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Literaturforum: Ketzerisches über Proust


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 Thema: Ketzerisches über Proust
ArnoAbendschoen
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seit dem 02.05.2010

Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 02.02.2018 um 01:29 Uhr

Auch Proust war auf seine Weise gläubig, auf eine für das späte neunzehnte Jahrhundert typische Weise. Immer wieder trifft man in „À la chercherche du temps perdu“ auf einen nie in Frage gestellten speziellen Fortschrittsglauben - zweifellos glaubte Proust an den Fortschritt in der Kunst, in der Literatur. Wo er ihn als Prozess beschreibt, etwa für die Malerei, scheint man die Aufdeckung von Gesetzmäßigkeiten analog der von den Naturwissenschaften enthüllten zu finden. Sein Elstir war eine Art Einstein oder Röntgen der Malerei. Der große Schriftsteller, als der er sich selbst gewiss sah, sollte daher ebenso grundlegende wie nachprüfbare, dabei vollkommen neuartige Methoden der Beschreibung und Durchdringung der Wirklichkeit vorweisen können.

Prousts eigenes Genie erwies sich dann an der Entdeckung und Vertiefung des Phänomens der unwillkürlichen Erinnerung. Um jedoch zur literarischen Ersatzreligion zu werden, musste es erst noch mit den Begriffen Wahrheit, Freude und Glück angereichert werden. Die kleine Madeleine wurde so gewissermaßen zum neuen Leib des Herrn. Das Quasi-Religiöse des Rituals, sich an das christliche Sakrament Anlehnende, ist offenkundig, ja schon penetrant. Was aber das Glück betraf, so lag es allein im Innern des Individuums. Die Außenwelt wurde zum Spielmaterial des experimentierenden Ichs degradiert und auf diese Weise radikal entwertet. Als Rechtfertigung dieses subjektivistischen Verfahrens diente stets das Versprechen, allgemeingültige Gesetze auffinden zu können. Geliefert wurden dann Erkenntnisse wie zum Beispiel jenes, alle Invertierte männlichen Geschlechts seien in Wahrheit missglückte Frauen – und das war nicht einmal Frucht eigener Beobachtung, sondern nur die bloße Übernahme des jüngsten Irrtums der Medizin.

Wehe wenn sich die individuelle Realität dem entdeckten allgemeingültigen Gesetz nicht fügen wollte: Dann hatte das reale Individuelle zu verschwinden - es war ohnehin wertlos. Das war eine Tyrannei der Negation. Neu war an der Methode Proust nicht die alte idealistische Philosophie, sondern ihre Verknüpfung mit der Welt der Labore. Die unbewusste Erinnerung verschwisterte sich den neuesten Erfindungen, dem Telefon, dem Automobil und dem Flugzeug, die alle nicht grundlos ihre bedeutende Rolle in seinem Roman spielen. Proust war – überspitzt formuliert – ein elektrifizierter Saint-Simon, voyeuristisch wie dieser und zugleich technologisch auf der Höhe seiner eigenen Zeit. Originell war bei ihm allerdings die Verbindung von natürlicher Güte als Idee des achtzehnten Jahrhunderts mit vielfach durchscheinender Misanthropie des frühen zwanzigsten.

Prousts Werk steht mit diesen Zügen nicht isoliert da. In der Politik oder in der Psychoanalyse zum Beispiel lassen sich in dieser Zeit ähnliche Tendenzen erkennen. So finden wir zeitlich parallel zur Abfassung des großen Romans schon die ersten Keime des Totalitarismus. Freud münzte bald ebenso rigide jede Kritik an seiner Theorie in einen Beweis von deren Richtigkeit um. Prousts Erfolg - das war auch der Erfolg eines Werks, das den Zweifel nicht kennt, in einer Welt, die den Zweifel nicht erträgt.

Wozu überhaupt Literatur, wenn sie nicht, wie von Proust postuliert, als Werkzeug, als optisches Gerät dienen soll, damit der Leser sein eigenes Leben besser verstehe? Die Gegenposition: Literatur ist von keinerlei erkennbarem allgemeinem Nutzen. Sie dient zu nichts, sie dient überhaupt nicht. Sie ist eine mit dem Leben seit langem untrennbar verbundene Erscheinung, nichts weiter. Das Leben selbst scheint insgesamt ein Bedürfnis zu haben, sich in einem anderen Medium widerzuspiegeln, und jenes Medium ist die Kunst. Die Literatur als eine Gattung der Kunst ist eine Art magischer Spiegel. Dem Autor kommt dabei eine Doppelrolle zu: Einmal ist er Werkzeug, ja selbst beinahe nur Medium, doch zum anderen ist er auch Subjekt, Individuum, und als solches fähig zum Dialog und zur Kritik, gerade auch offen für Widersprüche, für das Hässliche, das Abstoßende und für die Utopie. All das kann über die plane Realität hinaus widergespiegelt werden. Es ist möglich, dass auf der Grundlage eines solchen Kunstverständnisses Werke entstehen, die bei einiger Böswilligkeit als Promenadenmischungen bezeichnet werden können. Skepsis ist ihr Maßstab wie ihr Ideal. Kunst ist nie vollkommen, Kunst als Quasi-Religion eine Afterreligion. Und Proust muss nicht als Standbild angebetet werden, sondern verstanden als zwar großer, doch zeitbedingter Autor.


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