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Literaturforum: Alain-René Lesage - Der hinkende Teufel


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 Thema: Alain-René Lesage - Der hinkende Teufel
ArnoAbendschoen
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Das ist ArnoAbendschoen

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 14.05.2021 um 17:27 Uhr

Wer will, kann in Lesages 1707 erstmals erschienenem Werk (endgültige Fassung 1726) den frühesten Großstadtroman überhaupt sehen. Allerdings hatte Alain-René Lesage (1668 – 1747) dafür selbst eine Vorlage: „El diablo cojuelo“ des Spaniers Luis Vélez de Guevara von 1641. Lesage fuhr doppelgleisig: Er trug einerseits viel Madrider Lokalkolorit auf, bezog sich auch fortlaufend auf Strukturen der spanischen Gesellschaft und schöpfte andererseits aus seiner eigenen profunden Kenntnis innerfranzösischer Zustände, auf die er gelegentlich ausdrücklich hinweist. So entstand ein für das katholische Westeuropa der Barockzeit insgesamt charakteristisches Gesellschaftsbild. Es ist geistreich erzählt und noch immer eine amüsante Lektüre von historischen wie allgemeinmenschlichen Sachen.

Bewundernswert ist bereits der technische Aufbau, die Konstruktion des Romans. Zwei Gestalten ziehen und fliegen durch das nächtliche Madrid, dessen Dächer für sie durch Zauber aufgedeckt sind, so dass die mehr oder oft auch weniger braven Bürger in ihrem momentanen Verhalten studiert werden können. Das seltsame Paar besteht aus Asmodi, einem hinkenden und hässlichen Spezialteufel, zuständig für die Wollust und mit ihr Zusammenhängendes, und dem Studenten Don Kleophas. Der Student hat den Teufel aus einer Flasche befreit, in der ihn ein Zauberer gefangen hielt. Zum Dank verschafft Asmodi dem jungen Mann reiche Einblicke nicht nur ins gegenwärtige Befinden und Seelenleben zahlreicher Einwohner, sondern auch in deren Vorgeschichten. Zwischen den beiden entwickeln sich bald gegenseitiges Vertrauen und viel Sympathie. Asmodi scheint allwissend und Don Kleophas überaus neugierig. So spiegelt sich in ihrem Verhältnis zugleich das von Erzähler und Leser auf plastische Weise und wird selbst zum Gegenstand des Erzählens, ein schon durchaus moderner Ansatz.

Der Stoff, der die Stadtgesellschaft als Ganzes repräsentiert, wird auf vielfältige Weise dargeboten. Der Teufel führt den Studenten zu vornehmen Stadthäusern, zu Gefängnissen, einem Tollhaus und erzählt vor Grabmälern vom Leben und Sterben der dort Bestatteten. Viele kleine Einzelbeobachtungen unterbrechen jeweils die Abfolge von selbständigen Erzählungen unterschiedlicher Länge, von denen einzelne Novellencharakter haben. Das sind einige der Hauptmotive: die Macht der Liebe und des Geldes, Standesdünkel oder verletzte Ehre. Die Handlungen beziehen gelegentlich weitere Teile Spaniens ein und erstrecken sich ausnahmsweise bis aufs Mittelmeer oder nach Nordafrika. Hier spielt wiederholt die damalige Piraterie mit Menschenraub, Versklavung und Lösegeldzahlung eine Rolle. Insgesamt schuf Lesage nicht nur einen Riesenteppich aus Figuren und Episoden, er ordnet ihn auch so an, dass das Schicksal des Studenten letztlich das Zentrum bildet; infolge eine Feuersbrunst und Rettung einer schönen Tochter nimmt es für ihn eine entscheidende günstige Wendung.

Was fehlt noch in dieser Betrachtung? Das vor allem: Der Roman hält wunderbar das Gleichgewicht zwischen Satire, Trauer über tragische Verläufe so vieler Schicksale und dem freundschaftlichen Ton im Umgang von Teufel und Student miteinander.

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