Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 



Save Ukraine!
Save Ukraine!


Amnesty International

Love all Animals

 
Schicksal-Wettbewerbsbeitrag:"ES says..."
Autor: Peter Schott · Rubrik:
Sonstiges

Hey, da ist ja schon wieder so eine Nachricht. Unverwechselbar. An mich adressiert. Ohne Absender. "ES" hat sich also wieder gemeldet. Täglich, oft sogar alle paar Stunden, finde ich Neuigkeiten von ES. Warum ich ES "ES" nenne? Aus reiner Verlegenheit, weil ich noch nicht heraus gefunden habe, wie ES tatsächlich heißt. Denn leider fand ich noch nie eine Spur oder Hinweis auf einen Namen. Ob ich will oder nicht: ES ist und bleibt geheimnisvoll! Ich spüre nur, dass ES da ist.

Ich kenne ES schon so lange ich denken kann. Ach, ich könnte Bücher über ES verfassen. Was habe ich nicht schon alles mit ES erlebt:

Manchmal schreibt ES seine Botschaften mit zittriger Handschrift. Dann spüre ich förmlich, wie sehr die Nachricht auch ES unsicher macht. Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen ES den Inhalt so schlampig dahin gekritzelt hat, dass ich ihn nur mühsam entziffern konnte. Aber das ist noch gar nichts gegen den Ärger, den ES mir bringt, wenn sein Bericht plötzlich mitten im Satz endet. Dann rätsle ich stundenlang hin und her, was ES wohl damit meint. Zum Glück kenne ich ES schon länger und kann mir manches zusammen reimen. Doch, offen gesagt, zuweilen liege ich total daneben. Dafür bin ich danach immer klüger. Oft verstehe ich den Sinn einer Nachricht erst im Nachhinein.

Gelegentlich beschleicht mich der unheimliche Verdacht, dass seine Botschaften göttliche Züge tragen. Ein anderes Mal kommt mir alles ziemlich verhext oder sogar teuflisch kriminell vor. Unzählige Male stelle ich mir dei Frage: "Was hat das denn wieder zu bedeuten?" Aus der Not heraus habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Das hilft oft weiter und macht manches leichter.

Ab und zu kommt die Information wie ein amtlicher Bescheid. Klar, hart, unmissverständlich und gnadenlos sind die formuliert. Das verheißt stets Ärger und Streß: Entweder muss ich dann eine besonders unangenehme Aufgabe anpacken oder etwas Schlimmes ausbaden. Oder ein strenges, undurchsichtiges Gesetz ist zu beachten. Nervig ist auch, wenn ich spüre, dass ES mir etwas Wichtiges sagen will, aber ewig um den heißen Brei herum redet. Dann werde ich ganz kribbelig.

Wenn ich gar nicht mehr weiter komme, zeige ich die Nachricht einem guten Freund. Habe ich Glück, dann hat er ähnliches zugestellt bekommen und wir können die Inhalte vergleichen. Das macht manches leichter. Sollte auch das nicht weiter helfen, dann tröstet mich wenigstens der Gedanke, dass auch andere ratlos über ES sind.

Bei manchen Äußerungen sagt mir mein siebter Sinn: Da steckt nichts Gutes dahinter. Meist habe ich recht und ES prophezeit ein schlimmes Unglück, z. B. Krankheit, Scheidung, Arbeitslosigkeit oder noch Übleres. Unter uns gesagt: Angangs habe ich versucht, diese schlechten Meldungen so schnell wie möglich zu verbrennen. Leider vergeblich. Das, was darin stand, trat mit 100%iger Gewissheit ein. Mensch, das sind dann die Augenblicke, in denen ich mich diesem verfluchten ES ohnmächtig ausgeliefert fühle. Der reinste Psycho-Terror! Na egal, ich versuche zumindest, mit all meiner Kraft das Beste daraus zu machen. Trotzdem: Auf manch schmerzliche Erfahrung würde ich liebend gern verzichten.

Am schrecklichsten sind die Meldungen mit schwarzen Trauerrand. Da zittere ich jedesmal am ganzen Körper und frage erschrocken: "Wer ist es diesmal?" Entsetzt stelle ich fest, dass die Einschläge von Jahr zu Jahr näher kommen. Und wie werden die reagieren, die eines Tages meinen Namen schwarz umrandet erhalten?

Zum Glück bringt ES mich auch immer wieder zum Lachen. Vor allem, wenn ES mir ein schönes Erlebnis ankündigt. Ich liebe ES, wenn eine tolle Überraschung kommt. Manchmal verschickt ES rührende Liebesbotschaften - verführerisch und voller Sehnsucht. Seufz, diesen Ereignissen könnte ich mich stundenlang hingeben.

Ab und zu hege ich den unheimlichen Verdacht, dass ES mit meinem Leben spielt. Bin ich diesem ES hilflos ausgeliefert? Hoffentlich hat ES einen gut durchdachten Plan. Wie organisiert ES die Weitergabe der Nachrichten? Liegen alle Mitteilungen an mich fertig geschrieben und fein säuberlich geordnet auf einem hohen Stoß? Und ES muss sie nur noch der Reihe nach abschicken? Oder mischt ES täglich die Ankündigungen kräftig durch und verteilt sie nach dem Zufallsprinzip? Was gäbe ich dafür, wenn mir einer diese Fragen beantworten könnte.

Mal ganz ehrlich: Sie bekommen doch auch Botschaften von ES, oder? Sie können ES ruhig zugeben. ES gehört zum Leben und ist keine Schande. Ich bin mir sicher: ES erreicht uns immer und überall, so wie es "ES" gefällt. Schauen sie sich doch einfach um...



Einstell-Datum: 2004-08-28

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 3.673.673.673.67 (3 Stimmen)

 

Kommentare


Zu diesem Objekt sind noch keine Kommentare vorhanden.

Um einen Kommentar zu diesem Text schreiben zu können, loggen Sie sich bitte ein!

Noch kein Mitglied bei versalia?



Vorheriger Text zurück zur Artikelübersicht Nächster Text


Lesen Sie andere Texte unserer Autoren:
Schicksal-Wettbewerbsbei... · Felle machen · Nun ja! ·

Weitere Texte aus folgenden Kategorien wählen:
Anekdoten · Aphorismen · Erotik · Erzählungen · Experimente · Fabeln · Humor & Satire · Kolumne · Kurzgeschichten · Lyrik · Phantastik · Philosophie · Pressemitteilungen · Reiseberichte · Sonstiges · Übersetzungen ·

Aus unseren Buchrezensionen


Mein ParisDoisneau, Robert:
Mein Paris
„Tu ne peux pas t`figurer comme je t`aime“ (Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich Dich liebe), heißt ein Lied, das die bildhübsche Akkordeonspielerin Pierette in den Vierteln um die Markthalle, die Ilot Chalon oder Canal Saint-Martin gesungen hat. Der Blick, den Doisneau von der unbekannten Schönen aus dem Osten einfängt [...]

-> Rezension lesen


 Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus GalizienPollack, Martin:
Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien
Bei der Buchpräsentation in der Wiener Hauptbibliothek am Gürtel liest ein bescheiden wirkender Martin Pollack aus seinem neuen Werk, das sich mit der Flucht von Juden aus Galizien Richtung Amerika beschäftigt. Er hat dabei wohl bewusst das Kapitel ausgewählt, in dem auch von Auschwitz die Rede ist, auf Polnisch Oswiecim, und erzählt [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?


Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.025237 sek.