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Literaturforum: Berliner Tagebuch, 11.05.2020 - Alles nervt


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Forum > Sonstiges > Berliner Tagebuch, 11.05.2020 - Alles nervt
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 Thema: Berliner Tagebuch, 11.05.2020 - Alles nervt
Kenon
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seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 11.05.2020 um 23:19 Uhr

Liebes Tagebuch,

der heutige Tag markiert einen persönlichen Tiefpunkt. Pathetisch, aber leider sehr wahr: Die Temperatur ist gestürzt, es hat während der Arbeitszeit durchweg geregnet, die jungen Spatzen unter dem Dach sind vermutlich gestern ausgeflogen, ohne dass ich beobachtenden Anteil haben konnte, obwohl ich mich so auf diesen Moment gefreut hatte. Alles nervt, nervt ganz gewaltig. Ich will sofort das alte Leben zurück. Und dann ist auch noch Montag! Gräßlicher Montag. Monday is gloomy // with shadows I spend it all.

Gestern waren wir erneut in Brandenburg radfahren. Die Landschaft ist nicht so arm, wie sie Christopher Clark am Anfang seiner Preußen-Biographie darstellt, zumindest nicht im Mai. Es ist auch immer weniger die “kleine DDR”, wie es manchmal liebevoll-gehässig genannt wird, in den letzten Jahren hat sich viel getan, man muss fast suchen, um Relikte zu finden: mit großen Betonplatten ausgelegte Straßen, eine grau-verputzte Bushaltestelle für einen Bus, der nicht mehr kommt, ein alter Briefkasten, der auch heute noch - bis auf den Sonntag - täglich geleert wird. Nur bei den Straßennamen zeigt man sich oft blutrot-vergangenheitstreu, gedenkt Liebknecht und Thälmann. Im Dörfchen Garzin gibt es gleich ein ganzes DDR-Museum.
Wenn man in Berlins Umgebung radfahren möchte, muss man - wenn man nicht direkt am Rand wohnt - durchaus erst einmal 30 Minuten und länger mit der Bahn fahren. Auch das nervt. Ich fand damals bereits das überschaubare Braunschweig zu groß, um mit dem Fahrrad bequem die Natur zu erreichen.

Am Wochenende habe ich einmal vergessen, mein Pali-Tuch zur Verhüllung von Mund und Nase mitzunehmen und musste mir dann meine Jacke in der S-Bahn um das Gesicht binden. Egal, aber geärgert habe ich mich dennoch. Ich hätte es wie einige vornehmlich jüngere Frauen machen und die Regel einfach ignorieren können, aber ich bin ja ein verantwortungsbewusster Bürger. Die Durchsagen in der Bahn nerven auch: “Gemeinsam gegen Corona” … “Ka-wer jor mauss änd nauss” … schrecklich, da hätte jemand im Englisch-Kurs besser aufpassen müssen. Warum klage ich? - man kann den Sinn ja noch erahnen.
Wenn man in den frühen 90ern in meiner Heimatstadt mit einem Pali-Tuch rumlief, war das für viele andere Heranwachsende ein Signal: Der möchte verprügelt werden. Viele sind verprügelt worden, strafrechtlich geahndet wurde wenig, das bundesdeutsche Rechtswesen war noch ein unbeliebter Unbekannter, alte Seilschaften hielten die Deckel auf den Töpfen und schützten ihre missratene Brut. Vom Thälmann-Pionier und FDJler war es nur ein kleiner Schritt zum Neonazi, alles uniformierte Idioten, die für totalitäre Ideologien marschieren. Erst später hat sich die ostdeutsche Jugend entspannt, als sie Techno-Musik und illegale Drogen für sich entdeckte. Aber ich schweife mal wieder zu weit in die Vergangenheit.

Die Gegenwart ödet mich an. Immerhin kann ich Dir schreiben. Du nimmst alles schweigend auf. Hoffentlich wird der morgige Tag ein besserer.

Dein K

PS: Was soll ich noch lesen, bevor ich schlafe: Über Proklos, im Zauberberg oder über den russischen Krieg im Donbass? Ich weiß es nicht. Am besten nichts, das freut die Augen und letztlich sogar den Geist. Nur noch ein paar Jazz-Akkorde auf der schwarz-weißen Telecaster zupfen, dann ist auch dieser Tag vorbei.

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