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Spätherbst
Autor: Karsten Rube · Rubrik:
Humor & Satire

Eines Nachts kommt der erste Frost, noch nicht alles einschläfernd, aber ausreichend um den Nussbaum auf dem Hof, der Tags noch mit seinen gelben Blättern angab, bis zum Morgen vollkommen nackt dastehen zu lassen. Alles ist kahl und der goldene Herbst weicht all zu schnell dem nebligen Grau, dem feuchten, verfaulenden Laubgeruch, dem morschen Holz.
Die Laubpuster müssen ihre Maschinen auf volle Kraft drehen, die stärkste und lauteste Stufe, denn das feuchte Laub lässt sich nur schlecht hochwirbeln. Vereinzelt greifen die Rekruten der Laubbefreiungsarmee sogar zur Laubharke, mit der sie missmutig auf dem Steinpflaster herumkratzen, zumindest so lange sie sich sicher sein können, dass sich noch irgendwo jemand im Bett umdreht.
Besonders gut erkennbar sind jetzt die Eichhörnchen, die sich mit den Krähen und Eichelhähern um das Beseitigen herumliegender Nüsse und Kastanien verdient machen. Wenn sie rot leuchtend durch die Äste schießen, von Baum zu Baum fliegen oder mit ihrem gut trainierten Hinterteil an der Baumrinde kleben, die Ohren schön nach oben, erfüllen sie alle Anforderungen, die man an den Begriff possierlich stellen möchte.
Die kleinen süßen Nager gehören in dieselbe Familie wie die Ratten. Halt, das stimmt nicht. Die Familie ist die des Hörnchens, die Ordnung ist die der Nagetiere. Eichhörnchen gehören also in dieselbe Ordnung, wie die Ratten, nur letztere finden nicht alle Menschen possierlich. Auch Meerschweinchen gehören dazu. Das Verhältnis des Menschen zu den einzelnen Tieren scheint da nicht ganz klar orientiert zu sein. Während man als Erziehungsberechtigter eines mittelkleinen Kindes gern gewillt ist ein Meerschweinchen, und wenn man könnte auch ein Eichhörnchen ins Kinderzimmer zu stellen, möchte man das mit einer Ratte ungern tun. Vielleicht hat man Angst davor, dass die Ratte zu intelligent ist und einen irgendwie hintergeht.
Doch selbst bei größerer Distanz ist es verwunderlich wie süß man es findet, wenn ein Eichhörnchen eine Nuss von der Terrasse stiehlt und wie entsetzt, wenn eine Ratte das gleiche tut.

Im Spätherbst klopfen die Meisen an mein Futterhaus.
"Würmer sind alle und Miniermotten auch," scheinen sie zu sagen. "Her mit dem Winterfutter, aber ein bisschen plötzlich."
Beim Frühstück genieße ich die Gesellschaft der Vögel am Küchenfenster. Die kleine Blaumeise mit der Tonsur, der adrette Kohlmeiserich mit dem Backenbart, der grüne Grünfink, der Kleiber, der Spatz, das Rotkehlchen und der rotgesichtige Stieglitz, alle treffen sich beim Picknick vor meinem Fenster.
Gegenüber auf der Regenrinne sitzt eine Horde Tauben, grau und verhärmt, wie eine Traube Kopftuch tragender Hausfrauen nach erfolglosem Winterschlussverkauf. Neidisch blicken sie auf das viel zu kleine Futterhaus.
Der Herbstvogel Nummer eins ist die Nebelkrähe, die auf dem nahen Friedhof auf dem Grabstein hockt und ein Lied von Tod und Vergeblichkeit zwitschert.

Für viele Menschen ist kaum ein Monat so trostlos wie der Spätherbstmonat November. Feucht und finster sorgt dieser sonnenferne Monat für düstere Gedanken. Die Hände versinken in den Manteltaschen, die Schultern werden nach oben gezogen. Radsportler in buntem Dress gibt es nur noch wenige und die müssen es schon verdammt ernst meinen. Sonne holt man sich im Sonnenstudio oder im Reisebüro. Die ideale musikalische Begleitung für den November ist Elvis Costellos CD "North", alles von Leonard Cohen oder Mozarts Requiem.
Im spätherbstlichen November bedeckt man die Gräber seiner Verblichenen. Man macht sich Gedanken über sein eigenes Ende, das sich Tag für Tag um einen Tag nähert. Vielleicht sollte man auch im Winter Sport treiben, denke ich sich, während ich gleichzeitig an die seelenaufhellende Wirkung einer Tafel Schokolade glaubt. Sportstudios verzeichnen Gewinnzuwächse. Wie machen die das bloß, wenn der Normalbürger genauso so faul ist, wie ich selbst.
Beim Parkspaziergang muss ich nicht mehr so häufig den Joggern ausweichen. Wer will schon freiwillig bei diesem feuchten Mistwetter in Sportklamotten rumrennen. Die tun einem ja so Leid die Jogger, fast wie die Hundebesitzer, die auch bei jedem Wetter raus müssen. Nordic Walker hingegen nehmen wieder zu. An Zahl, ob an Gewicht kann ich nicht sagen. Sie bedrohen ihre Umwelt mit den Stöcken in ihren Händen. Ich bin ganz froh darüber immer noch ohne Krücken laufen zu können.
Abends tauchen die Nebel unvermittelt aus den Gullys wie
Halloweengeister.
Halloween, ein echter Feiertag für Nebelwetter, hat sich auch in Deutschland ausgebreitet. Während Brandenburg den Reformationstag als Feiertag in Berliner Kaufhäusern verbringt, rasseln die eingeborenen Kinder mit Ketten aus Plaste und Masken aus Pappmaché vor den Wohnungstüren herum und machen ein lautes Angebot: "Süße oder Saures". Da schrecke ich jedes Mal aus dem Genuss einer friedvollen Halloweenfolge der Simpsons hoch.
In den letzten Jahren scheint der Brauch aber wieder abzuflauen, zumindest klingelt kaum noch einer bei mir, seit ich mir angewöhnt habe, die Frage nach "Süßem oder Saurem" dahingehend zu beantworten, dass die Fragenden in eine Schüssel mit sauren Gurken greifen dürfen.
Wenn am Martinstag die letzten Gespenster ihre Lampions verkokelnd ins Gebüsch geschmissen haben und die beiden Trauersonntage auf die menschliche Stimmung drücken, wird es allmählich Zeit sich wieder ins Licht zu begeben. Der Advent macht mit seinen Weihnachtsmärkten und Süßwarenbombardements alle Hoffnungen auf eine angenehme Figur im neuen Jahr zunichte, die bunten Lampen werden aufgehängt und die nervöse Weihnachtsdiskobeleuchtung verblitzt einem die an trüberes Licht gewohnten Augen.
Endlich darf man auf freundlichen Frost hoffen und auf die Illusion einer fröhlicheren, gnadenbringenden Zeit.


Einstell-Datum: 2008-11-09

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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