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-- Rezensionen
--- Thomas Mann - Tristan

Kenon - 28.08.2005 um 18:52 Uhr

Hier ist "Einfried", das Sanatorium! - so beginnt Thomas Manns 1903 verfasste Novelle "Tristan" und damit ist bereits geklärt, wo sich die der Einleitung folgende Handlung abspielen wird. Wer handelt, ist ebensoschnell festgestellt: Der Protagonist ist Detlev Spinell, ein von vielen schräg angesehener weltfremder Dichter, der im Sanatorium nur wegen der ihn dort inspirierenden Stimmungen Quartier bezogen hat. Damit es nicht gar so langweilig bleibt, wie Mann anfangs schreibt, verguckt sich Spinell eher beiläufig in eine Dame mit dem unschönen Namen Klöterjahn. Sie hält sich im Sanatorium als Patientin auf, da sie nach der Geburt ihres Sohnes ernstlich an der Luftröhre oder Lunge erkrankt ist. Selbstverständlich ist sie verheiratet - es fehlt also nur noch eine Figur, damit die Konfliktsituation komplett ist: der gesunde, geschäftstüchtige Herr Klöterjahn.

Spinell gelingt es, die Klöterjahn zu einem romantischen Klaviernachmittag zu verführen, obwohl dies ihrem Gesundheitszustand gewiss abträglich sein wird. Sie spielt (erst Nocturnes von Chopin, dann aus Wagners Tristan und Isolde), er schwelgt - wie wundervoll schwülstig doch diese Zusammenkunft geschildert ist! Spinell weiss bereits, dass die Klöterjahn sterben wird, und in diesem Wissen schreibt er einen bewusst beleidigenden Brief an ihren Ehemann - um ihm vorzuhalten, dass er das Leben nicht so wie Spinell selbst sieht und führt...

In "Tristan" verbindet Thomas Mann die Kunst mit dem Kränklichen, mit dem zum Tod Neigenden, weil sie zu schaffen das Leben aufzehrt - auf die Gegenseite stellt er die gesunde Geschäftstüchtigkeit, das hand- und standfeste Leben. Das alles hat Thomas Mann mit offensichtlich sehr breiter Feder geschrieben - um ein paar Schülergenerationen zu ärgern, ja, dafür genügt die Novelle ganz sicher.




LX.C - 20.11.2005 um 01:26 Uhr

"Tristan" gefällt mir sehr gut. Muss oft schmunzeln, über die Eigenarten und Wortwahl des Herrn Spinell und das daraus resultierende Unverständnis der Frau des Herrn Klöterjahn (wie Mann sie immer so eigenartig distanziert nennt). Die Noveller "Tristan" ist, so glaube ich, ein guter Einstieg, wenn man mal etwas von Thomas Mann lesen möchte. Meines Erachtens ein besserer Einstieg, als "Tonio Kröger".



Kenon - 20.11.2005 um 12:09 Uhr

Da bin ich jetzt überrascht, sehe das Stück aber auch nicht mehr ganz so negativ wie zur Entstehungszeit der Rezension. Den Plot finde ich dennoch recht platt, am gelungensten sind wohl die Erwiderungen des Herrn Klöterjahn auf den Brief des Herrn Spinell.



Mania - 20.11.2005 um 13:01 Uhr

Ich bin irgendwie unschlüssig ob ich ein Buch von Thomas Mann oder den anderen Manns anfangen soll.



Kenon - 20.11.2005 um 13:07 Uhr

Zitat:

Ich bin irgendwie unschlüssig ob ich ein Buch von Thomas Mann oder den anderen Manns anfangen soll.

Hm, wenn man nur ein Buch von den ganzen Manns zum Lesen auswählen soll, würde ich sagen: Der Untertan von Heinrich Mann. Vielleicht hat aber jemand mehr von den Manns gelesen als ich und kann eine bessere Empfehlung geben.




LX.C - 20.11.2005 um 13:56 Uhr

Diese Nachricht wurde von LX.C um 14:00:19 am 20.11.2005 editiert

Na ja, vielleicht kommt das aufs Alter oder die Reife an. Wenn man jung ist, würde ich von Heinrich Mann "Professor Unrat" empfehlen. Von Thomas wären kürzere Sachen wie eben der "Tristan“ oder "Tonio Kröger“ wie gesagt ein guter Einstieg, um sich nicht in einer eventuellen Langatmigkeit der Lektüre zu verzetteln.

Ich persönlich finde den Plot von "Tristan“ nicht anspruchsloser als den von "Tonio Kröger“, eigentlich sogar im Gegenteil. "Tonio Kröger" behandelt egoistische Liebesmotive, "Tristan" neben einem Liebesmotiv den Blick auf das vergängliche Leben, wie wir neben den schlechten Seiten dessen schöne Seiten nutzen, fördern und aufsaugen sollten, oder es oberflächlich ableben können. Zumal kann ein nicht allzu schwerer Plot ja eben auch förderlich für einen Einstieg sein.

Hab mich übrigens aufgrund deiner Rezension für "Tristan" entschieden, Arne, auch wenn sie vielleicht kritisch verfasst ist, was ja nicht schlimm, sondern deine persönliche Sichtweise ist oder war. Trotzdem hat sie mir geholfen, mich zu orientieren.




Mania - 20.11.2005 um 14:15 Uhr

Ich glaub ich werd mich mal überwinden müssen. Es gibt so viele Bücher,die ich auf anhieb lesen will, aber die Manns gehören nicht dazu. ich kanns mir nicht erklären.



LX.C - 20.11.2005 um 14:19 Uhr

Ja, ich verstehe dich, mir ging und geht es immer noch ähnlich. Man MUSS ja auch nicht, man kann die Manns auch lassen ;-)



Mania - 20.11.2005 um 14:24 Uhr

Ja sicherlich. Aber irgendwie auch schade drum oder?



Kenon - 20.11.2005 um 14:30 Uhr

Zitat:

Ich persönlich finde den Plot von "Tristan“ nicht anspruchsloser als den von "Tonio Kröger“, eigentlich sogar im Gegenteil.

Das würde ich auch gar nicht bestreiten wollen. Was mich an Tristan aber etwas gestört hat, war, dass die Erzählstruktur so durchschaubar ist, während sie sich beim Tonio Kröger nicht derart in den Vordergrund drängt. Aber wie alles sind das natürlich nur persönliche Betrachtungen.




Hermes - 15.11.2007 um 21:10 Uhr

Zitat:

Na ja, vielleicht kommt das aufs Alter oder die Reife an. Wenn man jung ist, würde ich von Heinrich Mann "Professor Unrat" empfehlen. Von Thomas wären kürzere Sachen wie eben der "Tristan“ oder "Tonio Kröger“ wie gesagt ein guter Einstieg, um sich nicht in einer eventuellen Langatmigkeit der Lektüre zu verzetteln.

Ich habe mich gerade an "Professor Unrat" immer wieder verzettelt. Das Taschenbuch, von seinem Umfang her wirklich nicht eben abstoßend, habe ich mehrfach zur Hand genommen, begonnen zu lesen aber immer wieder aufgegeben. Ich war einfach immer wieder enttäuscht, da mir der Titel und das, was man über das Werk gehört und gelesen hatte, mehr versprochen hatte.

Stattdessen las ich einiges von Thomas Mann, gar nichts von Heinrich (auch nicht den "Untertan"), und den "Mephisto" vom unglücklichen Klaus.




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