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Literaturforum: Berliner Tagebuch, 17.03.2020 - Lockdown


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Forum > Sonstiges > Berliner Tagebuch, 17.03.2020 - Lockdown
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 Thema: Berliner Tagebuch, 17.03.2020 - Lockdown
Kenon
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seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 17.03.2020 um 23:57 Uhr

Liebes Tagebuch,

ich berichte Dir von einem neuen Tag, mache ein neues Dokument auf. Blättern braucht es nicht.
Welcher Wochentag ist heute eigentlich? - das fragte ich mich etwas erschrocken mitten in der Arbeit. Der Kalender gab mir schnell Sicherheit. Jeder Tag ist jetzt gleich, und es wäre auch egal, welcher Tag heute ist, wenn man nicht gemeinhin auf das Wochenende hinarbeiten würde, um zwei Tage nicht arbeiten zu müssen - um dann was zu machen?
Die normalen Anhaltspunkte, an denen ich die Wochentage bisher erkennen konnte, sind verloren gegangen:
Die Tage, an denen Kollegen nicht im Büro erscheinen, weil sie keine 5-Tage-Woche haben, die Tage, an denen die Cafeteria geöffnet hat, die Tage, an denen wichtige Team-Meetings stattfinden, der Tag, an dem es nur Brötchen gibt, die Tage, an denen Obst und Gemüse aufgefüllt werden. Jeder Tag ist jetzt gleich. Man arbeitet seine Aufgaben ab und weiss, dass die Kollegen es auch tun.

Durch das wegfallende Pendeln habe ich mehr vom Tag, aber ich habe aufgehört zu lesen, weil ich das wochentags meistens nur in den Bahnen mache, die ich nicht weiter benutzen muss. Nun, die Bücher laufen nicht davon und das wichtigste habe ich ohnehin schon gelesen. Dafür komme ich häufiger zum Schreiben. Wie es jetzt wohl am Kottbusser Tor aussieht: Erfahren die Junkies die gleiche Repression oder sind für sie inzwischen paradiesische Zeiten angebrochen, in denen sie endlich ungestört ihrem Konsum nachgehen können?

Die Statistik der Johns Hopkins University verzeichnet mittlerweile fast 200.000 verifizierte Corona-Infektionen. Die wirklichen Zahlen werden dramatisch höher sein, da es Länder wie Russland gibt, die einfach nicht testen, dann aber trotzdem ein Notfall-Hospital errichten, weil sich “Lungenentzündungen” so häufen.
Wer sich gestern noch beschwert hat, dass seine Reisefreiheit eingeschränkt ist, liegt heute vielleicht schon krank im Bett, gleicht die Symptome ab und hofft, dass es ihn nicht wirklich betrifft. Wer seinen Instagram-Körper bisher im Fitness-Studio formte, überlegt, wie er ihn auch zu Hause erhalten kann. Posten kann man Bilder von ihm weiterhin, zum Glück ist ja das Internet noch nicht ausgefallen.

Baumärkte sollen geöffnet bleiben, habe ich auf einer Liste mit Ausnahmen gesehen, falls auch die meisten Geschäfte in Berlin schließen müssten. Die Frühlingspflanzung, von der ich gestern sprach, wäre damit nicht verhindert. Das Eck-Restaurant ein paar hundert Meter von meiner Wohnung jedenfalls hat bereits jetzt geschlossen, alle Stühle hängen mit dem Kopf nach unten von den Tischen. Das habe ich in den vielen Jahren, in denen ich hier wohne, noch nie gesehen. Immer war dort Betrieb, haben Menschen gegessen, getrunken, gelacht, gefeiert, manchmal neugierig nach draußen geschaut. Selbst war ich dort nie Gast, aber doch hat es mich berührt, an dem geschlossenen Restaurant vorbeizugehen.

Vom Balkon schaue ich in den Innenhof. Dort blüht ein Baum in vollkommen weißer Blüte, vielleicht ein Kirschbaum - ich kenne mich da erschreckend wenig aus. Ich habe ihn vorher noch nie gesehen, obwohl er schon seit Jahren dort stehen muss. Für einige wenige Minuten habe ich mir die Sonne auf dem Balkon direkt in das Gesicht strahlen lassen, mich an ihrer wachsenden Wärme erfreut.

Es wird Frühling.

Dein K

PS: Die Halsschmerzen sind etwas besser geworden. Ich trage den ganzen Tag einen eng anliegenden 1,5 Meter Schal, abends zusätzlich ein Pelzmützen-Imitat eines skandinavischen Herstellers, das einst einen hebräischen Kosmetik-Drücker am Budapester Flughafen beeindruckte und ihn mich für einen Russen halten ließ, als ich aus dem bitter-kalten Kasachstan zurückkehrte. Den ganzen Tag lang gibt es Zitronen-, Ingwer- und Salbeitees, oft Zwiebeln, Knoblauch, Chili.
Mit dem Wuhan-Shake sagen wir uns “Gute Nacht”.

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