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Reflektionen
Autor: Wolfgang Hengstmann · Rubrik:
Kurzgeschichten

Du bist eine Frau, deren Lächeln

die Sonne aufgehen lässt,

und deren Augen wie ein Sternenhimmel

in tiefer Nacht funkeln und strahlen

Dante Aleghieri an seine Beatrice

Er seufzte tief, legte das Büchlein , mit dem vom häufigen Gebrauch verschlissenem Einband zur Seite. Komisch, dachte er, das hatte ein Mann vor mehr als siebenhundert Jahren geschrieben, und es drückte genau die Gefühle aus, die ihn momentan übermannten. „Vita Nuove" las er in fein gestochenen Buchstaben auf dem Deckel des Buches. Seit er denken konnte, hatte dieses Bändchen, aus feinem grün gehaltenem Ziegenleder gebunden und mit Goldornamenten auf dem Rücken verziert, sein Leben begleitet. Seit er denken konnte, nein natürlich nicht ganz solange. Jetzt erinnerte er sich, sein Großvater Valerio hatte es ihm kurz vor dem Abitur geschenkt. Valerio, er sah den alten Mann genau vor sich. Schon damals ging er gebeugt, immer im dunklen Anzug, den Kopf mit einem etwas zerschlissenen Strohhut bedeckt, die Straße, die vom Hof zur Trattoria führte hinab. Er lächelte, nahm das Bändchen noch einmal in die Hand, schlug die Verse auf, die ihm so viel bedeuteten, las sie im Dämmerlicht, das durch die staubigen Vorhänge gefiltert wurde und dachte an sie.

„Eva, ciara, wo immer du jetzt sein magst, ich hätte mit dir gehen sollen. Ich konnte nie wieder eine Frau auf solch verzehrende Art lieben wie dich. Warum weiß ein Mann nicht, wohin er gehört. Sicher die Karriere war mir damals wichtig, und Eva, du hättest vieles nicht toleriert, manche meiner Gewohnheiten nicht akzeptiert. Ich habe meinen Weg gemacht, bin oben angelangt. War es das, was ich vom Leben wollte? Nun ich beginne zu begreifen, das Macht und Reichtum nicht alles ist. Das ohne die Liebe zu dir, die ich tief in mir vergraben hatte, die immer unter dem Deckel meines kontrollierenden Verstandes verborgen war, mein Leben keinen wirklichen Inhalt hatte. Man sprach mit Ehrerbietung von mir, manchmal fürchteten die Menschen mich auch, viele hatten Respekt vor meinen Worten, und sicher habe ich auch vielen Leid zugefügt. Ich habe die Macht genossen, die auf eine Geste von mir hin ausgeübt wurde. Und jetzt war ich alt, wie mein Großvater vor so vielen Jahren, stand am Ende meines Daseins. Mein Weg war gegangen, viele Spuren hatte ich hinterlassen, Dinge, die mir manchmal böse Träume bereiteten. Einmal noch werde ich diese Zeilen lesen, Bella Gioia, ein einziges Mal noch.

Du bist eine Frau, deren Lächeln

die Sonne aufgehen lässt,

und deren Augen wie ein Sternenhimmel

in tiefer Nacht funkeln und strahlen

Das Telefon klingelte, Leone war am Hörer, eine letzte Warnung, ein vergeblicher Aufruf zur Flucht. Zu spät, ich hatte die Schatten schon bemerkt. Ich wollte meinem Schicksal nicht entgehen, zu oft hatte ich das schon getan. Ich seufzte, legte die Verse auf die Platte meines schweren eichenen Schreibtischs, schaute auf meine silberne ziselierte Taschenuhr und blickte auf die Tür. Jeden Augenblick mussten sie kommen. Sie machten sich nicht die Mühe unbemerkt zu bleiben. Ich hörte das leise quietschen der Sohlen auf dem Marmorboden. Jetzt waren sie an der Tür zu meinem Büro angelangt. Splitternd flog die Tür aus den Angeln. Ich sah auf, hatte keine Angst mehr vor dem unvermeidlichen Ende. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen, war den falschen Weg gegangen. Eva, mi tesora, verzeih mir.

Gestern Nachmittag starb Don Sergio, einer der brutalsten Bosse der Mafia, unter dem Kugelhagel zweier Killer.

ENDE


Einstell-Datum: 2007-03-18

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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