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Mit Gottfried Benn um die Welt
Autor: ArnoAbendschoen · Rubrik:
Humor & Satire

Welches war der absolut höchste Punkt in meinem Leben, gemessen in Metern über dem Meeresspiegel? Ich weiß es noch genau, weiß auch, welche Gefühle mich dort beseelten. Doch ich will den Höhepunkt noch etwas hinauszögern und Ihre Aufmerksamkeit vorher auf einen Gipfel deutscher Lyrik lenken. Es ist "Reisen" von Gottfried Benn. Zunächst nur die erste Strophe:

"Meinen Sie, Zürich zum Beispiel / sei eine tiefere Stadt / wo man Wunder und Weihen / immer zum Inhalt hat?"

Ehrlich gesagt, auf Zürich wäre ich in diesem Zusammenhang nicht gekommen. Vielleicht wollte er sich damit an Thomas Mann reiben, den er anlässlich von dessen Tod als großen alten Erzengel sah. Sich selbst reihte er gleichzeitig, allzu selbstbescheiden, um aufrichtig zu sein, unter die Putten und Amoretten ein.

Wir kamen auf dem Weg ins Wallis nicht einmal über Zürich. Es ging via Basel und Bern nach Brig und von dort hinauf nach Blatten. Es ging täglich hoch hinauf, damit will ich Sie nicht langweilen ... Und dann sollte der höchste Tag im Leben kommen. Wir nahmen den ersten Bus von Blatten (1327 m) hinunter nach Brig (678 m). Dort zwängten wir uns in die verflucht enge und immer bis auf den letzten Platz besetzte Schmalspurbahn nach Zermatt (1616 m). Sollte ich vielleicht doch an Klaustrophobie leiden oder ein pathologischer Misanthrop sein? Ach, war es schön, nach einer guten Stunde -guten?- das Züglein verlassen und die herrliche Hochgebirgsluft atmen zu können.

Was soll ich von Zermatt sagen? Viele Geschäfte und Restaurants, nicht ganz billig, und die Hotels und Pensionen schmücken sich im Sommer mit Geranienkaskaden. So viele Blumen der gleichen Art lösten bei mir die Frage aus: Essen sie die am Ende? Adorno hat seinen letzten Urlaub dort nicht gut vertragen. Er erlitt einen Schlaganfall und starb im Krankenhaus von Brig. Es sei allen zur Warnung ins Gedächtnis zurückgerufen.

Wir lösten zwei Billets (nicht ganz billig) hinauf zum Unterrothorn (3103 m). Man muss zweimal umsteigen. Zuerst wird man in einer Alpenmetro unterirdisch den Berg hinaufgeschossen, sehr romantisch, dann mit zwei Seilbahnen noch weiter schwungvoll den Berg hinaufgeschaukelt. Oben angekommen waren wir noch nicht am Ziel unserer Wünsche. Wir wandten uns nach links - oder war es rechts? Im Kopf regte sich leiser Schwindel. Atmung und Kreislauf waren schon etwas mühsam geworden. Aber nicht aufgeben, das Oberrothorn (3413 m) will auch noch von uns bezwungen werden!

Es kam noch ein Zwischenabstieg. Nun halten wir am Punkt 2981. Verschnaufen wir mal kurz und rechnen aus, wie viele Höhenmeter wir bis jetzt rauf und runter addiert zurückgelegt haben. Es sind 3196 m. Nach kurzer Rast wollten wir auch noch die restlichen 432 m stemmen, um anschließend den Rückweg anzutreten, womit wir dann auf 7256 m bewältigten Höhenunterschied an einem Tag gekommen wären. Ach, es war uns nicht vergönnt ... Mein Begleiter fühlte sich einem Kollaps nahe, mir ging es auch nicht gut. Wir ruhten noch einmal kurz in der Senke aus und schlichen dann zum Unterrothorn hinauf. Und von da an zogen wir uns wie Napoleon nach dem Brand Moskaus unaufhaltsam zurück. Unten in Brig fühlten wir uns beinahe wieder wohl.

Wenn das der Höhepunkt war, wie war dann erst der tiefste? Ich kann ihn nicht genau ermitteln, es gab zu viele Tiefpunkte. Nehmen wir also an, es war Cuxhaven (3 m). Was kann man in Cuxhaven treiben? Um den Bahnhof herum riecht es nach Fisch. Weiter Richtung Meer gibt es schöne alte Häuser - die gibt es in Hamburg auch. Man landet zwangsläufig am Wasser, wo die Elbe unbestimmbar ins Meer übergeht. Nur von der erhöhten Strandpromenade auf dem Deich hat man einen guten Blick. Ich stieg hinauf und ging immer weiter Richtung offenes Meer. Ich fühlte mich richtig gut.

Dann fiel mir auf, die Promenade war eingezäunt und an jedem Zugang stand, sehr unromantisch, ein Kassenhäuschen. Ich folgerte, dass ich mich vorhin versehentlich an einem vorbeigeschmuggelt haben musste. Mein Gewissen ist überempfindlich. Auch fürchtete ich Kontrollen. Also verließ ich am nächsten Häuschen die Umzäunung und sah mir die Preistafel an. Sooo viel für eine Tageskarte, für einen Spaziergang am Meer? Mein Sinn fürs Ökonomische ist auch ausgeprägt. Den Spaziergang hatte ich doch schon gratis gehabt. Also blieb ich draußen und ging langsam hinter dem Deich zurück in die Stadt.

Ich murmelte die letzte Strophe von Benns Gedicht vor mich hin:

"Ach, vergeblich das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich: / bleiben und stille bewahren / das sich umgrenzende Ich."


Einstell-Datum: 2012-11-01

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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