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Es ist wahr! nervös, entsetzlich reizbar bin ich seit dieser
Zeit und bin es noch, aber warum soll ich deswegen irr oder
wahnsinnig werden? Nahe dran an der Verrücktheit und
deswegen in gefährliche Tollkühnheiten verstiegen, nehme ich
meine Umwelt seit einigen Wochen mit verschärften Sinnen
wahr. Vor allem mein Gehör ist außerordentlich reizbar und
fein geworden, dass es mich von Tag zu Tag mehr ängstigt,
wenn es mich schon bei den verhältnismäßig geringsten Lauten
in blut- und atemstockende Schreckhaftigkeit versetzt,
besonders wenn ich draußen unterwegs bin und mich durch
nichts Außergewöhnliches als den Alltag bei einem
Spaziergang abzulenken versuche. Gerade in solchen Momenten
geschieht es dann immer wieder, dass ich durch eine
unerwartete Plötzlichkeit, einen Knall aus heiterem Himmel,
eine übermütige Hupe, einen mutwilligen Schrei, einen
platzenden Luftballon, einen heruntersausenden Rollladen
derartig zusammenfahre, dass ich glaube, einen
Herzstillstand zu erleiden. Doch mit dieser Unannehmlichkeit
muss ich leben, auch wenn es mich bis ins Mark hinein
erschüttert und mir das Blut in den Adern gerinnt.
Diesen Zustand der verschärften Sinneswahrnehmung und einer
daraus resultierenden Überempfindlichkeit - eine gewisse
Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit ist mir angeboren -
spüre ich seit ich wieder zurück bin von einem einjährigen
Landaufenthalt und der beklemmenden Begegnung im
Treppenhaus, just als ich noch ganz niedergeschlagen von den
zurückliegenden Ereignissen im Elternhaus, erschöpft und
vollbepackt mit Lasten, die Türe hinter mir zumachte. Schon
beim Hineingehen merkte ich, dass etwas anders war als
sonst. Es roch anders. Jedes Haus hat seinen ureigenen
Geruch. Und diesmal roch es... kalt, nach ... nichts, es war
geruchlos und irgendwie kam es mir fremd und unheimlich vor.
War es das Jahr meiner Abwesenheit was mich so befremdlich
stimmte und irritierte? Irgendetwas stimmte nicht und ich
hatte ein ungutes Gefühl als ich mich die Treppen hoch
schleppte. Die Fenster zum Hinterhof waren alle weit
geöffnet die ich eigentlich so noch nie geöffnet gesehen
habe, seit ich das Haus bewohnte. Ein sonderbarer Luftzug
wehte mir ins Gesicht. Er kam nicht von den Fenstern, es war
ein Durchzug der von ganz oben aus dem obersten Stockwerk zu
kommen schien und das ganze Treppenhaus durchströmte. Dann
hörte ich Schritte über mir. Etwas bewegte sich ganz langsam
abwärts. Es hörte sich an, als ob man ein schweres Gewicht,
ein großes Möbelstück nach unten beförderte. Auf der zweiten
Etage machte ich halt und setzte mein Gepäck kurz ab, da ich
glaubte, für das was da mir gleich entgegenkommen würde
Platz machen zu müssen. Meine Wohnung befand sich in der
dritten Etage. Von dort hörte ich jetzt deutlich - es
knarrte wie auf einem Schiff - stemmende Schritte wie von
Lastenträgern, jedoch ganz ohne Keuchen und Schnaufen und
den üblichen Lauten, fast eine beklemmende Stille ging mit
dem ganzen einher. Jetzt sah ich es. Eine Totenbahre. Vier
Männer in grauen Uniformen. Schale Blicke, gepresstes
Schweigen. Ich drückte mich ganz in die Ecke um die Träger
nicht zu behindern, hielt den Atem an, senkte den Kopf und
schloss die Augenlider. Fast lautlos schlichen sie an mir
vorbei, während ich ein leichtes Zittern in der Brust
verspürte. Schon wieder eine Begegnung mit dem Tod, dachte
ich. (Vor wenigen Monaten erst habe ich meine Mutter zu
Grabe getragen) Wer mag der oder die Tote sein? Es lebten
keine alten Menschen im Hause, die ältesten waren noch keine
sechzig. Meine Nachbarn? Nein. Ich stieg die Treppen hoch.
Angekommen an meiner Wohnungstür sah ich meine Nachbarin im
Morgenmantel wie sie gerade einen weiteren Fensterflügel
öffnete. Sie hatte mich hochkommen sehen, sagte aber nichts.
Sie schien zu wissen was geschehen war. Unter ihrem
geöffneten schwarzglänzenden Haar sagten mir zwei matte
braune Augen, dass sich etwas Tragisches zugetragen hat. Ihr
von Nikotin gebräunter Teint war noch dunkler als sonst. Mit
einer abwehrenden Handbewegung und einem Gesichtsausdruck,
als hätten wir uns peinlich berührt, so schien mir, drückte
sie ihre Betroffenheit aus, in die der noch so kleinste
Wortwechsel zwischen uns jede Pietät verletzt hätte. Ich
hatte verstanden und mit einem fast demütigen aber
verständnisvollen Nicken verschwand ich wortlos endlich
hinter meiner Tür.
Froh und erleichtert zugleich wieder hier zu sein, legte ich
alles ab, was mir lästig war. In der Wohnung war alles wie
gewohnt an seinem angestammten Platz. Ich fühlte mich
zuhause und irgendwie aufgehoben. Anderntags las ich in der
Zeitung vom tragischen Tod einer jungen Frau und eines
älteren Herrn, die im Badezimmer von der Mutter der jungen
Frau leblos auf dem Boden liegend aufgefunden wurden. Die
näheren Umstände die zur Todesfolge führten, seien noch
nicht aufgeklärt. Es war das ungleiche Paar über mir. Die
Mutter der jungen Frau war die Freundin meiner Nachbarin,
die ich häufig aus der Wohnung kommen sah und die ihre
Unterhaltung oft eine Stunde und noch länger vor der
Wohnungstüre im Treppenhaus fortsetzten. Einmal hatten sie
bei mir geklingelt und gefragt, ob alles in Ordnung wäre, da
sie sich Sorgen machten weil sie mich schon lange nicht mehr
gesehen und auch nichts mehr von mir gehört hätten. Es war
an einem der heißesten Tage im Sommer des Jahres gewesen.
Die junge Frau über mir war mir immer heiter und gutgelaunt
begegnet. Sie hatte etwas worum ich sie beneidete: eine
gewisse Leichtigkeit und Unkompliziertheit im Auftreten wie
man sie nur bei wenigen Großstadtmenschen wiederfindet.
Einmal traf ich sie - sie war etwas mollig und nicht sehr
groß, stets geschminkt und sehr gepflegt, eine attraktive
Erscheinung - mit einem Luxusartikel, ein großer pompiger
goldverzierter Wandspiegel, den sie mit großer Mühe nach
oben zu schleppen versuchte, der aber zu schwer und für ihre
Arme zu sperrig war. Da kam ich für sie gerade im richtigen
Moment zur Türe herein und kaum sie mich gesehen, war ich
ihr Retter im allerletzten Augenblick. Als ich endlich das
sperrige Stück im Flur ihrer Wohnung abstellte, sagte sie
mit dem Ausdruck des strahlensten Sonnenscheins im Gesicht,
»Sie sind ein Schatz«. »Ja«, sagte ich darauf und fügte
schnaubend hinzu »Aber ein verschlossener, so verpackt und
zugeschnürt wie ...? «, ich zeigte auf den Gegenstand den
ich nicht zu benennen wusste, weil er in Packpapier
gewickelt war. »Schauen Sie, ist er nicht herrlich«, sagte
sie, während sie ihn geschickt aus der Verpackung löste und
ihn mir vor die Augen setzte um mich meinem blöde
dreinblickenden Konterfei auszusetzen.
»Nobel geht die Welt zugrunde«, hatte sie mir damals
belustigt und voller Lebensfreude, ja fast übermütig die
Worte über den Goldrand des Spiegel herübergerufen ... und
jetzt ist sie wie ihr älterer Freund, den ich mehr für einen
entfernten Verwandten, einen Onkel oder Bekannten gehalten
habe, tot.
In dem Jahr hatte sich viel verändert. Das Haus hatte seinen
Besitzer gewechselt. Ich sah dass die Wände Risse bekommen
hatten. In meiner Post fand ich einen Brief der eine
erhebliche Mieterhöhung ankündigte. Mitbewohner vor meinem
Aufenthalt wohnten nicht mehr hier, neue waren eingezogen.
Bis auf drei Namen waren mir alle neu Hinzugezogenen
unbekannt. Drei Birken in dem kleinen Vorgärtchen waren
nicht mehr an ihrem Platz. Man hatte sie mit fadenscheinigen
Argumenten einfach umgesägt und die Sträucher und Büsche
bis zur Unansehnlichkeit herunter gestutzt, verstümmelt, so
dass nur noch Stummel übrig waren.
Entmutigt stellte ich fest: das Haus war nicht mehr das
Haus, in das ich vor Jahren eingezogen bin. Ich hatte mich
nicht getäuscht und es lag auch nicht an der Entwöhnung
durch den Landaufenthalt: das Haus hatte seine Seele
verloren. Immer wenn ich hineintrat, spürte ich diese
abweisende kalte Anonymität, die mich wie ein
Krankheitsvirus befiel. Unwirsche Blicke von merkwürdigen
Menschen, von denen ich nicht wusste, ob sie Mieter oder nur
Besucher waren, gingen grußlos an mir vorbei. Mein Unbehagen
wuchs von Stunde zu Stunde. Irgendetwas war im Gange.
Walter M. Stütz
Einstell-Datum: 2008-05-17
Hinweis:
Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss
nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de
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