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ORGIE VON OBEN
Autor: Tom De Toys · Rubrik:
Erzählungen

ORGIE VON OBEN

(VON DER ÜBERWINDUNG DER SCHWERKRAFT)


ein paar alte bekannte von mir sind heute gelandet. sie kommen nur selten vorbei, eigentlich immer nur, wenn etwas passiert, was sie nicht verstehen. und ich soll ihnen die gründe dafür dann erklären, so gut ich das eben kann. diesmal hatten sie etwas beobachtet, das für uns so selbstverständlich ist, daß es kaum der rede wert scheint. es geschieht tagtäglich, schon seitdem es menschen gibt und erscheint mir fast peinlich, so offen erwähnt zu werden. aber jetzt mußte ich irgendwas sagen, immerhin waren es freunde, und freunden gegenüber sollte man sich doch wenigstens bemühen, ehrlich zu sein. außerdem fragten sie mich mit einer solch unbefangenen neugier, die mir ansonsten bloß noch von kindern vertraut ist, und ich schämte mich fast dafür, daß mir die frage ein bißchen unangenehm war, zumal ich mich nicht sonderlich gut vorbereitet hatte, weder zeitung gelesen noch fernsehen geschaut – eigentlich war ihre ungewöhnliche beobachtung so unbemerkt an meiner alltäglichen arbeitsroutine vorüber gezogen, daß ich schon beinahe geneigt war, kleinlaut mit den achseln zu zucken: "keine ahnung!", was natürlich nicht stimmt, jedenfalls nicht so ganz, denn mein nachbar ist immer gut informiert, und der wußte auch diesmal sehr gut bescheid. wesentlich besser als ich. also lud ich ihn ein, zum gemütlichen kaffeeklatsch mit meinen bekannten, die immer ungeduldiger meine antwort abwarteten. und gemeinsam holten wir aus, ganz weit aus, ließen unsre gedanken bis an die anfänge der menschheit zurückschweifen, erzählten vom ewigen kampf gegen die naturgewalten, die uns einschüchterten, von der sehnsucht des menschen, nicht ständig ums überleben zu bangen, von der hoffnung, uralt und gesund oder gar nicht zu sterben, und kamen letztendlich in der gegenwart an und bei dieser seltsamen beobachtung, die uns nun noch viel banaler erschien. aus der entwicklung heraus einfach logisch nachzuvollziehen, aber wir trauten uns kaum, diesen letzten schritt auszusprechen. aus angst, uns zu blamieren. alles wirkte so selbstverständlich, aber jetzt umso unheimlicher, irgendwie unwirklich, weil viel zu naheliegend. was meine bekannten beobachtet hatten, das hatte im weitesten sinne mit liebe zu tun. nicht so, wie man jetzt gerne vermuten würde. aber irgendwie ähnlich, sehr ähnlich: es wurde gestöhnt und geschwitzt, so berichteten sie, und es waren sehr viele, ja massen! der anteil an männern lag deutlich höher als der an frauen, aber alle schienen recht gut verteilt und wirkten wie durch geheime absprachen untereinander verbunden. es wurde kaum geredet und manchmal umso lauter geschrien. man spürte, daß jeder mit leib und seele bei der sache war; es herrschte unglaubliche aufmerksamkeit: bei der leisesten bewegung eines einzelnen teilnehmers gerieten die anderen alle gleich in verzückung und fielen begierig über ihn her, und das spiel hörte erst auf, wenn sich keiner mehr rührte, wenn restlos alle todmüde alle viere von sich streckten. dann wurde es so totenstill, daß man den schwachen atemzug eines letzten umherirrenden hören konnte und seine erschöpfte stimme irgendwas faselte von "mir ist langweilig, wann geht es denn weiter?" es war schon ziemlich spät, meine bekannten wollten nach hause, und wir begleiteten sie nach draußen, machten einen wunderschönen spaziergang unter klarem sternenhimmel durch den naturschutzpark und erreichten bald diese waldlichtung, von der sie immer starteten. ihr etwas altmodisch wirkendes raumschiff schwebte leicht über dem boden, das fiel mir jedesmal auf, aber ich schämte mich meiner halbbildung und traute mich auch diesmal nicht zu fragen, wie das mit der überwindung von schwerkraft funktioniere... als sie einstiegen und sich wie immer höflich bedankten, konnte ich ihre unzufriedenheit bemerken. unsere geschichte war unglaubwürdig wie immer. ich hatte noch keine ihrer beobachtungen genügend erklären können, ein gewisses reststaunen verstärkte sich von mal zu mal. von oben sah eben alles anders aus, und mit einem verlegenen lächeln stotterte ich noch: "manche spiele hier unten sind reiner selbstzweck zum zeitvertreib." sie nickten freundlich, winkten uns zu, dann wurden die luken verschlossen, und schon nach sekunden waren sie lautlos verschwunden. mein nachbar und ich, wir starrten noch lange gebannt zum leuchtenden mond, und als wir beim ersten vogelgezwitscher in der morgendämmerung heimkehrten, fragte ich ihn endlich mutig: "weißt du eigentlich, warum wir das krieg nennen? wer hat sich das wörtchen bloß ausgedacht?"

10.4.2003

T.de.T. alias BRUNO BRACHLAND


Einstell-Datum: 2004-02-13

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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