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Autor: Maurizio Poggio · Rubrik:
Sonstiges

-ROMAN-

Leseprobe:
..........
Außer einem Tisch, mehreren Stühlen und einigen Postern, die ausnahmslos klassenkämpferische Parolen trugen, war das Zimmer leer.
Es begann erneut der Eiertanz auf den ausgelegten Türen. Schließlich betraten wir ein weiteres Zimmer, in dessen Inneren es einigermaßen wohnlich war.
Ein Schrank stand als Raumteiler in der Mitte. Auf der Matratze lag ein aufgeschlagenes Buch neben einem alten Militärschlafsack. Abgebrannte Kerzen hatten sich auf den Boden ergossen und eine Blechdose quoll mit Zigarettenstummeln über. Die Wände zierten Kreidezeichnungen, die einem Museum zur Ehre gereicht hätten.
Ich ging zu dem Schlaflager. „Darf ich“, fragte ich, bevor ich ohne eine Zustimmung abzuwarten, das Buch aufnahm.
„Nur zu“, forderte er mich auf.
Conny hatte sich auf das Bett gesetzt, kramte eine leere Dose aus einer Ecke hervor und puhlte den Tabak der Zigarettenkippen hinein.
Es erstaunte mich nicht die englische Fassung Shakespeares - Macbeth - in meinen Händen zu halten. Viel anderes hatte ich kaum erwartet. „Es fällt dir schwer, nicht zu spielen?“
„Ich spiele eigentlich immer. Aber wie du es meinst ...“; er machte eine Pause, sah aus dem Fenster. Dann sagte er zur Scheibe gewandt: „Es war mein Leben, wenn du das verstehst. Doch ist das vorbei.“
„Warum? Warum ist alles vorbei?“
„Ich kann nicht mehr nach Deutschland zurück! - Betäubungsmittelgesetz - ! Sie haben mich mit Dope erwischt. Es war nur für mich. Nicht zum Verkauf! Aber wer glaubt dir das bei 50 Gramm?“
Er hatte seine Beschäftigung abgebrochen, war aufgestanden und ging um den Schrank. Ich folgte ihm.
Zusammengerollt lag Peter auf seinem Bett.
„Mit Aitch, so wie er“, sagte Conny und zeigte auf den liegenden Körper, „damit hatte ich noch nie was im Sinn. Wenn ich ehrlich bin... muss ich zugeben, dass ich immer Schiss davor hatte. Wenn ich aber die armen Gestalten sehen, die da so langsam vor die Hunde gehen, bin ich froh, ein Angsthase zu sein.
Wie mir scheint, bin ich jedoch nicht der Einzige hier, der von der Nadel nicht viel hält.“
Ich schüttelte den Kopf. „Klar, ich hab' schon mal an allem gerochen, konnte meine Finger aber jedes Mal davon lassen. Gegen einen guten Joint, ein Krümelchen O, oder 'mal 'ne Nase Koks habe ich nichts einzuwenden. Im Gegenteil!“
„Mann oh Mann, hör auf! Du machst mir den Mund wässrig. Der da hat gestern tatsächlich alles verscheuert. Nicht ein Stäubchen hat er übrig gelassen. Mit der Kohle ist er in der Nacht losgezogen und hat sich dieses Scheißzeug gekauft.“ Conny schüttelte den Kopf. „Weißt du, welch ein wundervolles Leben wir führen könnten? Und dieses Arschloch verschießt unser Glück in zwei Tagen. Es ist immer dasselbe. Endlich wäre ein wenig Geld im Hause gewesen, da ..., doch was rege ich mich auf?“
Er warf einen letzten Blick auf Peter und verließ den Raum. Stumm folgte ich ihm.
Wieder kamen wir an dem Zimmer ohne Boden und dem Gästezimmer vorbei, worin ich die Nacht - oder zumindest den Rest davon - verbracht hatte.
Er führte mich um noch zwei Ecken, als hinter uns eine Tür aufgestoßen wurde. Ich erschrak!
Ein Mischlingshund peitschte den Gang entlang, nahm eine Ecke sehr scharf und kam mit den Hinterläufen ins Rutschen, fast wäre er in die Tiefe gestürzt.
Gerade hatte ich mich von meinem Schrecken erholt, wiederholte sich das Spiel. Der Hund stieß die gleiche Türe auf, stob den Flur bis zur Ecke entlang, rutschte, fiel aber nicht, orientierte sich und verschwand um die Biegung.
„Hamlet und Romeo“, bemerkte Conny lakonisch und bedeutete mir, ihm weiter zu folgen.

„Sind das eure Hunde?“
„Was heißt dein und mein?“ Sie leben halt hier mit uns. Wenn sie nicht überall hinschiffen würden, wären sie ganz in Ordnung. Doch wie sagt der Volksmund so schön? Wie der Herr, so 's Gescherr. Wir pinkeln ja auch in alle Ecken, wenn wir besoffen sind.“
Mir fiel nur ein langgezogenes: „Ja, dann ...“, ein.
Conny hatte während seiner Ausführung die rechte, zweier nebeneinanderliegender Türen geöffnet.
Ein kleines, leeres Zimmerchen mit Halbbögen über den Fenstern, die zwei Wände einnahmen und vor denen die Fächer einer Palme zu erahnen waren, lag vor uns.
Auf dem intakten Fußboden, der ebenfalls ein Schachbrettmuster aufwies, klebte eine Schicht Vogelmist.
Ein Fenster stand offen durch das ich flüchtig auf's nahegelegene Meer blickte.
Ich ging an Conny vorbei in den Raum und fühlte mich wohl.
Er musste dieses Wohlbehagen mitgefühlt haben, denn er stand im Türrahmen und lächelte mich an. „Wenn du willst, kannst du hier einziehen.“
Ich öffnete alle Fenster und sah auf der einen Seite auf einen ungepflegten, wilden Garten, in welchem die Palme stand und deren Blätter ich nun mühelos berühren konnte. Es war, als reichte mir der Baum seine Hand zum Willkommensgruss.
Auf der anderen Seite hatte ich einen Ausblick über die Strasse hinweg bis über's Meer, dessen Schaumkronen sich dem Strand entgegenwälzten......


Einstell-Datum: 2004-12-20

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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