchen verschiedene Passagen vor, hieß ihr es zu wiederholen und spielte immerfort Ludwig van Beethovens Sonate F-Dur op. 24 und hoffte, sie würde Beethovens Lektion rasch kapieren, und dabei dachte Luigi an seine Visitenkarte.


Einstell-Datum: 2005-08-19

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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