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-- Prosa
--- Herr Johann

hwg - 18.05.2006 um 14:19 Uhr

Herr Johann

Im Schatten der Mauer unter dem hohen roten Dach der Kirche geht der Herr Johann. Er geht sehr langsam. Sein schwerer alter Körper ist weit nach vorn gebeugt. Den kahlen Schädel trägt er tief und müde zwischen den Schultern. Mit dem Stock tastet er unsicher über den holprigen Boden der Gasse. Herr Johann ist im vergangenen Monat 90 Jahre alt geworden.

In seinen besten Mannesjahren war der Hans ein Riese mit gewaltigen Schultern und großen, breiten Händen und fuhr mit sichtlicher Begeisterung auf einem ohrenbetäubend knatternden Motorrad durch die Dörfer des Ennstales.

Man erzählt sich heute dort, abends in den Gaststuben, noch wahre Wunderdinge über seine Körperkräfte. Dass er in Öblarn einen wütenden Stier bei den Hörnern packte und zu Boden rang. Dass er ein auf der Alm verunglücktes Kalb schulterte und zum Tierarzt ins sechs Kilometer entfernte Dorf trug. Dass er beim Erntedankfest in Pruggern sämtliche Bauern unter den Tisch soff.

Was daran alles stimmen mag? Niemand weiß es mehr so recht, aber die Geschichten über den Hans werden weitergesponnen.

Jetzt geht der Hans, zu dem nun viele Herr Johann sagen, langsam durch die Gassen der Altstadt von Rottenmann. Und da beobachten ihn die Leute bei seiner Marotte: Er sammelt Papierabfälle. Dort, wo Kinder Keksschachteln, Pappbecher oder Bäckersäcke auf die Erde geworfen haben, bleibt er stehen, liest mit seinen immer noch großen Händen die Dinge auf, steckt sie mühsam in die ausgebeulten Taschen seiner fadenscheinigen Jacke und geht, ächzend und vor sich hinmurmelnd, weiter. Meist braucht er nur wenige Schritte bis zum nächsten Papierstückchen, und so füllen sich seine Taschen schnell.

Am Ende der Gasse, wo die schmale Stiege zwischen den dunklen Torbögen und rissigen Mauern plötzlich in die Helligkeit des Hauptplatzes mündet, bleibt Herr Johann stehen. Langsam, mit mechanischen, etwas unheimlichen Bewegungen entleert er seine prall gefüllten Taschen in den Papierkorb vor der Tabak-Trafik. Sein großflächiges, faltiges Gesicht mit den dicken Tränensäcken ist unbewegt.

Die Leute reden über ihn, sie gebrauchen Worte wie „beschämend“ oder „würdelos“. Dem Herrn Johann ist es jedoch egal. Er ist 90 Jahre alt. Wer fragt da noch nach Leumund?




Hermes - 02.06.2006 um 22:22 Uhr

Die Werte des Herrn Johann sind Hansens´ Werte, und zum Glück hat er ein Alter erreicht, in dem er auf die Ansichten Dritter keine Rücksicht mehr nehmen muss.

Sässe ich auf dem Hauptplatz der Altstadt, könnte ich mir vorstellen, Herrn Johann nach Beendigung seiner Tätigkeit auf die Ruhebank neben mich zu bitten und mit ihm schweigend das Sonnenlicht, das den Hauptplatz erfüllt, zu betrachten...




AuroraDupont - 02.10.2007 um 21:11 Uhr

Das Ist schön, jetzt weiss ich von wem ich das Dichter Blut habe. ^^



DataBoo - 16.10.2007 um 22:27 Uhr

Gefällt mir gut!

Herr Johann gehört einer immer größer werdenden Familie an, nur wenige seiner Brüder und Schwestern werden noch so alt, aber den Gang lernen sie schon früh.

Grüße
DataBoo




hwg - 20.10.2007 um 13:28 Uhr

Für Eure Stellungnahmen besten Dank! Ich komme - klarer Weise aus Zeitgründen (ist keine Ausrede) - relativ selten hierher, deshalb die verspätete Antwort.

Jedenfalls an alle beste Grüße und
Auf Wiederlesen!




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