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Theorie und Praxis
Autor: Demetrius · Rubrik:
Fabeln

In diesem Land gab es einen bisher unbezwungenen Berggipfel. Viele versuchten schon den Gipfel zu erreichen, doch noch keiner hat es geschafft. Am Fuße des Berges saßen mehrere eifrige Theoretiker im gemütlichen Zelt und diskutierten mit vollem Bauch bei Spießbraten am Lagerfeuer, wie dieser Berg zu bezwingen sei. Jeder hatte andere schlaue Sprüche drauf ... so geht es ... so geht es nicht ... das ist die Voraussetzung ... so muß das Wetter sein ... nur zu dieser Jahreszeit ... ist dieser Berg zu bezwingen.

Eines Tages kamen 3 Menschen aus fernen Landen, die von diesem Berg hörten, und ihn bezwingen wollten. Nennen wir diese drei einfach - A - B - C. Sie erzählten den Theoretikern ihr Vorhaben, dann machte sich jeder für sich, seiner individuellen Art entsprechend auf den Weg zum Gipfel. Die Theoretiker diskutierten weiter ... der schafft es, der schafft es nicht.
Nach Wochen kam der Erste (A) zurück, und berichtete den Theoretikern von seinem Weg zum Gipfel: So bezwang ich diesen Berg: Am Anfang waren da Gräser, Büsche und Bäume. Später kam ich in eine Sumpflandschaft, in der ich fast hängen geblieben wäre. Daraus hervortretend hatte ich die Erste Übersicht. Von da an ging es steil bergauf mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden, bis ich eine hohe Plattform erreichte. Hier dachte ich schon den Gipfel erreicht zu haben. Die Übersicht raubte mir die Sinne und ich stürzte ab. Mit großer Anstrengung rappelte ich mich auf und suchte weiter nach dem Gipfel. Durch Verirrungen in Höhlengängen kam ich endlich wieder an´s Licht. Hier war der Gipfel schon greifbar nahe. Ich sage Euch: "Ja, fast von alleine wurde ich zum Gipfel geführt". So war mein Weg!
Der zu Weisheit gelangte erzählte es, und ging seines Weges.

Die Theoretiker aber stritten ... war der nun wirklich oben oder nicht ... entspricht seine Wegbeschreibung der Wahrheit, oder hat er sich nur etwas ausgedacht ... er hat uns keinen Beweis mitgebracht.
Nach Wochen kam der Zweite (B) zurück, und berichtete den Theoretikern von seinem Weg zum Gipfel: So bezwang ich diesen Berg: Ich sammelte mir erst die richtige Ausrüstung, und genügend Lebensmittel, um mich auf den langen Weg machen zu können. Als ich meinen Rücken schwer beladen hatte, und mich auf den Weg machte, wurde mir mein Gepäck zu schwer zu ertragen. So war ich gezwungen, was mir vorher noch wichtig und unentbehrlich erschien, abzuwerfen. Durch das Abwerfen der Last fühlte ich mich bedeutend wohler. Ja, FREI fühlte ich mich. Doch der Weg ging weiter, und wurde immer steiler. Und wieder mußte ich mich nach und nach von unnötig erkanntem Ballast befreien, um diesen steilen Hang zu bewältigen. Je höher ich kam, um so kälter wurde es. So war ich gezwungen, alles Gerümpel abzulegen, und nur noch den dicken Pelzmantel am Körper zu tragen. Fast wäre ich erfroren. Doch je höher ich kam, um so klarer wurde die Luft und ich kam zu neuer Kraft. Endlich kam ich über die Wolken, und die Sonne beschien meinen geschundenen Körper. So wurde auch noch der Pelzmantel zur Last und überflüssig. Ich sage Euch: "Nur vollkommen Nackt und ohne Ballast ist dieser Gipfel zu erreichen". So war mein Weg!
Der zu Weisheit gelangte erzählte es, und ging seines Weges.

Die Theoretiker aber stritten ... wer hat nun den Gipfel erreicht? War es A oder B? Oder haben sich beide nur eine Geschichte ausgedacht? Das sind doch verschiedene Wege ... Das kann doch nicht der gleiche Weg sein ... Keiner hat einen Beweis erbracht.

Nach weiteren Wochen kam der Dritte (C) zurück, und berichtete den Theoretikern von seinem Weg zum Gipfel. So bezwang ich diesen Berg: Ich sammelte mir zunächst viele Helfer, Begleiter und Freunde, die mich auf dem Weg begleiten sollten. Jeder wollte mich auf dem Weg beeinflussen. Das mußt Du tun, jenes lassen. Zunächst folgte ich ihnen, bis ich merkte, daß ich gar nicht auf dem rechten Weg war. So schlug ich den Weg ein, den ich für richtig hielt. Doch schon bei den ersten Schwierigkeiten verließen mich die Freunde. Unbeirrt ging ich weiter. Doch als der Berg steiler wurde, verließen mich die Helfer. Auch davon lies ich mich nicht beeinflussen. Auf dem weiteren Weg verirrte ich mich in einem Labyrinth. In diesem Labyrinth verlor ich auch noch meine Begleiter. Endlich nach langem herumirren fand ich den Ausweg. Ich sage Euch: "Nur vollkommen alleine kommt Ihr auf den Gipfel". So war mein Weg!
Der zu Weisheit gelangte erzählte es, und ging seines Weges.

Die Theoretiker aber stritten ... ja wer nun hat denn wirklich den Gipfel erreicht? Wer nun zeigt den wirklichen Weg? Da ist Übereinstimmung ... da ist Widerspruch ... Einer sagte... A war auf dem Gipfel - nicht B nicht C. Ein Anderer sagte... B war auf dem Gipfel - nicht A nicht C. Der nächste behauptete... nur C war auf dem Gipfel - nicht A nicht B. Ein Anderer sagte... keiner von allen hat den Gipfel erreicht, denn keiner erbrachte einen Beweis.

So sitzen die Theoretiker behütet im Zelt bei Wein und guten Speisen - diskutieren und streiten - doch noch KEINER von ihnen hat auch nur einen Fuß an diesen Berg gesetzt. Und wenn sie nicht gestorben sind, so streiten sie noch Heute.

©Demetrius Degen


Einstell-Datum: 2009-10-10

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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