Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 



Save Ukraine!
Save Ukraine!


Amnesty International

Love all Animals

 
Umbrien
Autor: Tina van Veelen · Rubrik:
Sonstiges

UMBRIEN - es ist gar nicht so leicht, sich diesem Wort zu nähern. Ich versuche es vom Begriff Umbra aus. In der Farbenlehre steht er für ein dunkles Braun, eine braune Erdfarbe. Umbra ist aber auch der dunkle Kern eines Sonnenflecks. Versteckt im Wort Umbrien scheint mir aber auch das deutsche Wort umbrechen. Und zieht sich nicht der Appenini durch Umbrien, diese umgebrochene, aufgefältete Fortsetzung der Alpen? Schon der Name läßt einen stolpern, tut es das Land auch?

An Umbrien beißt man sich die Zähne aus, schlägt sich den Schädel ein. Das mußten schon die Römer erfahren, die am Trasimenischen See 217 v. Chr. von Hannibal vernichtend geschlagen wurden. Warum, sie unterschätzten die Umgebung und wurden zum Opfer. Noch heute kann man es gut nachvollziehen, wenn man diesen großen, ruhigen und dabei doch sehr flachen See betrachtet. Die Sonnenblumen scheinen dort ins Wasser zu fallen. Ganz sanft steigen die Hügel an und türmen sich langsam bis zur Höhe des Appenin. Der Übergang von der Toskana zu Umbrien geschieht fast unmerklich. Und doch ist plötzlich alles anders.

Umbrien - das ist uraltes, wildes, ungebändigtes Land. Ein Land, das sich nicht formen läßt. Ein Land, das niemandem schmeichelt sondern widerspenstig an seiner Einmaligkeit festhält. Wenn du allein sein willst, so gehe nach Umbrien. Gehe mitten hinein, quäle dich die Berge hinauf und blicke ehrfurchtsvoll in die unendliche Einsamkeit. Weit und breit unberührte Natur, nur selten unterbrochen von einigen wenigen kargen Feldern, überwölbt von einem Himmel, der innerhalb von Sekunden sich zusammenzieht und seine Sturzfluten über das Land ergießt, um gleich darauf die Strahlen der Sonne gebündelt nur auf einen Punkt zu werfen.

Umbrien - das ist das Land des Franz von Assisi. In dieser Einsamkeit hat er den Vögeln gepredigt, und wenn man dort ist, so glaubt man es sofort. Wer ist denn sonst da? Niemand. Dort bist du auf dich allein gestellt, lernst deine Grenzen kennen und dich selbst. Dort brauchst du einen Gott, denn sonst beschützt dich niemand. Weit in der Einsamkeit verstreut liegen die Klöster, die dort gebaut wurden, wo er gelebt hat. Den Weg dorthin zu finden, ist schon ein Abenteuer. Z. B. nach S. Maria in Belverde. Vorbei an Felsen, in denen die Höhlen der Wegelagerer der Vergangenheit deine Begleitung sind. In dem Kloster finden Heroinsüchtige Aufnahme, die von dem Stoff loskommen wollen. In der Regel bleiben sie 5 Jahre dort ohne ärztliche oder psychologische Hilfe. Die Therapie heißt Einsamkeit und harte Arbeit. Nach den Jahren sind sie zu Asketen geworden.
Ein anderes Kloster des Hl. Franz ist La Scarzuola, hinter dessen Mauern sich heute der wohl seltsamste Garten Umbriens befindet. Die "Stadt" des Architekten Buzzi, eine Mischung aus sieben Theatern, gekrönt von der Akropolis, eine esoterische Nachbarschaft zur "Heiligen Stadt" des früheren Konvents. In Umbrien verträgt sich diese unmittelbare Fremdheit, vielleicht, weil sie wissen, daß die alte Erde sie eint.

Umbriens Menschen sind leise, und ihre wenigen Städte und Dörfer sind so alt wie das Land. Ruhig und eindrucksvoll sind die Orte, die wie die Landschaft bis heute ihr eigenes Gesicht bewahrt haben. Umbrien hat seine eigene Zeitrechnung. Die Uhren laufen hier anders.

Wenn du zurück kommst aus Umbrien, bist du nicht mehr dieselbe, die du vorher warst. Umbrien läßt sich nie formen, Umbrien formt.

©


Einstell-Datum: 2004-06-05

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

Bewertung: 22 (1 Stimme)

 

Kommentare


Zu diesem Objekt sind noch keine Kommentare vorhanden.

Um einen Kommentar zu diesem Text schreiben zu können, loggen Sie sich bitte ein!

Noch kein Mitglied bei versalia?



Vorheriger Text zurück zur Artikelübersicht Nächster Text


Lesen Sie andere Texte unserer Autoren:
O Toskana · Tiefgefroren · Ein Tag im Leben ·

Weitere Texte aus folgenden Kategorien wählen:
Anekdoten · Aphorismen · Erotik · Erzählungen · Experimente · Fabeln · Humor & Satire · Kolumne · Kurzgeschichten · Lyrik · Phantastik · Philosophie · Pressemitteilungen · Reiseberichte · Sonstiges · Übersetzungen ·

Aus unseren Buchrezensionen


Caroline und der 53. GastPersdorf, Thomas:
Caroline und der 53. Gast
Schillers Schädel, Goethe und wir. Leipzig 1980. Caroline von Löschwitz lebt inmitten Ihrer Familie ein den Verhältnissen entsprechend eingerichtetes Leben als Lehrerin. Klavier und Schiller, Schüler und ihre lebenskluge Großmutter, die für Gemütszustände anfällige Mutter und der etwas steife, ordentliche [...]

-> Rezension lesen


 SeptemberleuchtenGülich, Martin:
Septemberleuchten
Warum muss der Literaturbetrieb eigentlich alles, was sich verkaufen soll, als Roman bezeichnen? Martin Gülichs "Septemberleuchten", im Herbst 2009 bei Nagel & Kimche veröffentlicht, ist eher eine längere Erzählung, rund 120 Seiten kurz. Weniger noch, ein Protokoll, durchgehend im Konjunktiv abgefaßt, wie die Wiedergabe [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?


Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.015852 sek.