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Heute keine Kreuzigung
Autor: Gaby Kern · Rubrik:
Kurzgeschichten

5. Mai 2002

Alt war er eigentlich noch nicht. Zu jung zum Sterben jedenfalls, hätte er nicht den Tod herbei gesehnt wie ein Ertrinkender die Wasseroberfläche. Die Wasseroberfläche, das war für ihn die Erlösung, die seiner Gefangenschaft ein Ende machen würde.

Schauspieler weiterhin im Koma

Der Schauspieler Abner Wishart, bekannt als Darsteller des „Jesus“ im „Holy Land“-Park, liegt immer noch im Koma, wie Pressesprecher John Hadley unserer Zeitung mitteilte. Wishart hatte während der Kreuzigungsszene einen Schlaganfall erlitten (der Orlando Courier berichtete). Laut Aussage der behandelnden Ärzte bestehe nur wenig Hoffnung auf eine Genesung des 33-Jährigen.

Melissa besuchte ihn jeden Tag.
Seine süße Melissa. Wenn sie das Krankenzimmer betrat, konnte er Tränen in ihren Augen sehen, aber sie blieb tapfer. Sie sprach mit ihm, erzählte ihm von den Kindern, brachte Grüße von Freunden und plapperte betont fröhlich vor sich hin.

Er spürte, wieviel Kraft es sie kostete, so zu tun, als sei Nichts geschehen, als würde er gleich aufwachen und sich munter an dem Gespräch beteiligen, sie von diesem endlosen Monolog erlösen.

Wie gern hätte er ihr geantwortet, ihr wenigstens ein Zeichen gegeben, das ihr sagte: „Ich bin noch da. Ich höre Dir zu!“ Er hasste diesen Körper, der ihm den Dienst versagte.Keinen Finger konnte er rühren, selbst seine Augenlider schienen nicht zu ihm zu gehören. So sehr er sich auch anstrengte, kein noch so leiser Ton kam über seine Lippen.

Sie brachte die Kinder nie mit und das war auch gut so. Sie sollten ihren Vater in guter Erinnerung behalten.
Er wollte nicht, dass die Kleinen mit ansehen mussten, wie der Mensch, der einmal ihr bester Freund gewesen war, ihr Spielkamerad, ihr unbezwingbarer Held und liebster Märchenerzähler, in diesem Bett lag, an Maschinen angeschlossen, die Sauerstoff in seine Lungen pumpten, sein Herz künstlich zum Schlagen zwangen.

20. August 2002

Melissa besuchte ihn jetzt seltener. Das Leben sei schwieriger geworden, sagte sie. Sicher hatte sie Recht damit. Er durfte nicht vergessen, dass seine nicht unbeträchtliche Gage weg fiel, seit er hier lag.

Für eine Weile hatten seine Arbeitgeber sich kulant gezeigt und Melissa regelmäßig Schecks geschickt. Sie hatte es ihm erzählt. Aber jetzt war das vorbei. Melissa hatte ihren alten Job annehmen müssen.
Ein Glück, dass ihre Eltern in der Nähe wohnten und sich um die Kleinen kümmern konnten, während Melissa sich Tag für Tag durch Aktenberge wühlte.

Wenn sie ihn doch endlich sterben lassen würden. Als sie damals geheiratet hatten, gerade rechtzeitig, damit Jackie als eheliches Kind das Licht der Welt erblickte, hatte er eine Lebensversicherung abgeschlossen.

Noch vor ein paar Jahren hätte er über die Vorstellung gelacht, sein Leben zu versichern. Nein, eine Lebensversicherung brauchte er damals nicht. Er war ein Hallodri gewesen, hatte in den Tag hinein gelebt. Seinen Lebensunterhalt hatte er in heruntergekommenen Theatern verdient, als Statist oder Nebenakteur in drittklassigen Theaterinszenierungen. Nur sich selbst war er verantwortlich gewesen und diesen Zustand hatte er genossen.

Doch dann hatte er Melissa getroffen. Wie ein Orkan war sie in sein Leben gebraust, hatte ihm gezeigt, was es bedeutete Liebe, Vertrauen und Geborgenheit zu empfangen und zu schenken. Als die morgendliche Übelkeit Jackies Ankunft ankündigte, da wusste er, er war bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Die Lebensversicherung war ein Zeichen dafür gewesen. Zum ersten Mal im Leben hatte er vorgesorgt.

Wenn sie ihn doch nur sterben ließen. Dann wären Melissa und die Kleinen versorgt. Sie würde nicht mehr Tag für Tag zur Arbeit gehen müssen und könnte endlich wieder das sein, was sie sich immer gewünscht hatte: Vollzeitmutter.

Zustand unverändert

Auch Monate nach dem erlittenen Schlaganfall (der Orlando Courier berichtete), gibt es für den Schauspieler Abner Wishart nahezu keine Hoffnung mehr. „Er kann nur mit Hilfe der Maschinen überleben“, äußerte sich seine Frau Melissa gegenüber der Presse. Ob sie dem Abschalten der Geräte zustimmen werde, könne sie zum augenblicklichen Zeitpunkt noch nicht sagen. „Ich, das heißt WIR, hoffen immer noch auf ein Wunder.“


15. September 2002

Melissa war seit zwei Tagen nicht bei ihm gewesen. Er machte sich Sorgen um sie. Bei ihren letzten Besuchen hatte sie stiller gewirkt, bedrückt, zerbrechlich. Kein Wunder – es musste ja alles zu viel für sie sein.

Sie war immer so stark gewesen. Damals, als er fast verzweifelte, weil er kein Engagement mehr bekam, als er sich und seine kleine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, damals war sie es gewesen, die an ihn geglaubt hatte, die nie klagte und sich bemühte, die Hoffnung auf besser Zeiten zu bewahren. Und bessere Zeiten, die hatte sie wirklich verdient.

Und dann, ja, dann war ihm, war ihnen, der Zufall zu Hilfe gekommen.

Im Supermarkt.
Abner hatte gerade zwei Flaschen Milch aus dem Kühlregal genommen, als er ihn sah.
Ein Mann starrte ihn unverhohlen an. Das war Abner noch nie passiert und er fühlte sich unbehaglich. Die Blicke des Fremden brannten in seinem Nacken, als er sich umwandte und anschickte, zur Kasse zu gehen.

„Hey Mann, genau Dich habe ich gesucht“, rief der Fremde und erreichte damit, dass Abner sich erstaunt zu ihm umdrehte. Geradezu euphorisch hatte diese Stimme geklungen.
Abner kramte in seinem Gedächtnis. Hatte er den Mann schon einmal irgendwo gesehen? War er vielleicht ein Mitschüler gewesen, den er jetzt nicht wieder erkannte? Nein, er kannte diesen Mann nicht. Nach kurzem Überlegen war sich Abner sicher.
Noch während Abner grübelte, kam sein Gegenüber zur Sache: „Du bist unser Jesus! Du lässt einfach Deine Haare wachsen – nein, besser: wir lassen Dir eine Perücke machen. Ein Bärtchen kriegst du allein hin, oder?“ grinste er breit, während Abner ihn noch immer verständnislos anstarrte.

Dieser Typ musste verrückt sein, oder Mitglied einer völlig abgedrehten Sekte. Er würde ihn einfach stehen lassen. Der Fremde musste jedoch selbst bemerkt haben, dass sein Verhalten nicht gerade dazu angetan gewesen war, ernstgemeintes Interesse bei seinem Gegenüber zu erregen. Er schüttete sich schier aus vor Lachen über diese Situation, was den Eindruck von einem Irren nicht unbedingt milderte.

„Kumpel, komm mit auf ein Bier. Ich bin nur halb so verrückt, wie Du denkst. Ich will Dir erklären, was ich meine. Und übrigens: mein Name ist Mike. Mike Poindexter.

Zu seiner eigenen Überraschung hatte Abner eingewilligt und sich kurz darauf in einer Kneipe vorgefunden, in der Hand ein Glas Bier, vor sich Mike Poindexter.

„Hast du jemals von „Holy Land“ gehört?“ Natürlich hatte Abner davon gehört. Das war ein millionenschweres Projekt, das in Florida für heftige politische und religiöse Kontroversen gesorgt hatte. Eine Art biblisches Museum.

„Du weißt, dass Holy Land in genau zwei Monaten eröffnet wird?“, hatte Mike gefragt. Nein, das hatte Abner nicht gewusst. In der letzten Zeit war er damit beschäftigt gewesen, den Unterhalt für seine Familie zu verdienen. Da er noch nie sonderlich religiös gewesen war, hatte er das Thema „Holy Land“ in die Schublade „Ideen, die die Welt nicht braucht“ irgendwo in der hinteren Ecke seines Verstandes abgelegt.

„Also, pass mal auf, mein Junge. Ich will Dir mal erklären, was ich eigentlich von Dir will. Du siehst aus, wie der perfekte Jesus. Deine Augen, Dein Gesicht – so und nicht anders muss er ausgesehen haben.
Und stell Dir vor: genau diesen Jesus brauchen wir noch für unsere Show. Du musst nichts weiter tun, als in weiten Gewändern und antiquierten Badelatschen durch den Park zu spazieren. Ein bisschen Text wirst Du Dir doch merken können, oder?“ fragte Mike und gab Abner einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf. Mikes Begeisterung kannte keine Grenzen mehr, als er von Abners schauspielerischer Ausbildung erfuhr. „Junge, Dich schickt der Himmel!“ rief er aus.

Ja, so war das gewesen vor nunmehr drei Jahren. Vom Tag der Eröffnung an hatte Abner die Hauptrolle gespielt und wurde zweimal täglich ans Kreuz genagelt.

Die Zuschauer waren jedesmal ergriffen von der Szenerie, schienen völlig zu vergessen, dass dies alles nur Theater war. Manchmal, wenn sein Kopf im Tod zur Seite sank, hörte Abner sie sogar schluchzen. Die Menschen litten. So wie sie beim echten Tod des echten Jesus gelitten haben mussten.

Und Abner fühlte sich schuldig. Es war ihm unbehaglich bei dem Gedanken, was wohl der echte Jesus tun und sagen würde, könnte er sein Ebenbild dort am Kreuz hängen sehen, umringt von einer mit jeder Vorstellung größer werdenden Zahl Schaulustiger.

Seine Gage entschädigte ihn jedes Mal für diese Unbehaglichkeit und regelmäßig musste Abner alle Kraft aufbieten, um nicht zu lächeln, wenn er an seine Familie dachte, an Melissa, Jackie und den kleinen Josh, der seit ein paar Monaten das Glück der Familie bereicherte. Ein lächelnder Jesus am Kreuz, das hätten ihm die Zuschauer sicher übel genommen.

29. September 2002

Maschinen werden abgeschaltet

Nach monatelangem Koma hat der Schauspieler Abner Wishart am gestrigen Sonntag den endgültigen Hirntod erlitten, wie uns ein Sprecher des Old-Saints-Krankenhauses mitteilte. Die Ehefrau, Melissa Wishart, habe dem Abschalten der Geräte für den heutigen Tag zugestimmt. Unser Mitgefühl gilt ihr und den gemeinsamen Kindern Jacqueline und Josh.

30. September 2002

Trauernde legen Blumen nieder

Seit der Nachricht vom Tod des Schauspielers Abner Wishart legten im Holy Land unzählige Besucher Blumen nieder. Das Kreuz,
an dem Wishart fast drei Jahre lang den Christus verkörperte, um dort „stellvertretend für Jesus“ zu sterben, wie Wishart zu Lebzeiten bemerkte und an dem der 33-Jährige während der Schlussszene den folgenschweren Schlaganfall erlitt, wird von Blumen und Trauerkarten gesäumt.
1. Oktober 2002

Leichnam verschwunden

Der Leichnam des am Montag verstorbenen Jesus-Darstellers Abner Wishart ist spurlos verschwunden. Pressesprecher John Hadley teilte in einer Pressekonferenz mit, dass die Ehefrau des Verstorbenen den Sarg leer vorfand, als sie vor Beginn der offiziellen Trauerfeier noch einmal allein Abschied von ihrem geliebten Mann nehmen wollte.
Die Polizei sei bisher auf keinerlei Hinweise gestoßen, die auf einen Einbruch hindeuten.
Das mysteriöse Verschwinden der Leiche könne jedoch, so der Pressesprecher weiter, nur auf einen üblen Scherz zurück zu führen sein.



An diesem Tag und allen vielen weiteren Tagen fand sich neben der Kasse des „Holy Land“ ein Schild: „Heute keine Kreuzigung“.


Einstell-Datum: 2003-09-10

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 2.52.52.5 (2 Stimmen)

 

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