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Literaturforum: Berliner Tagebuch, 07.05.2020 - Vortag der Befreiung


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Forum > Sonstiges > Berliner Tagebuch, 07.05.2020 - Vortag der Befreiung
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 Thema: Berliner Tagebuch, 07.05.2020 - Vortag der Befreiung
Kenon
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seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 08.05.2020 um 00:16 Uhr

Liebes Tagebuch,

ich benutze die gestrige Seite, die leer bleiben musste. Das gibt es. Worte haben sich angesammelt über den Tag, insbesondere auf der feierabendlichen Wanderung durch den Kiez, und weigern sich dann, zu Sätzen zu gerinnen, die man nicht mehr ändern kann und einen verdammen, solange sie sich einem Lesenden anbieten. Aber dafür geht es ja heute weiter. Und morgen ist unverhofft frei. 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Dieses Wochenende hatten wir gar nicht für Ausflüge verplant, weil wir nicht von seiner erfreulichen Länge wussten. Früher hätte es im Osten geheißen: Befreiung vom Faschismus, oder etwas dunkler getönt: Befreiung vom Hitler-Faschismus. Nationalsozialismus hat man nicht gesagt, das erinnerte zu sehr an die Gemeinsamkeit mit dem Sozialismus. Beide großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts hatten rote Fahnen, ohne Lenin hätte es Hitler nicht gegeben. Gemeinsam haben diese Regimes den Zweiten Weltkrieg begonnen, indem sie Polen unter sich aufteilten. Eines der Regime gibt es quasi heute noch, seine Soldaten schreiben wieder auf ihre Panzer “Nach Kyiv”, “Nach Lemberg”, “Nach Berlin” (natürlich in ihrer rustikalen Sprache, in der man auch noch mit alkoholschwerer Zunge Inhalte leicht transportieren kann) und drängen gen Westen. Nur ein ahnungsloser Berliner Bürgermeister Müller (seinen Vornamen musste ich googeln: Michael) konnte glauben, dass es eine gute Idee war, die Vertreter von Russland und der Ukraine zu einer gemeinsamen Gedenkfeier anlässlich des Jahrestages einzuladen. Russland hat sich nicht geändert, es ist noch immer das Land, das seine Nachbarn überfällt und ermordet. “Befreiung vom Nationalsozialismus” - das hört sich so schön an, und doch verschweigt es, dass die Befreiung zugleich die Versklavung Osteuropas durch den russischen Bolschewismus für viele Jahrzehnte gewesen ist. Während wir feiern, läuft in den Niederlanden der Prozess gegen die Verantwortlichen des Abschusses der MH-17: Das grausame Gewaltsystem Putins wird des Massenmordes angeklagt.

Aber weg mit dem Politischen. Wie ich zuletzte schrieb: Die neuen Gewohnheiten setzen sich fort. Wir kochen die kommenden Tage türkisch, setzen uns vielleicht auf die Räder und machen Touren, die wir irgendwann vor 12 Jahren aufgehört haben zu machen, weil es uns jenseits von Deutschland viel besser gefällt. An den Supermarkt-Kassen waren heute längere Schlangen als vor dem 1. Mai. Wahrscheinlich hat der einmalige Feiertag so einige überrascht, dem subjektiven Eindruck nach vor allem Menschen, die eher anderen Kulturen zugehören. Im Fernsehen gibt es viele Dokumentationen zum Anlass, ich habe mir auf Arte eine über das Berlin von 1945 angeschaut, der Text basierte auf Tagebüchern und wurde zu passenden Bildern vorgelesen. Damals will man nicht gelebt haben. Kein Vergleich zu heute. Ohne diese Tagebücher wüssten wir heute viel weniger über die damalige Zeit. Gut, dass Menschen sie geschrieben haben, selbst wenn sie nicht die Druckspuren des Eignungsstempels irgendwelcher Berufsschreiber in ihrem Gesicht hatten.

Der vietnamesische Blumenladen im Kaufland um die Ecke hat sein Sortiment erweitert. Zum niedrigeren Preis gibt es weiße Masken aus eigener Fertigung, zum höheren bunte, die aussehen, als wären sie aus alten Krawatten gemacht. Danke, ich bleibe bei meinem Pali-Tuch, bis es kleidsame Masken zu einem vernünftigen Preis gibt. Ich denke an welche im japanischen Stil: Schwarz. Das Modelabel G-Star möchte ja gern für drei solcher Masken, die ich mir anziehen würde, EUR 49,90. Haha, in dieser Zeit kann man fast alles versuchen und hat vielleicht sogar Erfolg damit. Ohnehin haben ja einige gerade Erfolg, besonders im Online-Handel. Zalando gehört nicht dazu, weil einfach keiner neue Mode gebraucht hat, wenn er nicht unter Leuten sein konnte. Menschen, die sich jetzt über “ihre” Erfolge freuen, während es anderen nicht besonders gut geht, sind mehr sehr unangenehm. Davon gibt es nicht zu wenige.

Was kann ich noch berichten? Bei vielen Menschen merkt man, dass sich die Sitten lockern. Die Avantgarde bildet natürlich wie so oft die Klasse der regulär zu viel trinkenden, die sich vor dem Bahnhof in Lichtenberg zwischen Penny-Markt, Skaterbahn und Döner-Bude aufhält, oft auch in und am Bahnhofsgebäude versammelt und an anderen geeigneten Orten mit diversen Sitzmöglichkeiten wie dem Münsterland-Platz. Hinter der Lichtenberger Brücke sah ich gestern neben einigen arabisch-stämmigen Jugendlichen auch ein deutsches Pärchen, das recht freizügig seine Bong auf dem Bürgersteig platzierte hatte und offensichtlich dem grünen Blatt huldigte. Irgendwann in diesem Jahrhundert wird man das ja noch in Deutschland legalisieren können, dann wäre es hier gar nicht erwähnenswert.

Eine weitere Woche im Home Office ist vorüber. Etliche meiner Kollegen mögen es sehr, ich auch. Es muss nicht immer sein, man könnte sich, wenn das alles vorbei ist, auch wieder für zwei Tage pro Woche zu Besprechungen und Gruppenarbeit im Büro treffen, aber schöner und produktiver ist es zu Hause. Der Lärmpegel ist geringer (gut, es kommt auf die Wohnung an, aber ein Großraumbüro über einem Kindergarten neben einer Autowerkstatt neben einer Baustelle muss man erst einmal übertreffen), man ist keinen Lüftungsnazis ausgeliefert, die selbst im tiefsten Winter dauernd alle Fenster aufreißen und man kann endlich wieder ausgiebig fluchen, ohne Kollegen zu irritieren und man steckt sich nicht bei den Eltern an, welche die Krankheiten ihrer Kinder weitergeben, die sie von anderen Kindern haben. Ich hatte das Fluchen schon ganz verlernt, aber manchmal ist es nötig und sicherlich auch äußerst förderlich für die psychische Gesundheit. Im Home Office kann man ganz herrlich und unbeschwert fluchen. Verdammte Drecksmistscheiße.

Aus den Boxen klingt Brad Mehldaus “Sleeping Giant”.
Ich werde auch bald ein Schlafender sein.

Dein K

PS: Das mache ich ja zu gern: Etwas hinzufügen. Irgendetwas wollte ich noch sagen, aber es ist einfach weg. Verschwunden. Aber das PS steht!

PPS: Der Mond steht voll und gelb.

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