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Save Ukraine!
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Love all Animals

 
Redemption Songs
Autor: Dieter Hellfeuer · Rubrik:
Erzählungen

Emancipate yourself from mental slavery
None but ourselves can free our minds
Bob Marley


Der Kirschbaum

Das Wecksignal. Kurze, abgehackte Töne, tack, tack, tack. Der Blick durch den Spalt der Vorhänge. Ein Blau, ein tiefes Blau. Der Gang in die Küche. Der Griff zum Wasserkocher, dem Kaffeefilter, der Kaffeebüchse. Das Mahlen der elektrischen Mühle. Der Blick durch das Fenster auf den Spielplatz. Das Blubbern des Wassers, das Klappern des Geschirrs. Filter auf die Kanne, das Kaffeemehl einschütten, Wasser drüber. Kalenderblatt abreißen und in den Abfalleimer schmeißen. Kühlschrank auf, Kühlschrank zu. Kaffee, Zucker und Milch in eine Tasse, umrühren. Kühlschrank auf, Kühlschrank zu. Tasse anheben, vorsichtig. Das Patschen der nackten Füße auf den Dielen. Das Zuschlagen der Zimmertür. Das Knarren des Bettes. Zwanzig Abläufe insgesamt, genau zwanzig.
Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich das alles mitzähle. Vielleicht, weil ich irgendwann aufgehört habe, diese Tage zu zählen. Anfangs hatte ich mir ja sogar Kringel gemacht im Kalender, für jeden einzelnen dieser Tage. Aber anfangs hatte ich auch das Liegenbleiben noch genossen. Und wenn unten im Treppenhaus das Scheppern in den Briefkästen zu hören war, hatte ich mir den Morgenmantel übergestreift und war eilig heruntergelaufen. Inzwischen öffne ich den Briefkasten nur noch, wenn ich einkaufen gehe. Das Warten auf das Scheppern erscheint mir längst so sinnlos wie der Blick durch das Fenster auf dieses verdammte Blau.
Ich ziehe den Vorhang auf. Der Frühling kündigt sich an. Der junge Kirschbaum unter meinem Fenster trägt die ersten Blüten. Wie schön das aussieht. In dem Backsteinblock gegenüber geht ein Fenster auf. Ich trete zur Seite und beobachte die Frau, die eine Bettdecke zum Lüften heraushängt. Seit kurzem erst macht sie das. Fast kommt es mir vor, als ob sie das mit Absicht macht. Als ob sie mich damit von meinem eigenen Fenster vertreiben will. Dabei habe ich ihr doch gar nichts getan. Sie ist vielleicht Ende vierzig, kurze, leuchtend rot gefärbte Haare. Selbst auf diese Entfernung hin meine ich die Falten um ihre Mundwinkel zu erkennen. Neulich im Supermarkt, da bin ich ihr begegnet. Am frühen Nachmittag war das, wenn am wenigsten los ist vor den Kassen. Wir sind stumm aneinander vorbeigegangen. Richtig peinlich fand ich das.
Der Rest des Kaffees ist kalt geworden. Ich stelle die Tasse zurück auf den Nachttisch und mache ein paar gymnastische Übungen. Der Arzt sagte, das wäre das Beste gegen meine Verspannungen. Die Dielen knarren. Ich nehme die Kraft aus meinen Bewegungen. Mich ärgert die Vorstellung, der Nachbar unter mir könnte mich hören, die Vorstellung, er hört mein Schnaufen während der Liegestütze und Kniebeugen. Wenigstens läuft sein Fernseher noch nicht, dieser verdammte Fernseher.
Gestern Abend zum Beispiel. Bumm, bumm, bumm, diese Bässe können einen verrückt machen. Und dann noch dieses englische Gequatsche. Ich war kurz davor herunterzugehen und ihm die Meinung zu sagen. Aber was willst du sagen. Eigentlich kann er ja auch nichts für die dünnen Wände und Decken. Angst, nein Angst vor ihm hätte ich nicht. Ich vermute, dass er eher ein schmächtiger Typ ist. Er hat so eine dünne Stimme, und manchmal höre ich ihn stundenlang summen. Gesehen habe ich ihn noch nicht. Er wohnt noch nicht lange hier, ein Jahr vielleicht.
So, genug mit den Übungen.
Die Dusche müsste wieder geputzt werden. Dabei hatte ich das erst letzte Woche erledigt. Erstaunlich, wie schnell sich diese hässlichen Ränder bilden. Früher, da ließ sich das gar nicht vermeiden. Der Staub in der Druckerei war derart fein gewesen, der war selbst durch die Unterwäsche gedrungen. Aber jetzt? Wo kommt der ganze Schmutz jetzt eigentlich her?
Über mir geht die Toilettenspülung. Ist schon komisch, wenn man sich gerade duschen will, und direkt über einem wischt sich jemand den Hintern ab. Noch dazu diese alte Frau, deren Gehhilfe unten den halben Hausflur blockiert. Dabei habe ich nichts gegen Behinderte. Seit ich diese Allergie habe, gehöre ich ja wohl auch schon dazu. Jedenfalls hat der Sachbearbeiter im Arbeitsamt so getan, als er meine Daten in den Computer eingab. Warum aber muss eine gehbehinderte alte Frau ausgerechnet im dritten Stock wohnen?
Ich versuche, die Schmutzränder im Duschbecken mit einem Schwamm wegzubekommen. Chemie darf ich ja nicht mehr, wegen der Allergie. Durch das auf Kipp gestellte Fenster dringt Kindergeschrei, dazu eine schrille Frauenstimme. Ich weiß gar nicht, was von beiden mich mehr nervt.
Neben mir wohnt auch so eine Familie. Der Wickeltisch natürlich direkt an meinem Schlafzimmer. Und dann die Streitereien. Der Mann ist ja meistens nicht da. LKW fährt er, glaube ich. Aber wenn er da ist, dann geht es rund. Einmal habe ich sogar mit der Faust gegen die Wand gehämmert. Das war, als das Baby und der Mann gleichzeitig herumbrüllten. Nachher tat es mir Leid. Wenn ich mir vorstelle, zu dritt in diesen zwei Zimmern, meine Güte. Aber dieses Geplärre rund um die Uhr kann einem wirklich wütend machen. In den letzten Tagen ist es allerdings auffallend still geworden. Vielleicht sind sie ja weggezogen. Das wäre endlich mal eine Neuigkeit. Ich würde mir glatt eine Flasche Sekt leisten auf diese Neuigkeit.
So, das Becken ist wieder einigermaßen sauber. T-Shirt und Slip runter, Brause an, Shampoo in die Haare, vier Abläufe.
Das heiße Wasser tut gut. Und wie das Sonnenlicht in dem Wasserstrahl glitzert. Griechenland fällt mir ein, wegen der Kräuter in dem Shampoo wahrscheinlich. Vielleicht sollte ich heute schon einkaufen gehen. Obwohl, eigentlich ist das ja erst morgen an der Reihe. Ich habe da so meine Prinzipien. Nun gut, ab und zu drücke ich natürlich schon ein Auge zu. Also einkaufen. Und danach für eine Stunde in den Park. Bei dem schönen Wetter könnte ich auch erstmals die Jeansjacke aus dem Schrank holen. Gibt einem doch gleich ein ganz anderes Lebensgefühl, so eine Jeansjacke. Fast wie damals in Griechenland.
Diese Kinder. Jetzt reicht es wirklich. Ich schließe das Fenster, trotz der feuchten Wände. Bevor ich einkaufen gehe, werde ich das Fenster eben extra weit aufmachen. In der Jeansjacke finde ich einen Einkaufszettel vom letzten Oktober. Ich stelle fest, dass ich ihn auch heute hätte schreiben können, ganz genau so. Wie praktisch.
Im Treppenhaus ist alles still. Ich warte noch etwas, dann drücke ich die Klinke herunter. Auf dem Fußabtreter gegenüber liegt eine Zeitschrift, aber die lag da schon Anfang der Woche. Der junge Mann, der dort wohnt, hat irgend was mit Theater zu tun. So ein Künstler halt. Er lässt sich meistens nur über das Wochenende blicken. Trotzdem, schnell jetzt, womöglich geht noch irgendwo anders eine Tür auf. Um diese Zeit wäre mir das unangenehm. Früher bin ich immer um Punkt sieben aus der Tür. Meine Nachbarn konnten ihre Uhr danach stellen.
Briefkasten auf, Briefkasten zu. Nichts, bis auf einen Werbezettel vom Pizzaservice. Ich falte ihn sorgfältig zusammen und stecke ihn ein. Neben der Gehhilfe der alten Frau liegt noch ein ganzer Haufen davon. Was für eine Verschwendung.
Das Wetter ist noch milder, als ich gedacht habe. Ich gehe zu dem Kirschbaum und sehe mir die jungen Blüten an. Schön, wirklich schön. Vielleicht sollte ich heute Abend einen der Zweige abbrechen und mit nach oben nehmen. Mir fällt ein, dass ich vergessen habe, das Fenster im Badezimmer aufzumachen. Wie ärgerlich. Ich überlege, noch einmal hochzugehen, aber das Risiko ist mir dann doch zu groß. Wirklich ärgerlich.
Hinter meinem Rücken höre ich das Zufallen einer Haustür. Das Geräusch kommt von der anderen Straßenseite. Ich drehe mich um. Die Frau mit den roten Haaren steht vor dem Hauseingang. Sie schiebt ein Fahrrad den Bordstein hinunter und radelt mit gesenktem Blick an mir vorbei. Und ich, ich habe sofort wieder dieses komische Gefühl.
Oh ja, ich kenne dieses Gefühl. Und ich mag es nicht. Nein, ich mag es nicht, dieses Gefühl, unsichtbar zu sein. Und deswegen würde ich mir wünschen, tatsächlich unsichtbar zu sein. Unsichtbar wie diese Tage, die vergehen, einfach so vergehen. Die sich bereits am Morgen aufzulösen beginnen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nicht einmal heute, an meinem Geburtstag.


Der Schleier

Dr. Burhan weist lächelnd auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Unter dem Kittel trägt er ein sandfarbenes Nylonhemd. Oben an der Knopfleiste ist ein Fleck, Kaffee wahrscheinlich.
»Nehmen Sie bitte Platz. Wie geht es Ihnen heute?«
»Gut«, sage ich.
Ich zupfe ein Haar von meiner Bluse, schlage die Beine übereinander und versuche entspannt zu wirken. Die letzten Tage ging es mir tatsächlich wieder besser, viel besser als vor zwei Wochen, als ich zuletzt bei ihm war und wir diese Untersuchungen machten. Das Fahrradfahren eben fand ich zwar anstrengend, aber ich denke, ich bin es einfach noch nicht wieder gewohnt. Und bei dem schönen Wetter heute hatte ich keine Lust, den Bus zu nehmen.
Dr. Burhan schlägt meine Patientenmappe auf. Seine Augen wirken konzentriert, während er umblättert. Hinter seinem Schreibtisch hängen in Holzleisten gerahmte Ölbilder, steinige, karge Küstenlandschaften vor einem tiefblauen Meer. Einmal, als ich hier länger auf ihn warten musste, war ich aufgestanden und hatte die Bilder aus der Nähe betrachtet. Sie sind unverglast und man kann die Pinselführung erkennen.
»Die Laborergebnisse sind inzwischen eingetroffen«, sagt Dr. Burhan.
Er faltet die Hände ineinander und sieht mich mit seinen dunklen Augen an. Die Konzentration darin ist wieder jener lächelnden Milde gewichen, die mir bereits bei unserer ersten Begegnung so gefallen hatte, und wegen der ich ihn seitdem zu meinem Hausarzt gemacht habe.
»Ihre Cholesterin- und Leberwerte sind zwar leicht erhöht, aber das bekommen wir mit ein wenig mehr Sport und gesunder Ernährung schon in den Griff. Rauchen Sie weiterhin?«
»Ich habe versucht es einzuschränken, aber wenn tagsüber im Büro viel los war, dann …
»Und wie sieht es mit Alkohol aus?«
»Abends trinke ich gerne mal ein Glas Wein.«
Die Frage hatte er mir schon vor zwei Wochen gestellt. Ich betrachte verlegen meine Hände, bevor ich wieder den Kopf hebe.
»Aber daran kann es doch nicht liegen, dass ich mich in letzter Zeit so matt und kraftlos fühle, oder?«
»Gegen ein Glas Wein ist im Prinzip nichts einzuwenden, trotzdem wäre es mir als Ihr Arzt schon lieber, wenn das nicht zur Gewohnheit wird. Aber ich denke, Sie passen da schon auf.«
Dr. Burhan räuspert sich. Er blickt mich über seine gefalteten Hände hinweg an. Das Milde weicht für einen winzigen Moment aus seinen Augen, um sofort wieder zurückzukehren.
»Sie leben allein?«
»Ja«, sage ich. »Mein Sohn ist vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Er studiert dort.«
»Was studiert er denn?«
»Archäologie.« Ich lächele. »Thomas sagt immer, wenn er fertig ist, macht er mich zu seiner Assistentin. Ich reise so gerne, wissen Sie. Leider finde ich kaum die Zeit dafür.«
»Eine schöne Idee«, sagt Dr. Burhan und erwidert mein Lächeln.
Schweigen. Ich betrachtete wieder die gerahmten Küstenlandschaften.
Dr. Burhan schiebt die Mappe ein Stück weit zu sich. Die Augen senken sich auf meine aufgeschlagene Patientenmappe.
»Es tut mir Leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie sind HIV positiv.«

Franziska telefoniert, als ich das Büro betrete. Sie wirft mir ein Kopfnicken zu. Aus den Gesprächsfetzen höre ich heraus, dass sie es mit dem Sozialamt zu tun hat.
Ich hänge meine Jacke an die Garderobe und setze mich an den Schreibtisch. Alles liegt noch so da, wie ich es gestern hinterlassen habe. Nur auf der Tastatur des Telefons kleben zwei gelbe Zettelchen mit Franziskas Handschrift.
Durch das Fenster sehe ich, wie auf der Straßenseite gegenüber eine Türkin einen Kinderwagen vor sich her schiebt. Sie wird flankiert von zwei kleinen Mädchen, die aussehen wie Zwillinge. Die Haare der Mädchen sind zu Zöpfen geflochten, das Haar der Mutter ist verschleiert.
In Tunesien waren nahezu alle Frauen verschleiert gewesen, die Körper in schwarze Gewänder gehüllt. Ich weiß noch, wie malerisch das aussah, wenn diese Frauen in dem warmen Novemberlicht an den sandsteinfarbenen Mauern entlanggingen. Franziska hatte sich aufgeregt, als ich ihr das erzählte. Sie sieht in diesen Gewändern und den Schleiern ein Symbol der Unterdrückung. Ich sehe beides auch als Schutz an.
»Wie war es beim Arzt«, fragt Franziska, nachdem sie den Hörer aufgelegt hat.
Ich nehme die gelben Zettelchen von der Tastatur und lege sie vor mich hin auf die Schreibunterlage.
»Er hat mir etwas gegen meine Müdigkeit verschrieben», sage ich. »Außerdem soll ich ein wenig mehr Sport treiben.«
»Aha. Kann ich das Rezept vielleicht mal sehen?«
Franziska ist aufgestanden und kommt mit schweren Schritten zu mir an den Schreibtisch. Ihr hochgewachsener, massiger Körper wirkt bedrohlich, als sie sich neben mich stellt, die Arme abwartend unter der Brust verschränkt. Als ob sie meine Mutter wäre. Ihr ungepflegter Pony hängt ihr in die Augen.
Ich krame eines der Rezepte aus meinem Rucksack und reiche es ihr. Franziska studierte es mit skeptischer Miene.
»Nichts gegen deinen Dr. Burhan, aber du solltest wirklich mal einen Homöopathen aufsuchen. Der würde dir diesen chemischen Mist hier jedenfalls nicht verschreiben.«
Sie gibt mir das Rezept zurück und schaut auf ihre Armbanduhr. »Kommst du mit zum Griechen? Bei dem schönen Wetter ist mir nach was Südländischem.«
»Nein«, sage ich. »Ich bin nicht hungrig.«

Tunesien. Wie hatte ich die zwei Wochen genossen, damals. Knapp anderthalb Jahre ist das her. Die Hotelanlage war nichts Besonderes, aber sie lag direkt am Meer, eine Stunde mit dem Bus von Tunis entfernt. Unsere Gruppe hatte aus zwanzig Touristen bestanden, überwiegend Frauen meines Alters. Die erste Woche hatten wir viel gemeinsam unternommen. Wir besuchten die Sehenswürdigkeiten in den Orten ringsum und tauschten abends beim Wein gegenseitig die Ansichtskarten und die Souvenirs aus. In der zweiten Woche konnten wir dann die Tage selbst gestalten.
Hinter Franziskas Schreibtisch hängt seit Jahren schon dieses Safer-Sex-Plakat, bunte Kondomkringel mit Smiley-Gesichtern und darunter die Aufforderung »Machs mit!«. In unserem Büro hängen viele solcher Plakate. Gegen Drogen, gegen Gewalt, gegen Ausländerfeindlichkeit. Alle gegen etwas, nur dieses Plakat nicht, wie mir erstmals auffällt.
Kadel hatte ich in einem Café in Dougga kennen gelernt, einem größeren Ort, den wir in der ersten Woche bereits als Gruppe besucht hatten. Ich war noch einmal bei den römischen Ruinen gewesen und hatte einige Skizzen davon gemacht. Ich betrachtete sie gerade, als er mich ansprach. Er deutete auf den Skizzenblock auf meinem Schoß und fragte mich auf Deutsch, ob ich Künstlerin sei. Ich hatte gelacht und gesagt, nein, aber das Lachen genügte ihm schon als Aufforderung, sich zu mir an den Tisch zu setzen. Kadel war vielleicht Anfang zwanzig, ein hübscher Junge mit großen, fast schwarzen Augen und feingliedrigen Händen. Und mir war klar, dass ich nicht die erste Touristin war, zu der er sich setzte.
Ich wähle die erste der beiden Nummern, die mir Franziska auf die Zettel notiert hat. Ich kenne die Nummer auswendig, sie gehört zum Verkehrsverbund, einer unserer Klienten wurde wohl wieder beim Schwarzfahren erwischt. Nach dem Rufzeichen meldet sich ein Anrufbeantworter. Ich lege den Hörer wieder auf. Franziska wird frühestens in einer halben Stunde von ihrem Mittagstisch zurückkehren. Ich gehe zum Fenster und öffne es. Mit einem Schlag ist die Stille des Büros von Verkehrslärm erfüllt. Ich setze mich auf die Fensterbank und zünde mir eine Zigarette an.
Weiße, kalkverputzte Wände, die Zimmerdecke aus grauem Stein, eine nackte Glühbirne, ein tiefblauer Abendhimmel, dessen Licht wie ein Schleier durch das Fenster fällt, begleitet von dem Klangteppich Nordafrikas, laut und fremd und schön. Noch immer fühle ich die warme, glatte Haut unter meinen Händen, spüre ich die Liebkosungen, rieche ich den Schweiß, höre ich das Stöhnen, während ich in diesem Bett liege, diesem viel zu weichen Bett, in dem mein Körper zu versinken scheint.
Machs mit! Ich lache, laut und spitz, so unendlich albern kommt mir plötzlich dieses Plakat hinter Franziskas Schreibtisch vor.
Als ich mit Kadel das Hotel verlasse, gehen wir noch ein wenig am Hafen spazieren. Er hält meine Hand und erzählt mir, dass er im nächsten Jahr nach Deutschland kommen und ein Studium anfangen will. Er drängt mich, ihm meine Adresse aufzuschreiben. Endlich gebe ich seinem Drängen nach. Und tatsächlich, anschließend fällt es mir nicht mehr so schwer, ihm das Geld zu geben. Dieser Zettel mit meiner Adresse vermittelt mir die Illusion, mehr für ihn gewesen zu sein als eine Frau, die sich Sex mit einem hübschen Jungen gekauft hat, einem Jungen, der ihr Sohn sein könnte. Er winkt ein Taxi heran, wir verabschieden uns mit einem Kuss. Noch während ich einsteige, ist er verschwunden.
Längst hatte ich seinen Namen vergessen. Kadel.
Eine Fahrradklingel schreckt mich auf. Ich blicke zur Seite und sehe, wie ein Fahrradfahrer mitten auf der Straße mit einem Mann zusammenprallt. Beide fallen zu Boden, eine Plastiktüte schlittert auf die Straße. Der Mann rappelt sich auf und steht eine Weile wie benommen da. Er trägt eine Jeansjacke, er kommt mir bekannt vor. Als er sich ein wenig in meine Richtung dreht, erkenne ich ihn. Es ist einer meiner Nachbarn vom Haus gegenüber, ein kleiner, schmächtiger Mann etwa in meinem Alter. Heute morgen erst bin ich ihm begegnet. Er stand unter einem Kirschbaum und betrachtete die Blüten. Als ich ihn da so stehen sah, war ich mir sicher, dass er weinte. Einen Moment lang hatte ich überlegt, ihn anzusprechen, aber ich glaube, es wäre ihm peinlich gewesen.
»Kannst du nicht aufpassen«, brüllt der Fahrradfahrer. Er umklammert mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Ellenbogen.
»Es tut mir Leid«, ruft mein Nachbar, »es tut mir Leid.« Er bückt sich nach der Plastiktüte. Als er sie anhebt, läuft etwas Flüssiges heraus. Eilig geht er auf die andere Straßenseite, wo er hinter den geparkten Autos verschwindet.
»Besoffener Penner«, ruft ihm der Fahrradfahrer hinterher.
Ich drücke die Zigarette aus und schließe das Fenster. Ich setze mich zurück an den Schreibtisch und greife nach dem zweiten Zettel.
Nach dem Rufzeichen meldet sich einer der Hausverwalter von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Er sagt mir, dass heute morgen einer der von mir betreuten Jungerwachsenen tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Er sagt mir, dass sich deswegen noch die Polizei bei uns melden wird.
»Wegen der Formalitäten.«
Ich kritzele den Umriss einer antiken Ruine auf das Zettelchen, während ich ihm weiter zuhöre.
Kai war einundzwanzig und Junkie. Als er vor drei Monaten in die Wohnung einzog, war ich persönlich dabei. Wir hatten uns in die Küche gesetzt und er sagte, dass er alle Wände blau streichen wollte, tiefblau, so wie das Meer, sagte er. Ich mochte ihn, obwohl ich wusste, dass er sein Geld noch immer als Stricher verdiente. Ich hatte ihn mehrmals ermahnt, es nie ohne Kondom zu machen, so wie ich mit den gleichen Worten Thomas ermahnt habe, als er noch bei mir wohnte. Die Vorstellung, Thomas könnte AIDS bekommen, ist für mich unerträglich.
»Auf Wiedersehen«, sagt der Hausverwalter.
Ich lege auf. Hinter der Bürotür höre ich Schritte näher kommen.
»War was?«, fragt Franziska. Sie fragt das, ohne mich anzusehen, ohne die Tränen zu bemerken, die sich wie ein Schleier über meine Augen gelegt haben.
»Nein«, sage ich.
Ich werfe die Zettel in den Papierkorb. Er müsste mal wieder geleert werden.


Das Foto

Ich schrecke hoch, öffne die Augen. Durch das Fenster fällt Sonnenlicht auf das Bett. Die Wanduhr zeigt auf kurz vor drei. Ich muss tatsächlich eingenickt sein. Dabei versuche ich, den Tagesschlaf zu vermeiden, er raubt mir den eigentlichen Schlaf. Und ich fürchte mich oft, wenn ich nachts wach liege und die Stille in dem Haus höre.
Neben dem Bett liegt die Werbezeitung, die mir Nikolas mit dem Essen nach oben gebracht hat. Ich bücke mich nach der Zeitung und gehe in die Küche. Die Beine tun mir heute wieder weh, aber ich habe mich an diese Schmerzen gewöhnt. Trotzdem wünschte ich mir jetzt, ein wenig spazieren gehen zu können bei diesem herrlichen Wetter. Aber diese vielen Treppen. Zehn Jahre lang haben sie mir nichts ausgemacht, die Treppen, seit ich nach dem Tod meiner Mutter hierher gezogen bin.
Ich stelle Teewasser auf und setze mich an den Küchentisch. Vom Spielplatz dringt Kinderlachen hoch. Ich drehe mich zum Fenster und blicke hinunter. Ein kleines Mädchen hockt in dem Sandkasten und ruft etwas zu einem älteren Mädchen hinüber, das auf der Holzbank Platz genommen hat. Trotz des Altersunterschieds sieht man, dass sie Schwestern sind. Beide haben diese großen, traurigen Augen von Zigeunerkindern. Das ältere Mädchen trägt ein hübsches, knielanges Kleid mit kariertem Muster, so wie man es zu meiner Zeit getragen hat.
Der Teekessel flötet. Lächelnd gehe ich zum Herd. Es ist schön, Kinder in der Nachbarschaft zu wissen. Ich selbst habe keine Kinder. Ich habe auch nie etwas mit einem Mann gehabt, ich habe es nie vermisst.
In der Zeitung ist eine ganze Seite mit Werbung vom Supermarkt. Ich setze die Lesebrille auf. Erdbeeren werden angeboten. Jetzt schon, dabei haben wir noch nicht einmal Mai. Ich überlege, ob ich Nikolas anrufen und ihn bitten soll, dass er mir morgen eine Schale davon mitbringt. Ich würde uns dann damit einen Kuchen backen oder einen leckeren Kompott machen. Nikolas würde beides sicher auch schmecken. Er ist ein netter Junge. Ich mag ihn, auch wenn wir uns heute Mittag gestritten haben.
Oh ja, dieser Streit. Ich weiß nicht, warum sich die jungen Leute so sehr für den Krieg interessieren. Warum sie all diese Fragen darüber stellen müssen. Ich war kaum zwei Jahre alt, als der Krieg aufhörte, an was soll ich mich da erinnern. Nikolas sagte, dass er und ein paar andere Zivildienstleistende nächste Woche an einer Demonstration teilnehmen werden. Und er schlug vor, dass auch ich daran teilnehmen sollte. Er würde sich um mich kümmern, versprach er. Als ich ihm daraufhin sagte, dass ich von dem Krieg und den Nazis nichts mehr wissen will, wurde er richtiggehend wütend.
»Gerade Sie!«, sagte er.
Ich habe ihn daraufhin gebeten zu gehen. Kaum war er aus der Tür, tat es mir Leid. Aber Nikolas ist nicht nachtragend, ein wenig aufbrausend vielleicht, aber nicht nachtragend. Ein wirklich netter Junge, der sich für mich mehr Zeit nimmt, als er eigentlich müsste. Das weiß ich von dem Mann im Sozialamt, der mir Nikolas vermittelt hat, als ich den Antrag für die Gehhilfe stellte.
Seit einem viertel Jahr bringt Nikolas mir jetzt schon mein Mittagessen und ein paar Einkäufe hinauf. Anfangs ist er danach gleich gegangen, aber dann fingen wir an zu erzählen, er von seinem Hobby als Fotograf, ich von den Jahren, als das Leben hier wieder normal wurde. Viel habe ich ja nicht zu erzählen. Ich habe gleich nach der Schule angefangen, in der Fabrik zu arbeiten, später habe ich mich auch noch um meine Mutter kümmern müssen. Ich hatte ihm einmal Fotos aus meiner Kindheit gezeigt, auf einem davon war ich noch ein Säugling, der von seiner Mutter im Arm gehalten wurde. Im Hintergrund war mein Vater zu sehen. Die Augen unter seiner Schirmmütze blickten zugleich stolz und streng.
»Ihr Vater war in der SS?«
Nikolas hatte dabei auf den Totenkopf auf der Schirmmütze gezeigt. Er wollte daraufhin noch mehr Fotos von meinem Vater sehen, aber es gab keine mehr. Nur einige wenige, ältere Aufnahmen, die ihn als jungen Mann in Zivilkleidung zeigten. Nikolas interessierten diese anderen Fotos nicht.
Ich stelle den Tee auf ein Tablett und gehe in das Wohnzimmer. Als ich mich an den Tisch setze, höre ich in der Wohnung unter mir ein lautes, dumpfes Geräusch, so als ob etwas Schweres umgefallen ist.
»Es tut mir Leid«, höre ich meinen Nachbarn rufen. Es klingt fast wie ein Schrei. Und wieder: »Es tut mir Leid.«
Ich spüre, wie plötzlich wieder diese furchtbare Angst in mir aufsteigt. Ich kenne diese Angst, ich erlebe sie nur sehr selten und meistens dann, wenn ich mich sehr erschrecke. Aber sie ist jedes Mal mehr als ein Erschrecken, viel mehr. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und versuche ruhig zu atmen. Wieder dieses Poltern. Ich presse die Hände an die Ohren. Ich fühle mich auf einmal so unendlich hilflos, so hilflos, dass ich schreien möchte, und plötzlich höre ich mich schreien.
»Aufhören«, schreie ich, »bitte, bitte aufhören.«
Als ich die Hände von den Ohren nehme, ist alles ruhig. Ich sitze erschöpft auf dem Sofa und spüre, wie mein Herz rast, wie es das Blut schmerzend in meine Beine pumpt. Eben, als ich die Augen geschlossen hatte, war da für einen winzigen Moment ein Bild, eine Art Foto gewesen. Und jetzt erinnere ich, dass es das gleiche Bild war wie vorhin, als ich aus dem kurzen Schlaf hochschreckte, und dass ich dieses Bild schon unzählige Male gesehen habe in meinen Träumen.
Da ist dieser Mann, der einem Mädchen einen Strick reicht. Das Kleid des Mädchens ist zerrissen und an ihren nackten Beinen läuft Blut herunter.
Mein Vater sei im Krieg gefallen, hat mir meine Mutter erzählt. Und meine Schwester sei am gleichen Tag bei einem Tieffliegerangriff gestorben. Mehr als diese beiden Sätze hat sie mir nie von deren beider Tod erzählt. Ja, es gab nicht einmal ein Grab, das wir besuchen konnten.
»Weil Krieg war«, sagte sie einmal, als wir der Beerdigung meiner Großtante beiwohnten. Ich war damals noch ein Kind, und als ich zu weinen anfing, schlug sie mich.
»Hör endlich auf mit diesen Fragen. Es ist vorbei, hörst du!«
Ich gehe zum Wohnzimmerschrank und hole das Fotoalbum heraus.
Auf dem letzten Foto, das ich von meiner Schwester habe, trägt sie die Uniform des Jungmädelbundes. Sie steht mit dieser Uniform vor dem Eingang unseres Mietshauses in Berlin und blinzelt kokett in die Sonne, es ist ihr dreizehnter Geburtstag. Und während ich das Foto betrachtet, sehe ich wieder diesen Mann mit dem Strick. Jetzt erkenne ich, dass auch er Uniform trägt, dass dieser Mann mein Vater ist, und dass dieses Mädchen, dem er den Strick reicht, meine Schwester ist. Und plötzlich fängt dieses Foto an sich zu bewegen, und ich sehe, wie meine Schwester den Strick nimmt und mit ihrem blutverschmierten, zerfetzten Kleid aus dem Zimmer geht, wie mein Vater näher kommt, wie er leise sagt »Es muss sein«, aber das sagt er nicht zu mir, nein, sondern zu meiner Mutter, auf deren Schoß ich sitze, und die Kraft ihrer Arme scheint mich zu erdrücken. Dann sehe ich, wie mein Vater seine Uniformjacke zuknöpft und die Schirmmütze aufsetzt, wie er salutiert und sagt, »Wir haben unsere Ehre verloren«, und als er die Wohnungstür öffnet sind da diese lauten, fremdartig klingenden Männerstimmen im Hausflur. Und dann fallen Schüsse, und meine Mutter presst mir ihre Hände auf die Ohren, und übrig bleibt nur diese entsetzliche Stille.
»Gerade ihr Älteren müsst die Erinnerung wach halten«, hatte Nikolas heute Mittag gesagt, laut und vorwurfsvoll.
Es klingelt. Wie benommen stehe ich auf.
Als ich die Tür öffne, steht mein Nachbar von unten vor mir. Sein Gesicht ist verquollen, auf seinem Hemd sind rote Weinflecken.
»Ich wollte Sie nicht stören«, stammelt er. »Ich … ich habe heute Geburtstag, und ich …«
Er stockt und sieht mich mit offenem Mund an. Ich kann mich nicht erinnern, je einen so erschrockenen Menschen gesehen zu haben. Dann wird mir klar, dass ich in mein eigenes Spiegelbild blicke.
Ich greife nach seiner Hand. Es ist das erste Mal, dass ich freiwillig nach der Hand eines Mannes greife.
»Kommen Sie bitte herein«, sage ich.


Redemption Songs

Durch den Lüftungsschacht dringt das Dröhnen einer Kirchenglocke, drei mal schlägt sie, drei dröhnende Schläge. Ganz nah klingt das, dabei liegen mindestens einhundert Meter zwischen diesem Hochbunker und der Kirche.
Nun gut, wenn wir proben, sind die Lüftungsklappen immer geschlossen, das sind armdicke Stahldeckel, da dringt kein Laut durch, weder in die eine, noch in die andere Rich-tung. Aber die Probe ist vorbei, früher als sonst, denn ich bin total fertig, so sehr hat mich das Singen heute angestrengt. Und jetzt erschrecke ich ein wenig, als ich die zweite Lüf-tungsklappe aufmache und nach so langer Zeit dieses Dröhnen wiederhöre.
Vor einem Jahr, da war alles nur nackter Stahlbeton gewesen, nicht einmal eine Tür hatte es gegeben, und das Schlagen der Kirchenglocke hatte unerträglich lange nachgehallt. Trotzdem wusste ich schon im ersten Moment, dass dieser Raum ideal war, klein zwar, dafür aber zentral gelegen und vor allem billig. Dieser Künstler, der die gesamte obere Etage gemietet hat und dessen Anzeige ich in der Zeitung ge-lesen hatte, der fand es außerdem total okay, als ich ihm sagte, dass ich hier mit einer Band proben wollte. Er mache mit seinen Stahlobjekten ja selbst genug Krach, meinte er, wir sollten halt einfach eine ordentliche Schalldämmung einbauen.
»Wie heißt denn deine Band«, fragte er noch.
Ich erklärte ihm, dass ich das nicht wüsste, weil ich mir die anderen Musiker immer erst kurz vor der Probe aussuchen würde. Der Künstler hatte mich erst verwundert angesehen und dann gelacht. Ich glaube, er hat mich für einen Spinner gehalten.
Okay, vielleicht bin ich ja ein Spinner, vielleicht bin ich sogar mehr als das. Ich bin jetzt sechsundzwanzig, davon habe ich sechs Jahre in einer geschlossenen und zwei Jahre in einer offenen Anstalt verbracht. Seit ein paar Monaten wohne ich allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die diese rothaarige Frau von der Integrationsbehörde mir vermittelt hat. Sie wohnt zufällig genau gegenüber und ich vermute, diesen Zufall haben die bereits in der Anstalt so eingefädelt.
Wahrscheinlich genügt es ihnen nicht, dass ich zwei Mal im Monat von meinem Vormund kontrolliert werde. Dabei sollten die sich mal eher um den Spinner über mir kümmern, diesen pickeligen Typen, der morgens das ganze Haus zum Wackeln bringt mit seinen Übungen und der wie ein Irrer durchs Treppenhaus huscht. Ein armes Schwein ist das, ich wette, der bringt sich irgendwann um.
Ich dagegen komme inzwischen klar mit dem Leben. Ich komme klar mit der Sozialhilfe, und ich leiste mir als einzigen Luxus diesen Raum, und zwar von dem Geld, das ich mir in den Anstaltswerkstätten zusammenverdient habe. Okay, au-ßerdem rauche ich, aber vom Alkohol lasse ich die Finger, allein schon wegen der Tabletten. Wahrscheinlich liegt es auch an diesen Tabletten, dass ich mir aus Frauen nichts mache, aber das kann ja noch kommen.
Ich stecke mir eine Kippe an und betrachte die Rauchkringel, die langsam in Richtung des Entlüftungsschachts krei-sen.
Mann, war das eine Arbeit, bis ich alles so schön hergerichtet hatte. Allein das Anbohren der Holzgerüste hat eine Ewigkeit gedauert, ganz zu schweigen von der Action, die ich mit dem Organisieren der Glaswolle oder dem Hochschleppen der schweren Sperrholzplatten hatte. Und das alles in den we-nigen Stunden Freizeit in der Woche. Trotzdem hatte ich es irgendwann geschafft, ganz allein, und keiner der Betreuer hat was gemerkt, auch wenn meine Hände schwielig und zerkratzt waren, wenn ich abends in die Anstalt zurückkehrte.
Damals hatte ich nämlich noch Angst, dass sie mir diesen Raum wieder wegnehmen würden. Als sie dann kurz vor meiner Entlassung doch irgendwie Wind davon kamen, wurde ich zum Leiter zitiert.
»Aber das hätten Sie uns doch sagen können. Das ist doch eine tolle Sache, so ein eigener Raum zum Üben. Musik zu machen ist doch wunderbar. Sie haben sich ein kleines Zuhause für ihre Kreativität geschaffen, wirklich toll finde ich das.«
Dieser Schwätzer. Aber eigentlich hat er sogar recht, was diesen Raum betrifft. Inzwischen bin ich hier tatsächlich eher Zuhause als in meiner richtigen Wohnung. Letzten Monat zum Beispiel habe ich hier das erste Mal übernachtet. Und da habe ich mir vorgestellt, wie das im Krieg gewesen sein mochte, als hier drin Dutzende von Menschen hockten und ringsum die Bomben runterkrachten. Ich hatte mal im Fernsehen was darüber gesehen, und die Leute haben alle von der schreckli-chen Angst erzählt, die sie in den Bunkern hatten, vor allem diesen Hochbunkern, die wie Türme aus dem Boden ragen. Aber als ich dann hier übernachtet habe, habe ich nichts von dieser Angst gespürt, im Gegenteil. Mir wurde klar, dass es niemals einen sichereren Ort gab als in einem Bunker mitten im Bombenhagel.
Denn die Angst, von der die Leute reden, ist nur die Angst vor dem Tod. Ich dagegen kenne andere, ganz andere Ängste. Die Angst vor der Bombe in einem selbst, zum Beispiel. Oder dass man mir diesen Raum doch noch wegnimmt.
Ich lehne mich zurück und summe eines meiner Lieder. Glaubt mir, ich kenne kein größeres Glück, als mit geschlossenen Augen dazusitzen und diese Lieder zu summen.
Erstmals habe ich das verspürt, als sie mich mal wieder in die Sicherheitszelle sperrten. Ich muss davor wohl einen meiner Anfälle gehabt haben, aber an diese Anfälle konnte ich mich noch nie erinnern, und bis heute glaube ich vieles von dem nicht, was sie mir während der Therapiestunden darüber gesagt haben. Das wäre typisch für meine Psychose, hieß es immer. Manchmal denke ich, dass das eher typisch war für die vielen Spritzen und Tabletten, die sie mir damals täglich ver-passten.
Diese Lieder, ach ja. Auch wenn ich sie nur summe, sind die Melodien ganz deutlich, auch die Texte sind ganz deutlich. Und in meinem Kopf werden daraus richtige Songs, manchmal sind es eigene, manchmal welche, die ich im Fernsehen gehört habe. Ich sehe mich dann auf einer Bühne stehen, zusammen mit einer richtig geilen Band, und diese Songs hauen die Leute um, mein Kreischen und Schreien haut sie total um, und sie bejubeln mich dafür. Das Gefühl, was ich dabei empfinde, dieses Gefühl ist alles: ist Macht, ist Kraft, ist Erlösung, alles zugleich.
Die Ärzte in der Anstalt hatten davon natürlich keine Ahnung. Nie habe ich ihnen von meinen Songs erzählt, das wäre ja wohl das Letzte gewesen. Sie hätten mich dann bloß wieder vollgelabert und mir bestimmt noch mehr Tabletten verpasst. Sie merkten nur, dass ich keine Anfälle mehr bekam, dass ich nicht mehr ausrastete, wenn mich einer der Spasties blöd anmachte oder wenn sie mich auf den Tod meines Vaters ansprachen, dessen Kopf ich angeblich auf dem Küchenherd zer-trümmert haben soll, dong, dong, dong, so ein Quatsch.
Nein, sie hielten meine Wandlung tatsächlich für einen Erfolg ihrer Spritzen und Tabletten und Faseleien, und etwas später kam ich in die Offene.
Und seit ich diesen Raum habe, summe ich meine Lieder nicht mehr nur. Nein, ich schreie sie heraus so laut ich kann, und meine Band begleitet mich dabei. Das Schlagzeug donnert, die Gitarre kreischt, und ich sehe die weit aufgerissenen Augen und die offenen Münder der Zuhörer vor mir, wie sie mich anstarren, erschrocken und entzückt zugleich, während ich etwa schreie »Father, I want to kill you!“.
Oh, wie gut es mir dann geht.
Es klopft an der Tür. Der Künstlertyp schaut herein, das macht er öfter, es ist okay.
Für einen Moment sehe ich uns beide wie durch eine Vi-deokamera, ihn, wie er grinsend im Türrahmen steht und mich, wie ich in der anderen Ecke des Raumes hocke und an meiner Zigarette nuckele.
»Na, wie war die Probe heute«, fragt er.
»Gut«, sage ich.
»Ist deine Band schon wieder gegangen?«
Blöde Frage, denke ich. Wäre der Raum sonst leer?
»Na dann«, sagt er.
Er nickt mir noch einmal zu und schließt die Tür.
Kurz darauf höre ich seine Stahlsäge kreischen. Diese Objekte, die er da zusammenschweißt, die sehen aus wie zerstückelte Leichen, echt zum Fürchten.
Trotzdem, ich weiß nicht warum, aber ich mag diesen Typen. Vielleicht weil seine Säge hier in diesem Raum klingt wie ein lautes, melodisches Summen. Vielleicht auch, weil er das Geheimnis kennt.
Ich drücke die Zigarette aus und stehe auf.
Übermorgen ist die nächste Probe, vielleicht auch schon morgen. Wir werden sehen.


Das Gefühl

Abfahrt Mellendorf, endlich. Noch fünfhundert Meter, dann ist die Baustelle zu Ende. Meinen Chef, den interessiert das nicht, wie viel Zeit ich mit diesen Baustellen vertrödele. Das gleicht sich übers Jahr hinweg aus, sagt er immer. Hat der eine Ahnung. Allerdings hatte ich auf dieser Tour richtig Glück. Ein einziger längerer Stau in fünf Tagen, da habe ich schon ganz andere Sachen erlebt.
So, die Baustelle wäre geschafft. In gut einer Stunde werde ich in der Spedition sein. Danach noch den Papierkram erledigen und dann ist drei Tage Ruhe. Das zum Beispiel ist das Gute an dem Job.
Die Sonne ist inzwischen hinter den Bäumen verschwunden. Ich schalte das Abblendlicht ein. Über die Freisprechanlage versuche ich Angela anzurufen. Wieder nichts. Weder Zuhause, noch auf ihrem Handy.
Seit zwei Tagen geht das jetzt schon so. Das letzte Mal hatte ich Dienstag Abend mit ihr telefoniert. Auch da war sie schon komisch drauf gewesen. Fast wäre es zu einem Streit gekommen. Aber ich bin der Letzte, der sich streitet. Sauer bin ich allerdings schon gewesen, sogar gestern noch.
Das muss man sich mal vorstellen. Da landet man auf einem öden Parkplatz mitten in Ungarn und ruft seine Frau an. Und die sagt einem, dass sie sich mit ihrer Mutter gerade irgend so einen französischen Film reinzieht. Richtig abgewimmelt hat sie mich. Dabei hatte ich mich schon darauf gefreut, es mit ihr über das Telefon zu machen. Tun wir öfter auf diesen langen Touren, war ursprünglich sogar eine Idee von Angela gewesen. Damit ich nicht auf dumme Gedanken komme, sagte sie. Und dann das.
Fast hätte ich Lust gehabt, mir eine von den Nutten zu angeln, die auf dem Parkplatz rumgehangen haben. So eine Nummer mit denen kostet kaum was. Jeder Fahrer hat sich da schon bedient, echt jeder, nur ich nicht.
Die Kollegen in der Spedition reißen darüber schon Witze. Haben die eine Ahnung, was zwischen Angela und mir abgeht, wenn ich meine freien Tage habe. Null Ahnung haben die, Angelas Eltern auch nicht. Die finden sowieso, dass ich eine absolute Niete bin. Das sagen die zwar nicht laut, aber denken tun sie es schon. Angelas Vater ist Abteilungsleiter bei einer Versicherung, und die Mutter mischt bei den Grünen mit. Klar, dass sie ihre einzige Tocher auf die Uni geschickt haben. Und dann lässt die sich kurz vorm Examen von einen Lkw-Fahrer schwängern und heiratet den auch noch.
Angela hat mir erzählt, dass ihre Mutter anfangs so Andeutungen gemacht haben soll wegen der Schwangerschaft. Das Wort Abtreibung hat sie zwar nie in den Mund genommen, klar. Aber gedacht hat sie es schon, die Alte, da wette ich. Und jetzt vergöttert sie den Kleinen geradezu.
Zwei Kilometer bis zum Rasthof. Gute Gelegenheit, um noch mal pinkeln zu gehen. Außerdem will ich eine Flasche Sekt besorgen. Ich trinke eigentlich so gut wie nie etwas, aber heute ist mir danach. Ich habe schon den ganzen Tag über dieses komische Gefühl, obwohl das natürlich Quatsch ist. Angela liebt mich, das hat sie mir schon tausend Mal gesagt. Schade nur, dass wir in unserer Wohnung keine Badewanne haben. So ein Glas Sekt zu zweit in der Badewanne, das hat schon was.
Vielleicht sollte ich mit Angela am Wochenende eine Nacht in dem aufgemotzten Hotel im Sachsenwald verbringen, in dem wir unsere Hochzeit gefeiert hatten. Die Zimmer dort sind mit Badewanne. Das Hotel gehört einem Schulfreund von ihr, so ein richtiger Schnösel ist das. Angela hat noch diesen Gutschein, den er ihr Anfang des Jahres zu ihrem Geburtstag geschickt hat. Wir könnten den Kleinen bei ihren Eltern lassen. Seit kurzem muss er nicht mehr gestillt werden.
Ich überlege, wie dieser Typ vom Hotel heißt. Martin, Manfred, Scheiße, Namen konnte ich mir noch nie besonders gut merken. Ist ja auch egal, wie er heißt, Tatsache ist, dass wir uns nicht leiden können. Auf unserer Hochzeit war er total betrunken, richtig daneben hat er sich aufgeführt. Die beiden hatten was miteinander, bevor es zwischen Angela und mir funkte. Sie meinte neulich noch, dass er bestimmt an der Tür lauschen würde, wenn wir dort übernachten würden. Soll er doch, habe ich gesagt.
Ich setze den Blinker und biege in die Auffahrt zum Rasthof ein. Im Waschraum treffe ich einen Fahrer von einer anderen Spedition. Er ist auf dem Rückweg von Mailand, sagt er, Kühlschränke. Er fragt mich, ob wir noch einen Kaffee zusammen trinken wollen, aber ich will so schnell wie möglich nach Hause.
»Deine Alte ficken, oder was«, lacht er. Ich lache zurück, während ich mir das Gesicht abtrockne. Ich mag diese Sprüche nicht, aber ich komme damit besser klar als mit dem Herumgedruckse von Angelas Eltern. Außerdem stimmt es ja, ich würde es nur nicht ficken nennen. Bevor mir Angela vor zwei Jahren auf diesem Stadtteilfest über den Weg lief, hatte ich verschiedene Frauen gehabt. Mit denen hatte ich gefickt.
Außer einer Flasche Sekt kaufe ich noch eine Schachtel von diesen Nusspralinen, auf die Angela so steht. Außerdem einen Stoffpinguin für den Kleinen, auch wenn ich weiß, dass er damit noch gar nichts anfangen kann. Aber was soll man einem solchen Winzling auch schenken. Ich tu’s trotzdem, ist ein schönes Gefühl.
Als ich den Verkaufsraum verlasse, kommt ein Ausländer auf mich zu. Er fragt mich, ob ich ihn nach Hamburg mitnehmen kann. Vom Aussehen her könnte er ein Türke sein, Mitte zwanzig, schätze ich. Er spricht gut deutsch, aber sein Akzent klingt anders als bei Türken, eher französisch. Er sieht jämmerlich aus in seiner dünnen Jacke und dem riesigen Rucksack. Er hustet, während er versucht, mit mir Schritt zu halten. Jetzt schon ist es ziemlich kühl. Eine halbe Stunde noch, dann ist es hier stockdunkel. Ich verstaue die Plastiktüte hinter den Fahrersitz und nicke ihm zu. Es ist uns wegen der Versicherung zwar untersagt, Tramper mitzunehmen, aber ich mache da schon mal eine Ausnahme.
»Ich heiße Kadel«, sagt er, als er sich angeschnallt hat. Kadel Soundso.
Ich starte den Motor. Der Ausländer lehnt sich zurück. »Merci«, hustet er.
Ich frage ihn, woher er kommt.
»Aus Tunis«, sagt er. Er erzählt, dass er seit über einer Woche unterwegs ist. Mit der Fähre rüber nach Marseille und dann per Anhalter weiter. Ich kenne die Strecke. Früher war ich oft in Frankreich unterwegs. Ich habe die abgebrochenen Gestalten an den Autobahnauffahrten gesehen. Dort anzuhalten ist fast unmöglich.
Ich frage ihn, ob er jemanden besuchen möchte.
»Ja«, sagt er. »Eine Freundin.«
Er lächelt mich kurz an. Das Lächeln passt gut zu seinen dunklen Augen, überhaupt sieht er ganz gut aus, wie mir auffällt. Ich kann diese Freundin verstehen. Wahrscheinlich ist sie so eine wie Angelas Tante, die hatte auch schon Besuch von einem ihrer jungen Urlaubslover aus dem Orient. Allerdings hat sie dem wenigstens das Flugticket spendiert. Kostet doch heute kaum noch was.
»Wo wohnt denn deine Freundin«, frage ich.
Er holt einen Zettel heraus und spricht mit diesem französischen Akzent stockend den Namen der Straße aus.
Ich lache. Es ist die Straße, in der auch ich wohne.
»Warum lachen Sie«, fragt er.
»Nur so«, sage ich. Ich überlege, welche von den Frauen in der Nachbarschaft für so einen Typen in Frage käme. Mir will keine einfallen, bis auf diese Rothaarige von gegenüber vielleicht. Allerdings habe ich die immer für eine Lesbe gehalten. Von dem komischen Zufall braucht er jedenfalls nichts zu wissen. In die Spedition kann ich ihn sowieso nicht mitnehmen, das gibt nur Ärger. Am besten, ich setze ihn am Hauptbahnhof ab. Er kommt dann schon klar.
Ich schalte das Radio an. »Noch fünfzig Kilometer«, sage ich.
Seit einer viertel Stunde fahren wir schweigend die Autobahn entlang. Ab und zu presst der Ausländer seine Hand vor den Mund und versucht sein Husten zu unterdrücken. Ein gefährlicher, trockener Husten, eine Erkältung klingt anders. Ich frage ihn, ob er einen Schluck Tee möchte.
»Ja gerne«, sagt er.
Als ich ihm die Thermoskanne reiche, holt er einen zerdrückten Pappbecher aus seinem Rucksack. Er faltet ihn sorgfältig zurecht, so als wäre dieser Pappbecher etwas wertvolles.
Armes Schein, denke ich. Ich überlege, ob ich nicht einfach in der Spedition Bescheid geben soll, dass ich den Laster auf dem Bahngelände in der Nähe meiner Wohnung parke. Das habe ich schon ein paar Mal gemacht, wenn vor den Elbbrücken Stau war und ich über den Tunnel ausweichen musste. Die Ladung wird sowieso erst morgen Mittag gelöscht, Regipsplatten, die klaut niemand. Außerdem wäre ich dann auch schon eine Stunde früher zu Hause. Ja, wieso eigentlich nicht.
In der Spedition ist Petra an der Strippe. Sie sagt, dass der Chef das nicht gerne hören wird, gibt mir dann aber doch ihr Okay. Ich glaube, sie ist einfach nur froh, dass sie nun selber früher als geplant Feierabend machen kann.
Anschließend rufe bei mir zu Hause an.
Gerade als ich wieder auflegen will, höre ich das Klacken.
»Ja, hallo«, ertönt eine Stimme. Es ist die Stimme von Angelas Mutter. Trotz des Lautsprechers ist sie unverkennbar.
Ich frage nach Angela.
»Angela ist nicht da«, sagt ihre Mutter.
»Wieso«, frage ich.
»Das wird sie dir noch erzählen. Auch was den Jungen und alles weitere betrifft, wird sie dir erzählen.«
Im Hintergrund höre ich es poltern. »Vorsicht mit der Tür« ruft eine laute Männerstimme. Ich habe diese Stimme schon mal gehört. Auf unserer Hochzeitsfeier in diesem verdammten Hotel. Martin, Manfred, Scheiße, schießt es mir durch den Kopf.
»Es ist vorbei, hörst du«, sagt Angelas Mutter.
Dann bricht die Verbindung ab.
Wie in einem Film sehe ich plötzlich Angela und diesen verdammten Wichser in einer Badewanne sitzen. Beide lachen, lachen über mich. So wie damals auf der Hochzeit, als dieser Typ mich über sein Whiskyglas hinweg angrinste. Ich solle Angela in Zukunft nicht so oft allein lassen, hatte er gelallt. Sonst würde er sie mir eines Tages wegnehmen.
Ich fahre den Lkw auf den Seitenstreifen und halte an.
»Was ist«, fragt der Ausländer.
Ich sage ihm, dass er aussteigen soll.
Er sieht stumm aus dem Fenster. Was er dort sieht, weiß ich auch.
Ich umklammere das Lenkrad.
»Steig aus«, sage ich. »Sofort.«
»Warum«, wiederholt der Ausländer.
»Warum?«, brülle ich. »Weil ich es so will, darum.«
Der Ausländer sieht mich einige Sekunden lang stumm an.
»Warum«, wiederholt er noch einmal.
Hinter uns ertönt das tiefe Brummen eines Signalhorns. Im Rückspiegel sehe ich einen Laster mit Lichthupe näher kommen. Wahrscheinlich der Kollege vom Rastplatz.
Bevor er auf die Idee kommt anzuhalten, lege ich den Gang ein.
»Okay«, sage ich. »Wie heißt du noch mal?«
»Kadel«, sagt der Ausländer.
«Okay Kadel«, sage ich. »Dann mach dich auf was gefasst.«
Der Motor brüllt auf. Sechshundert PS, die allein meiner Wut gehorchen, während ich den Sattelschlepper auf die Überholspur lenke. Ein komisches Gefühl ist das, fast macht es mir Spaß, all diese Idioten hinter mir hupen zu hören.
»Hast du Angst, Kadel«, brülle ich in den Lärm hinein.
»Nein«, brüllt Kadel zurück. »Ich habe keine Angst. Ich werde nämlich bald sterben, weißt du.«
Ich blicke ihn überrascht an und sehe in seine traurig lächelnden Augen. Und ich habe plötzlich das Gefühl, dass er der erste Mensch in meinem Leben ist, der mir keinen Scheiß erzählt.
Ich stoße ihn mit dem Ellenbogen an.
»Sag, Kadel, magst du Nusspralinen?«


Der Langstreckenläufer

Nach zehn schon. Wie ich dieses Warten hasse. Noch dazu in einem dieser klaustrophobischen Tunnel. Und obwohl das Rauchen hier verboten ist, steckt sich der Penner neben mir auch noch eine Zigarette an.
Ich rücke ein Stück zur Seite. Einige Meter weiter nerven ein paar Halbstarke mit dummen Sprüchen über meine Fliege. Ich versuche wegzuhören. Endlich das erlösende Rumpeln aus dem U-Bahn-Schacht. Ich ziehe den Henkel aus meinem Trolley und stehe auf. Der Penner neben mir bleibt sitzen, den Blick starr auf die zwischen seinen Füßen abgestellte Schnapsflasche gerichtet. Am anderen Ende des Bahnsteigs sehe ich zwei Bahnpolizisten die Rolltreppe herunterfahren. Geschieht ihm recht, dem Penner.
In der U-Bahn ist es angenehm leer, nach dem überfüllten ICE-Abteil kommt mir das fast wie ein Luxus vor. Weiter hinten sitzen ein paar ältere Leute in dunkler, teuer aussehender Garderobe. Konzertbesucher wahrscheinlich, die Musikhalle liegt auf der Strecke. Leute wie diese werden mit Sicherheit auch bei unserer Premiere in den Rängen hocken.
Unsere Premiere? Nein, Zahras Premiere.
Fast ein halbes Jahr habe ich in dieses Projekt gesteckt. Ich bin in dieser Zeit dutzende Male nach Köln gefahren und habe dort zuletzt fünf Tage in der Woche in einem winzigen möblierten Zimmer bei einer alten Dame übernachtet. Und dann zerplatzt alles wie eine Seifenblase, wird ein halbes Jahr plötzlich zu einem Nichts.
Die U-Bahn fährt in die nächste Station ein. Eine junge Asiatin steigt ein. Sie ist hübsch und sie weiß das. Sie wirft mir einen kurzen Blick zu. Ich taste nach meiner Fliege, ein blöder Reflex, ich weiß, dass so eine Fliege manche Menschen irritiert. Sie zögert, dann setzt sie sich in der Nähe der Konzertbesucher hin.
Frauen. Gut, als Regieassistent muss einem klar sein, dass man nur die zweite Geige spielt, und klar ist es unerheblich, ob eine Frau oder ein Mann die eigentliche Regie führt. Aber es war ursprünglich meine Idee gewesen, auf diese Vorlage zurückzugreifen, und es war von Anfang an zwischen Zahra und mir abgemacht gewesen, dass ich ein Mitspracherecht bei der Inszenierung habe. Und bis heute Vormittag hat das auch funktioniert, bis sie bei der Probe auftauchte, mir das mit roten Anmerkungen versehene Script in die Hand drückte und sagte »Mir ist da gestern Abend was eingefallen.«
Ich muss tatsächlich grinsen, während ich mein Spiegelbild in der schwarzen Glasscheibe betrachte. Dem guten Alan Silitoe war bestimmt auch eine ganze Menge eingefallen, als er vor einem halben Jahrhundert The Loneliness of a Long Distance Runner geschrieben hat. Ich hatte schon länger vorgehabt, diese Erzählung zu einem Drama umzuschreiben. Und als ich im vergangenen Dezember in der Taz von Zahra las, fiel mir das wieder ein.
Zahra und ich kannten uns von der Hochschule. Wir hatten sogar im gleichen Jahr unser Examen abgelegt. Sie war dann nach Köln gezogen und hatte dort mehrere Stücke inszeniert, mit Dario Fo war ihr im letzten Jahr der Durchbruch gelungen. Sie gewann einen Preis, und die Taz widmete ihr diese halbe Seite. Ich hatte ihr noch am selben Tag meine Idee mit Silitoe zugemailt, und kurz darauf hatte sie sich bei mir gemeldet.
Seit letzten Dezember habe ich nur noch für das Projekt gelebt. Zwei Monate habe ich allein für das Schreiben der Bühnenfassung gebraucht. Es ist die Geschichte eines Jungen, der als Insasse einer Besserungsanstalt an einem Geländelauf gegen eine andere Schule teilnimmt und dem während dieses Laufs seine eigene Lebensgeschichte durch den Kopf geht. Er denkt an all die Schikanen und Demütigungen, die er erfahren musste, Zuhause, auf der Straße, in der Anstalt. Am Ende bleibt er vor dem Zielstrich stehen und lässt die anderen vorbeiziehen.
Ich habe die Handlung weitestgehend so gelassen, der Stoff passt ja sehr gut in die heutige Zeit. Der Loser als Winner, zumindest moralisch gesehen, Zivilcourage pur. Auch Zahra war richtig begeistert, obwohl ihr die Welt dieses Jungen eher fremd schien. »Okay, mit Proletariern kennst du dich besser aus«, hatte sie mal halb im Scherz gesagt, als wir über eine Szene diskutierten.
Gemeinsam suchten wir dann das Ensemble aus. Seit Anfang April probten wir, und alles lief bestens. Bis Zahra heute Vormittag zur Probe kam und mir ihre sogenannten Einfälle präsentierte.
Über Nacht hatte sie praktisch alles neu geschrieben, eigentlich waren es eher Skizzen, »aber da müssen wir halt improvisieren«, meinte sie. Aus meinem ostdeutschen Hauptschüler war eine Muslima geworden, aus seinen Mitschülern bornierte Neonazis, aus meinem Lehrerchor eine Horde sadistischer Grenzpolizisten. Auch für die Hauptrolle hatte sie bereits Ersatz beschafft, eine junge türkische Schauspielstudentin aus Zahras Bekanntenkreis. Ich hatte sie schon ein paar Mal in Begleitung von Zarah in unserem Kölner Stammcafé getroffen, zugegeben ein wirklich attraktives und gebildetes Mädchen. Ihr Vater ist Attaché in der türkischen Botschaft.
»Deine Fassung ist einfach zu sehr der übliche Sozialkitsch«, hatte Zahra noch gesagt, als ich sie nach der Besprechung mit dem Ensemble zur Seite nahm. »Ausländerfeindlichkeit und Neonazis haben wesentlich mehr gesellschaftliche Relevanz für das zeitgenössische Theater als so ein Ossi-Proll.«
Als ich dann am Nachmittag wieder in meinem Zimmer war, wusste ich, dass ich verloren hatte. Mitten auf der Zielgeraden einfach abgehängt. Ein halbes Jahr für Nichts.
Die Anzeigentafel kündigt meine Station an. Ich greife nach dem Trolley und begebe mich zum Ausgang. An der Tür hängt ein Plakat. Jugendliche aller Hautfarben sitzen auf einer Parkbank und lachen in die Sonne, zwischen ihnen eine tief verschleierte Muslima.
Toleranz, lautet die Überschrift.
Die hübsche Asiatin ist aufgestanden und zu mir an die Tür gekommen. Mit einigen kurzen Bewegungen fährt sie sich durch ihr langes, schwarzes Haar. Sie riecht gut. Ich sehe ihr Gesicht in der Glasscheibe spiegeln, und einen Moment lang glaube ich, sie lächelt mich an. Aber sie lächelt wohl nur ihr Spiegelbild an.
Ich schiebe die Tür auf und stoße mit meinem Trolley ungeschickt gegen ihr Schienbein. Ich entschuldige mich. Sie zischt mir etwas zu. Ich hebe den Kopf und sehe sie an.
Zurückbleiben bitte, tönt die Lautsprecherdurchsage. Die Asiatin rennt davon. Ich glaube fast, ich habe ihr Angst gemacht.
Das Viertel ist noch recht belebt, als ich zu Fuß auf meine Wohnung zusteuere. Über drei Jahre schon wohne ich hier. Den Kontakt zu meinen Eltern habe ich abgebrochen, seit sie sich getrennt haben. Meine Mutter lebt inzwischen mit einem Jugoslawen zusammen, einem Typen mit einem brutalen Gesicht, der mit seinen Kriegserlebnissen im Kosovo prahlt. Und mein Vater ist seit Jahren dabei, sich totzusaufen. Ich habe ihn zuletzt zu seinem Geburtstag angerufen, er konnte sich nicht mehr an mich erinnern. Irgendein Sozialbetreuer kümmert sich um ihn.
Ich überlege, ob ich noch ein Bier trinken gehen soll. Aber allmählich muss ich wieder an das Geld denken. Die Verträge mit der Kulturbehörde hat Zahra unterschrieben, mein Honorar bekam ich mehr oder weniger schwarz. Offiziell bin ich eine Ich-AG, als freiberuflicher Dramaturg in der Künstlersozialkasse registriert. Ein paar hundert Euro habe ich noch auf dem Girokonto, das ist alles.
Von der Kirchenuhr schlägt es elf. Ich spüre, wie der Trolley an meinem Handgelenk zerrt und der Schweiß den Hemdkragen hinunterläuft. Ich fühle mich kraftlos, vielleicht sollte ich mal wieder Sport machen. Ich bin ein guter Dauerläufer, schon in der Schule war das so. Aber wenigstens ist diese Wut wieder vergangen. Meine Güte, vorhin in der U-Bahn, da hätte ich tatsächlich fast die Kontrolle verloren.
Zurückbleiben bitte. Na toll! Ich bin fast dreißig, verdammt.
Hinter der nächsten Kreuzung bin ich Zuhause. Zwei Zimmer in einem hässlichen Wohnblock, umgeben von Menschen, die ich nicht kenne und eigentlich auch nicht kennen will.
Als ich in die Straße einkehre, werde ich von Blaulicht geblendet. Während ich weitergehe, versuche ich Einzelheiten zu erkennen. Da ist ein riesiger Sattelschlepper, der auf der Höhe meines Hauses quer über der Straße steht, vor ihm zwei Streifenwagen. An einem der Streifenwagen lehnt ein Polizist und spricht etwas in ein Funkgerät.
Ich gehe weiter. Jetzt sehe ich, dass direkt unter dem Kirschbaum vor dem Hauseingang jemand steht und eine Art Luftgitarre spielt. Es ist dieser Idiot, der schräg unter mir wohnt, ein schmaler Typ mit einem Gesicht wie ein Zombie. Er hat die Augen geschlossen, und während ich näher komme, höre ich sein groteskes Wimmern.
Dann höre ich noch etwas. Ich schaue hoch. Aus einem geöffneten Fenster lehnen die ältere Frau von schräg über mir sowie mein Etagennachbar, arbeitslos ist der, glaube ich. Sie singen etwas. Es klingt wie »Happy Birthday.«
»Wohnen Sie hier etwa?«, fragt mich der Polizist mit dem Funkgerät. Er mustert mich mit ungläubigem Grinsen, als hätte er noch nie einen Mann mit Fliege und Trolley gesehen.
Ich nicke ihm zu.
»Einer ihrer Nachbarn hat verrückt gespielt«, sagt er. Er deutet auf den Sattelschlepper. »Stellt das Ding hier einfach ab und läuft in seine Wohnung, weil ihn angeblich seine Frau verlassen wollte. Wir haben ihn vorerst in Gewahrsam genommen. Die Belästigungen werden allerdings noch etwas dauern. Wir warten auf einen Kollegen, der dieses Monstrum wegfährt.«
Hinter dem Streifenwagen sehe ich einige Gaffer stehen. Eine rothaarige Frau in Morgenmantel ist darunter, ich glaube, sie wohnt in dem Haus gegenüber. Sie hat sich an einen Südländer gelehnt und starrt mit einem merkwürdig entrückten Lächeln auf das Chaos vor ihr. Ich hebe meinen Trolley über das Rasenstück und gehe auf die Haustür zu. Der Zombie spielt noch immer Luftgitarre. Und die beiden oben singen weiter ihr »Happy Birthday.«
Im Hausflur ist es still, so still, dass ich für einen Moment glaube, das eben ist nur eine Art Traum gewesen, so wie dieser ganze verdammte Tag nur ein Traum gewesen ist, ein Alptraum. Ich öffne den Briefkasten. Nichts, nur so ein dämlicher Pizzaflyer.
Das Licht geht aus. Das Blaulicht der Streifenwagen dringt durch die runden Milchglasscheiben des Treppenhauses, während ich die Stufen zu meiner Wohnung hochgehe. Vielleicht sollte ich morgen doch noch einmal Zahra anrufen, überlege ich. Hier kann und will ich nicht leben. Mein Leben gehört dem Theater, der Kunst.
Auf dem Fußabtreter liegt die Theaterzeitschrift, die ich abonniert habe. Wird die Alte wohl mit hochgebracht haben, überlege ich, die einzig Normale in diesem Irrenhaus, bis vor kurzem zumindest. Als ich meine Wohnung aufschließen will, höre ich über mir eine Tür aufgehen. Mein Etagennachbar grinst mich über das Treppengeländer hinweg an.
»Hallo, Herr Fliege«, ruft er. Offenbar ist er betrunken. »Ab heute ist Schluss mit dem Alleinsein, hören Sie? Wir zeigen es denen, hören Sie?«
»Ja ja«, rufe ich zurück. Ich öffne die Wohnungstür und husche hinein.
Happy Birthday schallt es durch die zufallende Tür.

.


Einstell-Datum: 2005-08-06

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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