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Morgens im Café
Autor: Schreiber · Rubrik:
Phantastik

MORGENS IM CAFÉ
"Ich fühlte, daß seine tollen und doch eindrucksvollen
Einbildungen langsam, aber merklich eine furchtbare
Macht über mich selbst gewannen. "
(Poe, Der Untergang des Hauses Usher)

Was war denn schon passiert. Ich versuchte wirklich hartnäckig, mich zu erinnern, während ich an meinem Schreibtisch daran war, mein letztes Manuskript zu überarbeiten. Mein Verleger wollte mehr action, mehr Unwahrscheinlichkeit. Das hätte er einmal einem Autoren sagen sollen, der nicht auf ihn angewiesen war. Nun hatte ich mir extra eine teure Schreibmaschine gekauft, mit Löschband und Diodenanzeige. Ich wollte mich wieder für die Bestsellerliste qualifizieren. Vielleicht konnte ich den Verleger diesmal zufriedenstellen, ohne mir etwas ausdenken zu müssen. Was hatten wir doch in der Journalistenausbildung gelernt: die besten Geschichten schreibt das Leben selbst. Das Leben. Wozu hatte dieses Leben überhaupt Geschichten nötig?
Aber was war denn nun wirklich passiert? Am Morgen war ich - wie es sich für einen bohèmebewußten, ledigen Schriftsteller gehört - in mein Café gegangen. (Ich nenne es "mein" Café, weil ich sonst keines kenne. Der Kaffee ist leidlich, die Eier sind nie zu hart, die Marmelade gibt es noch in Schälchen, die Bedienung ist unaufdringlich hübsch und wahrscheinlich verlobt. Ob dieses Café einmal meinen Namen tragen wird? Oder die Straße?) In einem Eck hatte ich so eine Art Stammplatz. Da lag dann schon die Tageszeitung, das Gedeck stand da mit umgedrehter Tasse.
"Guten Morgen, Herr Neubarth, so wie immer?"
Ich brauchte nur zu nicken. Es ist ein ungeheuerliches Gefühl, wenn man irgendwo hinkommt und wird nur noch gefragt: so wie immer? Dort hat man eine Position. Ich überflog schon die Schlagzeilen des Lokalblatts: Abrüstungsver-handlungen, Busunglück, Kürzung der Sozialleistungen, sensationelle Ausgrabungen, Rückrundenstart der Liga. Dann widmete ich mich meinem Frühstück und machte mir erste heimliche Gedanken darüber, wie ich den Gegenspieler des Helden möglichst spektakulär und doch nicht abgedroschen in meinem nächsten Kapitel einführen könnte. Ich schrieb gerade an einer Art SF-Story, in der ein Wissenschaftler einer neuen Methode von Gen-Manipulation auf der Spur war. Nun mußte er natürlich für seine Experimente Versuchspersonen finden. Und in jeder ordentlichen Geschichte mußte ein Konflikt aufgebaut werden. Also mußte ein Gegenspieler her. Ein eifersüchtiger Wissenschaftler, ein Politiker, ein Industrieboß, ein Gangster - oder eine Blondine? Was durfte ich meinen Lesern diesmal zumuten? (Wer war leichter zufriedenzustellen: die Leser, die mich bereits kannten, oder solche, die ich gerade mit diesem Buch gewinnen mußte?) Natürlich war mein Thema nicht ganz neu, aber ich wollte diese Sache eben auch einmal durchspielen.
An einem Nebentisch hatte ein Mann um die Vierzig Platz genommen. Halblange, etwas angelockte, dunkle Haare. Ein eher weiches Gesicht, leicht angebräunt, mit etwas hervorstehenden Backenknochen. Straßenanzug. Offensichtlich bereits frisch rasiert, (Was ich nicht immer war, zugegebenermaßen.) Seltsamerweise wirkte dieser Gast gleichzeitig dynamisch und auch depressiv. Er machte auf mich den Eindruck, als wolle er hier in .diesem Café von irgend etwas ausruhen. Als habe er es auf der Straße draußen nicht mehr ausgehalten. Etwas hastig blätterte er durch einige Lesezirkel-Illustrierten. Schien sich an einem Artikel festzubeißen.
Ich gestehe, es ist eine Manie von mir, Leute möglichst unauffällig zu beobachten. Stets hatte ich die Vorstellung, daß ich manche Personen in meinen Geschichten gebrauchen konnte. Jetzt ertappte ich mich bereits dabei, diesen Mann am Nachbartisch in mein neues Buch einzubauen. Konnte er nicht dieser Wissenschaftler sein? Und wie mußte zu diesem Typus der Gegenspieler aussehen?
Brauchte er überhaupt einen?
Mittlerweilen hatte die Bedienung mein Frühstücksgeschirr abgeräumt und dem anderen einen Kaffee und einen Cognac hingestellt. Wie unter einem unaufdringlichen Zwang bestellte ich ebenso einen Cognac.
Der Mann nahm erst den Kaffee, dann den Cognac mit einer gewissen, übertriebenen Präzision zu sich, indem er allerdings Tasse und Glas zum Mund führte, ohne seinen Blick wesentlich von der Illustrierte zu lösen. Ich nahm mir vor zu warten, bis der Mann gegangen sein würde, und nach diesem Artikel zu suchen. Ich bin im übrigen der Überzeugung, daß Neugier eine sehr förderliche Eigenschaft für einen Schriftsteller ist.
Mittlerweilen hatte der Mann umgeblättert und ohne aufzublicken einen zweiten Cognac bestellt, erhalten und ausgetrunken. Er räusperte sich jetzt häufiger und begann an seinem Krawattenknoten zu zerren. In immer kürzer werdenden Abständen rieb er sich die Hände an einer liegengebliebenen Serviette ab und tupfte sich die Stirn mit einem offensichtlich stark parfümierten Taschentuch. Ob er keinen Cognac am frühen Morgen vertrug? Allerdings wirkte er in keiner Weise angetrunken.
An den anderen Tischen hatten inzwischen ein Pärchen, eine Mutter mit zwei Kindern, zwei ältere Damen und ein etwas angegrauter Herr Platz genommen. Die Bedienung war beschäftigt. Normalermeise beobachtete ich sie gerne beim Servieren, indem ich wie zufällig von der Zeitung aufblickte, wie um über etwas gerade Gelesenes kurz nachzusinnen. Manchmal ertappte sie mich auch dabei und schenkte mir einen Anflug von Lächeln. Keinem von uns beiden war dies peinlich.
Der besagte Mann rückte am Tisch. Erst jetzt merkte ich, daß er zwei Hemdknöpfe aufgerissen hatte und ihm Schweiß ins Gesicht trat, wobei sich dieses verfärbte. Auch schienen ihm sein Anzug und sein Platz seltsamerweise zu eng zu werden. Mit glänzender Iris starrte er plötzlich auf mich, dem es erst jetzt bewußt wurde - daß ich ihn ununterbrochen fixiert hatte. Er versuchte aufzustehen Ein undefinierbares Stöhnen entrang sich seinen halbgeöffneten Lippen. In seinem Gesicht standen Verzweiflung, wachsendes Entsetzen und - eine nicht zu übersehende Hilflosigkeit. Er versuchte, mich anzusprechen: "Helfen . . . helfen Sie mir. Schlagen Sie mich nieder ."
Als SF-Autor mutet man sich in seiner Phantasie schon einiges zu. Daher war ich nicht allzu schnell zu beeindrucken. Allerdings mußte ich gestehen, daß mir die Einschätzung dieser realen Situation noch nicht ganz gelang.
Den Mann durchlief ein Zittern, Er war jetzt aufgestanden, Der Tisch hatte laut geruckt dabei. Der Mann griff sich an die Kehle, als ob es ihn würgte. Oder würgte er sich gar selbst? Und ehe ich mich aus einer sekundenlangen Erstarrung lösen konnte, stürzte der Mann zwischen den Tischen hindurch hinaus auf die Straße, wo er, Leute anrempelnd, meinen Blicken schnell entschwand. Ehe ich zur Glastür des Cafés gelangte, schien mir keine Richtung mehr sinnvoll, eine Verfolgung aufzunehmen. Ich ging zurück zum Tisch dieses Mannes. Die Illustrierte lag noch aufgeschlagen: Einem gewissen Dr. David B. sei es in langwierigen Laborexperimenten gelungen, Gene so zu koppeln . . . nun wolle er in einem Selbstversuch . . . seit Tagen sei Dr. B. nicht mehr auffindbar.
Erst jetzt merkte ich, daß ich eine Buchbesprechung gelesen hatte. Vorgestellt wurde der neue Roman von Gernold Neubarth. Das war mein angefangenes Buch! Und der Mann am Nebentisch vorhin war meine Hauptfigur.


Einstell-Datum: 2007-12-11

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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