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Schiffer im Jetzt
Autor: Wanderstein · Rubrik:
Kurzgeschichten

Schiffer im Jetzt

Es war ein warmer Tag und die Sonne glänzte an einem makellos blauen Himmel. Es war einer jener Tage, die Verliebte ganz besonders schätzen, überall sieht man an einem solchen Tag Pärchen umher streifen, sich küssen und unterhalten, sich liebend an abgelegenen Stränden.
Es war einer jener Tage, an welchem sich Schlipsträger und Punk zusammen ins Gras setzen, einen Joint rauchen, Geld haben und nicht haben einmal sein lassen und über das Wetter reden. Es war ein Tag, an dem man leben mußte um ihn zu genießen.
Solche Gedanken gingen in meinem Kopf herum, als auch ich mich anschickte ein bißchen zu leben. Ich begab mich an einen Platz, der mir etwas bedeutete, der uns etwas bedeutet hatte, um zu leben, um zu erleben und die Zeit für ein kurzes Jetzt anzuhalten. Ich ging, das Apollo links von mir lassend zu den Rheinwiesen, setze mich ins Gras und sah den Schiffen nach. Ich hatte einen Walkman dabei und hörte Simon and Garfunkel, daß war ihre Lieblingsmusik gewesen. Als die Stelle in Mrs. Robinson kam, „Heaven holds a place for those who pray“ und meine Augen sich mit Tränen füllten, da sah es keiner, den die dunklen Gläser meiner Brille hüllten mich in nichtssagende Distanziertheit. Und als der Walkman „bridge over troubled water“ spielte, da fühlte ich mich, als ob jeder Ton ein Regentropfen war, der auf meine Seele traf und leise verzischte. So konnte es manchmal sein, draußen schien die Sonne und in den Menschen regnete es trotzdem. Ich fragte mich, in wie vielen es nur deshalb regnete, weil draußen die Sonne schien und lächelte kurz in den Regen hinein, wegen soviel Dummheit.
Es hatte Grund, daß es in mir regnete, denn sie war tot, nunmehr seit zwei Wochen. Es war...Wir hatten eine wunderschöne Nacht zusammen, lagen unter dem wolkenfreien Himmel im Volksgarten, weil man dort die Sterne besser sehen konnte und rauchen einen Joint. Wir küßten uns und hielten uns in den Armen, sprachen über das Leben und uns in seiner Mitte, und was wir machen wollten, zusammen und jeder für sich.
Sie war nur kurz mit dem Fahrrad zur Tankstelle gefahren, es war vielleicht so gegen vier Uhr Morgens. Ich dachte daran, daß sie bestimmt kurz anhielt um den Mond anzusehen, der in dieser Nacht besonders voll leuchtete. Sie mochte den Mond und die Sonne, hatte Bilder und Tücher mit entsprechenden Motiven in unserer Wohnung aufgehängt. Auch auf dem Shirt, daß sie an diesem Abend trug, ich hatte es ihr zu ihrem 25ten vor einem halben Jahr geschenkt, war ein silberner Mond abgebildet.
Wie gesagt, es war so gegen vier Uhr Morgens gewesen, es war die Zeit da die ersten Nachtschwärmer sich anschickten, die Heimat aufzusuchen um dort zu schlafen, oder weiter zu leben, sich zu lieben oder traurig zu sein. Sie wollten dem Silber des ersten Sonnenlichtes entgehen und dem Lied der Vögel, von alledem, was Tag bedeutete.
Einer dieser Nachtschwärmer war es, der sie überfuhr. 200 Ps und zwei Tonnen Stahl zerdrückten ihren Körper, löschten ihr Leben aus, rissen aus der Welt, was ich am meisten liebte.
Sein früher Aufbruch hatte dem Nachtschwärmer nichts gebracht, er sah das Silber des ersten Morgenlichtes und hörte das Lied der Vögel: „Steht auf und regt euch, der Tag ist zum leben schön.“ Obwohl er doch eigentlich nur schlafen wollte.
Wenn ich zurück denke, dann fällt mir immer wieder ein, wie schön diese Nacht war, ein schwaches Glimmen von Mondlicht tauchte alles ins Unwirkliche, die Blätter der Bäume sahen so real aus, daß sie wieder unwirklich schienen und die Häuser und Straßen hatten etwas modellhaftes. Alles schien wie verzaubert und unwirklich. Es war jenes Mondlicht, daß Menschen dazu brachte verrückte Dinge zu tun und Liebende, sich unter dem freien Himmel nah zu sein.
Und doch starb sie in dieser Nacht, starb schnell. Nur Sekunden des Überflugs, von der vollen Wucht des Lebens nach oben getragen, gestiegen bis hinauf in den warmen Himmel.
Was wieder zur Erde fiel, zerschmettert von der Wucht des Frontgrills, war nichts mehr als das, was zu dieser Welt gehörte, was untrennbar mit ihr verbunden war, genauso schön und häßlich, bedeutend und unbedeutend wie alles andere in ihr.
Gestern haben wir, was uns von ihr blieb der Erde wieder übereignet, den Kreis geschlossen, der alles wieder von vorne beginnen läßt und dafür sorgt, daß es nie endet.
Und ich mußte daran denken, daß die Erde sich immer weiter drehte, egal ob es regnete oder die Sonne schien, was für beide Welten galt: die Innere wie die Äußere. Und mit ihr, mit der Welt änderten sich die Menschen, wurden freudig, erfüllt, müde und leer, zufrieden, glücklich und traurig. Schon manches, was wir liebten ging aus dieser Welt und es wird noch oftmals so kommen, daß etwas, was wir lieben aus ihr genommen wird.
Aber das war natürlich kein Trost, nicht für mich, noch für einen anderen Trauernden oder Freudigen. Es war eine Tatsache mit der man leben mußte, auch oder gerade an so einem schönen Tag wie heute. Man mußte heute leben, das wurde mir klar, denn morgen konnte es schon wieder regnen.
Der Gedanke spendete mir Hoffnung, nicht viel, aber ein wenig. Es war gut zu wissen, daß alles noch offen war für uns, die wir noch am Leben waren. Aber trösten konnte mich das auch nicht.
Sie war fort gegangen, aber es war keineswegs so, als wäre sie nie da gewesen. Alles, was einmal Teil dieser Welt war, hinterließ Spuren in seiner Zeit, hinterließ Erinnerungen, hinterließ Gegenstände, ließ überall sein Zeichen, sei es in der Ding oder der Geisteswelt.
Ich erinnerte mich an einen Abend, an dem es ganz fürchterlich stürmte, der Wind riß an unseren Haaren und Mänteln, ein kalter Regen schnitt uns ins Gesicht, während wir den Vater Rhein entlang spazierten. Doch wir störten uns nicht daran, nahmen uns in den Arm und schauten uns gegenseitig in die Augen. Und ich konnte sehen, wie die Sonne in ihr schien und das Regen und Sturm für uns nicht galten, nicht existierten.
Ich schreckte aus meinen Träumen, als die Seite mit einem Klack zu Ende ging. Auf der anderen Seite, war Pink Floyd. Die hatte ich immer gehört, wenn ich mit Liebeskummer wegen ihr alleine am Rhein saß und nachdachte. Während ich die Kassette umdrehte, fiel mein Blick auf die Bäume neben dem Apollo, und ich mußte an sie denken, wie ich sie unter diesen Bäumen das erste mal geküsst hatte. Die Zeit war stehen geblieben, Vergangenheit und Zukunft gab es nicht, es war, wir waren nur in einem ausdehnungslosen Jetzt existent, das ewig dauern hätte können. Danach setzten wir uns auf die Wiesen, Arm in Arm und schauten den Schiffen nach, die den Rhein hinunter und hinauf fuhren.
Alles um mich herum sprach ihren Namen, die Luft, die ich atmete war dieselbe, die auch sie geatmet hatte. Meine Welt war durch sie eine andere geworden, so wie ich durch sie ein anderer geworden war. Und auf einmal stieg in mir eine tiefe Dankbarkeit auf – dafür, daß es sie gegeben hatte, daß ich sie gekannt hatte, daß wir zusammen gewesen waren.
Und während ich dies dachte und der Trost meine heiße Seele zu kühlen begann, blickte mein Auge in ihrem Gedenken träumend auf den Rhein und sah den Schiffen nach, die hinter der nächsten Flußbiegung verschwanden.


Einstell-Datum: 2007-01-19

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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