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Literaturforum: Berliner Tagebuch, 10.05.2020 - Shiva tanzt


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Forum > Sonstiges > Berliner Tagebuch, 10.05.2020 - Shiva tanzt
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 Thema: Berliner Tagebuch, 10.05.2020 - Shiva tanzt
Kenon
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seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 10.05.2020 um 08:49 Uhr

Liebes Tagebuch,

nun ist schon wieder Sonntag, die zweite Vier-Tage-Woche in Folge neigt sich ihrem Ende zu. So mit Feiertagen beschenkt zu werden, ist gefährlich, da man auf den Geschmack kommt und an die Kollegen denkt, die seit langem vier Arbeitstage die Woche für genug halten, da sie auch noch ihr Leben leben wollen - oder eigene ambitionierte Projekte verfolgen, um vielleicht eines Tages nicht mehr abhängig beschäftigt sein zu müssen. Zeitlich hat es mich verwirrt, am Freitag waren die Geschäfte in Berlin geschlossen, nicht aber im nahen Brandenburg, und gestern war die Friedrichstraße so leer, dass sich der Tag wie ein Sonntag anfühlte, dabei war ja Sonnabend. Und nun hat ein weiterer arbeitsfreier Tag begonnen. Ich beklage mich nicht, keineswegs.

Wir haben Urfa-Kebab und Tantuni zubereitet, was wegen des fettigen (Autokorrektur-Vorschlag: “saftigen”) Lammhackfleisches eine ziemliche Sauerei in der Küche ergeben hat. Auch deswegen neige ich mehr dem vegetarischen zu: die auf gelben Linsen und Kartoffeln basierende Mercimek-Suppe, die ich danach kochte, war eine viel saubere und nicht weniger schmackhafte Angelegenheit.

Die Spatzen sorgen dafür, dass ich nicht mehr besonders lange schlafen kann, da sie schon frühmorgens mit ihrem Getschilpe loslegen. Ich kenne mich mit Vögeln kaum aus, aber als Laienbeobachter legt sich mir die Interpretation nahe, dass die Eltern die Kinder aus dem Nest locken wollen. Dem Getschilpe draußen folgt immer mehrstimmiges Getschilpe drinnen, es ist in den letzten Tagen deutlich dunkler geworden. Zuweilen kann ich auch schon Flügeschlageln unter dem Dach vernehmen, als würde dort jemand einen Decke ausschütteln. Lange kann es nicht mehr dauern, bis die Jungen flügge werden. Dann kann ich auch wieder ruhigen Gewissens auf dem Balkon sitzen, denn den beanspruchen die Spatzen-Eltern für sich: Sitze ich dort, gesellen sie sich in meine Nähe und schimpfen mit mir. Sie warten, bis ich verschwinde, denn sonst fliegen sie das Nest nicht an. Weiter unten in unserer Straße habe ich ein abgestürztes Nest gesehen. Drei Junge lagen darin, die aussahen wie blinde gefiederte Regenwürmer. Da hat es nicht funktioniert. Woran lag es? Vielleicht an einem Menschen, der sich so sehr gestört fühlte, dass er zum Mörder wurde. Das gibt es leider oft.

Gestern lag die neue Ausgabe von “New Eastern Europe” im Briefkasten. Post aus Polen. Früher waren die Umschläge noch von Hand beschrieben, heute benutzen sie maschinen-bedruckte Etiketten. Ich freue mich immer, wenn mir dieses Heft zugestellt wird, mittlerweile ist es mein einziges Abonnement. Für mehr reicht die Zeit nicht. “War in Donbas” (Krieg im Donbass) ist das Thema. In meiner Erinnerung ist der Donbass eine sich heimatlich anfühlende Landschaft, ich erinnere mich an endlose Kiefernwälder, in die Erholungsheime für Bergarbeiter eingelassen sind, die heute von der ukrainischen Armee als Stützpunkte genutzt werden. Der Anblick, der Duft dieser riesigen Kiefernwälder, der sandige Boden, das ist ganz wie bei mir zu Hause in Mecklenburg. Es fühlt sich sehr gut an.

Am Freitag haben wir eine Radtour gemacht, die etwas länger geworden ist; am Ende standen knapp 60 Kilometer auf dem Tacho, der nach all den Jahren noch immer funktioniert. Es ging wieder vorbei an der Alten Försterei in Köpenick (etwas mehr Geschäftigkeit herrschte dort, die Liga soll ja in wenigen Tagen fortgesetzt werden, aber zwei Corona-Fälle bei Dynamo Dresden können jetzt alles gefährden), weiter nach Erkner, Rehfelde und Strausberg. Wahnsinnig viele Radfahrer waren unterwegs (in den Rückzug nach Berlin ließ man uns deswegen mit entschiedener Unfreundlichkeit gar nicht erst einsteigen) - was kann man zurzeit im Mai bei diesem Wetter und der herrschenden Pandemie auch schöneres machen? Sogar eine tschechische Familie haben wir auf ihren Rädern gesehen. Das Vernehmen fremder Sprachen in Berlin hat Seltenheitswert erlangt. Was hört man? Englisch, Spanisch, Russisch, Polnisch, Türkisch und eben dieses eine Mal Tschechisch. Vielleicht war es einer der schönsten Tage im Jahr bisher für mich. Solche Wertungen zu machen, ist ein bißchen dumm, aber sie drängen sich auf, weil, wie mein Schwager gerechtigtfertigterweise einmal anmerkte, unsere Familie gern die Welt quantifiziere. Weite Strecken waren autofrei, und ich freute mich über diesen zivilisatorischen Rückschritt, entspann sofort eine grüne Utopie, die am besten gleich beginnen sollte. Ein neues, besseres Leben! - gefährliche Verlockung. Entschleunigung in dieser wahnsinnig gewordenen Welt könnte uns allen guttun (ja, ich weiß, ich habe nicht “alle” gefragt, ob sie das auch wollen). Schon E. M. Cioran, den ich ihn meinen frühen, verzweifelten Zwanzigern neben F. W. Nietzsche sehr mochte, ging alles viel zu schnell. An irgendeiner Stelle, die ich zu träge bin, zu suchen, zitierte er den in seinem Feuerrad tanzenden Hindu-Gott Shiva (steht als Statue bei mir inzwischen auf der Kommode), der immer noch schneller und schneller tanzte, bis sich alles auflöste. So jedenfalls meine Erinnerung. Dieses Bild ist hängengeblieben, weil es eine treffende Beschreibung der menschlichen Evolution ist. Ich wünsche mir so oft einfach mehr Ruhe. Die Entfernung der Flugzeuge vom Himmel und der Autos von den Straßen kann ein guter Anfang sein. Aber dann gibt es ja noch die Spatzen … Nein, die mag ich. Sollen sie ihrer Natur gemäß leben und glücklich sein. Ihr Leben ist kurz, das unsere oft sehr lang.

Die Pflanzen auf dem Balkon gedeihen wieder. Ich habe gestern noch etwas Pfefferminze nachgesät. Die hat winzige Samen und man muss dabei etwas aufpassen, sonst streut man sie nur in den Wind.

Dein K

PS: Ich schreibe vormittags, weil ich abends immer schon zu müde bin.

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