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--- Arne Pahlke - Café Moral

LX.C - 05.12.2005 um 08:29 Uhr

"Café Moral" stelle ich nun vor, da es meiner Meinung nach zu früh und unberechtigt auf den Grabbeltischen der Buchhandlungen landete. (Dort fand man es einst und lies es mir zukommen, worüber ich mich heute noch freue.) Genial ausgeklügelt, genial gedichtet, genial verdichtet, und doch zu wenig beachtet, vermute ich, sonst wäre es wohl nicht dazu gekommen, dass es bis zum Zeitpunkt dieser Buchvorstellung zu keiner Neuauflage gekommen ist. Aber widmen wir uns nun dem Inhalt:

Die Freunde Mirko und Alexander, beide Mitte zwanzig, sind Dichter und treffen sich in ihrem Stammlokal, dem Café Moral. Hierbei handelt es sich um ein Literaturcafe, in dem ausschließlich in Reimform gesprochen werden darf.
Mirko, Nihilist und leidenschaftlicher Hasser der Gesellschaft, oft schon am Nachmittag angetrunken und immer etwas nachlässig mit seinem Äußeren, hat Alexander bei einer Lüge ertappt und wirft ihm streitsüchtig Unmoral vor, worauf die beiden auf Alexanders Drängen hin eine Wette abschließen, die beweisen soll, dass Mirko kein bisschen besser ist als sein Freund.
Das Drama nimmt unaufhaltsam seinen Lauf, da Mirko nicht nur nicht lügen darf, sondern sich auch verpflichtet hat, die Wahrheit nicht zu verschweigen.
Aus diesem Grund muss er Dichterkollegen und Liebschaften, wie nie zuvor, vor den Kopf stoßen, wodurch sein eigenes Lebensgerüst und seine nahen Lebensziele ins Wanken geraten, welche ganz offensichtlich doch nur durch das Verschweigen bestimmter Tatsachen oder durch Lügen aufrechtzuerhalten wären. Immer wieder bewegt er sich durch diesen unerwarteten Zwiespalt auf einem schmalen Grad zur Doppelmoral, denn eigentlich möchte er retten, was zu retten ist. So bekommt Mirko in aller Härte zu spüren, wie schwierig es ist, seine eigenen Moralvorstellungen bewusst umzusetzen.
Da er sich vor seinem Freund Alexander jedoch nicht die Blöße geben will, einzugestehen, auch nur ein "heuchlerisches" Mitglied dieser von ihm so verhassten Gesellschaft zu sein, und weil er zudem an seinen Dichterkollegen niemals zehn seiner besten Gedichte abtreten will, denn dieser Kunstraub, wie er es nennt, ist der Wetteinsatz, versucht er sein Bestes zu geben, die Wette zu erfüllen.

"Café Moral" ist im Jahr 2000 erschienen und spielt in der Gegenwart. Man kann es als modernes und doch zeitloses Bühnenstück bezeichnen, das mit sehr viel Charme und Ironie geschrieben wurde, ohne die Ernsthaftigkeit des Themas anzuzweifeln oder es gar ins Lächerliche zu ziehen.
Das Stück ist in fünf Szenen unterteilt und in einem flüssigen Schreibstil gehalten, welcher der Umgangssprache, trotz der Reimform, sehr nahe kommt. So bleibt es authentisch und wird über die 159 Seiten keineswegs anstrengend oder langweilig. Als Besonderheit ist noch hervorzuheben, das Buch ist im Querformat gedruckt, was ein Schmunzeln und frischen Wind in die Lesegewohnheiten bringt. "Café Moral", ein köstliches Vergnügen.




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