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 Thema: Internetliteratur
Franklin Bekker
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 03.05.2008 um 13:04 Uhr

Diese Nachricht wurde von Franklin Bekker um 13:09:30 am 03.05.2008 editiert

Zitat:

Als stream of love lässt sich in Anlehnung an den von Joyce entwickelten stream of conciousness der direkte Ausfluss der Gefühle des Autors und zwar in poetischer Sprache verstehen. Es geht in dieser modernen Erscheinungsform von Lyrik nicht mehr wie in alten, längst gesellschaftlich redundant gewordenen Formen um durch sprachlichen Selbstbezug hergestelltes Sprechen in Stil. Vielmehr wird die, durch die neuen Autoren nicht weiter reflektierte, Stildifferenz jetzt genutzt, um an die Leser eine Differenz im Bewusstsein des Autors zu kommunizieren. Die Notwendigkeit von Selbstreproduktion und Selbstdarstellung zum Aufbau sozialer Beziehungen führt im Cyberspace, in dem Ausdruck über Mimik, Gestik, Kleidung und Berührung nicht möglich sind, unversehens zu einer stärkeren Gewichtung der Sprache. Sprache ist hier beinahe einziges Mittel, das es Menschen ermöglicht Nähe und Distanz untereinander zu regeln. Es geht um eine Sakralisierung der Zustände, um den Ausdruck der ungeheuren Macht oder Relevanz, die der ausgedrückte Gefühls- oder Geisteszustand für den jeweiligen Autor hat. Zwei Konsequenzen müssen hervorgehoben werden:

1. Lyrik wird zu Alltagssprache, mit der ganz selbstverständlich operiert wird.
2. Für die Lyrik wird etwas wiedergewonnen, das man seit der Romantik als verloren gegangen betrachten musste – die Authentizität. Worte in Gedichten erscheinen aufgrund eines mangelnden Vertrauens in die Stilisierungen, die als Stilisierungen um des Gedichtsstatusses, der dem Sprecher Bildung und Intellekt und damit Anerkennung verheißen konnte, willen angesehen wurden, als bloße Hüllen. Der stream of love hingegen ist eben Ausdruck einer tatsächlich leidenden, fühlenden Entität – des Ichs des Autors.

Der Text ist von mir. In Gänze auf: www.frikadellenrepublik.de/streamoflove.pdf


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LX.C
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 04.05.2008 um 19:29 Uhr

Ich sehe ehrlich gesagt nicht, dass Lyrik im Netz sich als Alltagssprache durchsetzt. Das von dir angesprochene Phänomen kommt im Netz meiner Meinung nach äußerst selten vor, und wenn, dann auf speziellen Seiten, wie du sie auch als Beispiele benennst, dort wiederum nur von ganz vereinzelten Usern, die, wie du richtig schreibst, die Sprache zur Selbstproduktion nutzen, mit der mutmaßlichen Intention, verstärkt wahrgenommen zu werden.
Man könnte, so mein Ansatz, durchaus Simmel heranziehen und das wachsende Netz mit der Urbanisierung einer Großstadt vergleichen, welche beim Städter, hier übertragen auf den Internet-User eine Blasiertheit hervorruft. Auf die wachsende Struktur des Netzes und die damit einhergehende quantitative Überforderung schützt sich der User durch Abstumpfung im Sinne einer bewussten Nicht-Wahrnehmung.
So muss zur Hervorhebung der eigenen Meinung, wenn sie denn wahrgenommen werden soll, der Meinungsvertreter mit Extravaganzen antworten, um Blasiertheit der User entgegenzuwirken. Extravaganzen, die im Netz, wie du richtig feststellst, weder Gestik, Mimik noch Kleidung sein können. Ich sehe hier also anders als du keine gesteigerte Notwendigkeit, literaturwissenschaftlich darauf reagieren zu müssen, eher linguistisch und kommunikationswissenschaftlich. Denn die spontan-lyrische Reaktionsweise ist vermutlich nur eins von vielen Phänomenen im Netz, erhöhte Aufmerksamkeit mittels Sprachstil und Stildifferenz zu erzielen.


.
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