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--- Welt, Du Gestrüpp!

Kenon - 20.07.2006 um 10:26 Uhr

Was ist die Welt, was ist das Sein? Was heisst Denken? In welcher Beziehung stehen Sein und Denken zueinander? Warum irrt man sich? Warum irrt gerade ein Schriftsteller so viel, warum muss er seine Fehler auch noch dauerhaft festschreiben?

Zitat:

Die Welt des geschichtlichen Handelns [...] ist ein Gestrüpp, ein Dickicht, übersät mit mehr oder weniger bleichen Schatten, Zeichen und widersprüchlichen Botschaften, Lügen, Luftspiegelungen, Fetzen von Wahrheit, verrutschten Zeilen und Hindernissen jeder Art, die dem Fortschreiten des richtigen Denkens im Wege stehen.

Bernard-Henri Lévy: Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts. München 2005, S. 448.




LX.C - 20.07.2006 um 12:16 Uhr

Keine direkte Antwort auf deine Frage, aber doch irgendwie passend:

[Quote]Man muss ganze Reihen von Menschen, wegen ihrer Unfähigkeit zur Anpassung, untergehen und andere, wegen ihres vorschnellen und bedingungslosen Kapitulierens vor jeder Wirklichkeit, verdorren und vertrocknen sehen, um die Gefahr, der jeder ausgesetzt ist und gegen die es wohl für jeden einen Weg der individuellen Rettung, nicht aber der apriorischen Erlöstheit gibt, zu ermessen. Aber es gibt solche Wege, und man sieht eine ganze Gemeinschaft von Menschen – einander helfend, wenn auch dabei mitunter Irrtümer und Verwirrung stiftend – diese Wege siegreich zu Ende gehen. [/Quote]

Lukács, Georg: Die Theorie des Romans, Luchterhand, Neuwied und Berlin 1963, S. 139.

Vielleicht spielt hier der Schriftsteller eine wichtige Rolle, das verdorren und vertrocknen aufzuhalten, egal ob er irrt oder nicht. Ein gedachter Irrtum ist besser als ein lethargisches Sein.




kontuhr - 18.05.2007 um 18:22 Uhr

Diese Nachricht wurde von kontuhr um 18:23:09 am 18.05.2007 editiert

Warum steht der gedachte Irrtum im Gegensatz zum lethargischen Sein? Beide schließen sich nicht aus.

Ersteres zielt doch auf Körperlichkeit ab, letzteres ist geistiger Natur. Verschiedene "Dinge" also.




LX.C - 18.05.2007 um 18:39 Uhr

"lethargisches Sein" im Sinne von: die Welt anteilnahmslos hinnehmen.



DataBoo - 18.05.2007 um 19:06 Uhr


Hi Kenon,

*(...) dem Fortschreiten des richtigen Denkens im Wege stehen.* endet das benutzte Zitat, da stell ich mir doch zwangsläufig die Frage: Was ist bloß *richtiges Denken*?


*Warum irrt gerade ein Schriftsteller so viel, warum muss er seine Fehler auch noch dauerhaft festschreiben?*

Ich glaube nicht an eine Verfehlung, wenn der Schriftsteller seine Fehler fixiert, (jedes Handeln birgt ein Risiko zum Fehler, dafür sind wir Menschen) letztendlich ist es wichtig (oder unwichtig) wie schwer *die Fehler* wiegen und für wen!? Eine Korrektur ist doch nicht ausgeschlossen, es sei denn, er liegt bei den Würmern.




Der_Geist - 18.05.2007 um 21:00 Uhr

randnotiz: das ist der originellste thementitel versalia has ever seen.



kontuhr - 26.05.2007 um 19:06 Uhr

Diese Nachricht wurde von kontuhr um 19:09:28 am 26.05.2007 editiert

Diese Nachricht wurde von kontuhr um 19:08:11 am 26.05.2007 editiert

Warum irrt man so viel?
Warum irrt gerade ein Schriftsteller so viel?

Ist es nicht so, dass der Irrtum immer einer "besseren Version" , einer "richtigen, wahren Alternative" bedarf, um überhaupt Irrtum zu sein?

Ist irren, welches einem bewusst wird, nicht dadurch ein Prozess, dem "Falschen" zu begegnen, denn ich weiß nur vom Irrtum, wenn ich vom Wahren weiß; der Irrtum somit als Beginn einer Entwicklung zum Wahren, nicht als Schlusspunkt.

Zweitens: Die Welt als Gestrüpp offenbart [mir] eine geheimnissvolle, märchenhafte Kraft; gerade weil vieles undurchschaubar ist, ist es wichtig, dass die Literatur versucht, vom wesentlichen zu sprechen und die Philosophie hingegen das Vorhandene denkt, erdenkt, entwirrt (...), jetzt bitte nicht die Philosophie als Instrument der Literaturwissenschaft verstehen :roleeys:
...es sind eben zwei sich ergänzende Verfahrensweisen. Zwei Heckenscheren, um tiefer zu gehen, als die Heckenoberfläche abschätzen lässt....

edit:

so als spontaner Vergleich.
Sorry, er ist schlecht ;)




JH - 26.05.2007 um 23:28 Uhr

Es ist mir unmöglich, es besser auszudrücken und ich will es auch gar nicht:


Das Wort ,,sein" bedeutet im Deutschen beides: Dasein und Ihm gehören.

Franz Kafka.




kontuhr - 27.05.2007 um 11:00 Uhr

Zitat:

Es ist mir unmöglich, es besser auszudrücken und ich will es auch gar nicht:


Das Wort ,,sein" bedeutet im Deutschen beides: Dasein und Ihm gehören.

Franz Kafka.

Willst du es erläutern?`Vielleicht verstehe ich ja etwas anderes darunter...




Gast873 - 27.05.2007 um 13:12 Uhr

Das reine Sein ist in der "Wissenschaft der Logik" etwas völlig anderes (im banalen Sinne) als das Da-Sein, das gediegenere Sein, nachdem das schiere Sein durch Werden (Nicht-Sein) abgelöst wurde und dieses sich selbst permanent vernichtet bestimmt es auf der anderen Seite qua Negation auch noch das Dasein (Nicht-Nicht-Sein). Zunächst einmal soviel.

Kafkas "Ihm (als Possessivpronomen) gehören" kann ich nicht erklären.

Gruß
Hyperion




LX.C - 27.05.2007 um 18:56 Uhr

Kafka meinte das sein von seins – ihm gehören – vermutlich im juristischen Sinne.
Verstehe auch nicht, inwiefern das Zitat zur Aufklärung beitragen soll.




quelle23 - 29.07.2007 um 14:15 Uhr

Was des einen Irrtum ist, ist des anderen Wahrheit.

Das rechte Denken ist immer das was denkt. Was wäre denn das Leben ohne rechts und links ? Aber das ist der Trick: Die Idee die Wahrheit zu verstehen ist der Motor aller Verwirrung.

Relative Wahrheit ist die momentane Bewertung der Gegenwart aufgrund der gedanklich projezierten Vergangenheit.
Absolute Wahrheit ist das was ist.




Hermes - 18.11.2007 um 10:13 Uhr

Zitat:

Kafka meinte das sein von seins – ihm gehören – vermutlich im juristischen Sinne.
Verstehe auch nicht, inwiefern das Zitat zur Aufklärung beitragen soll.

So verstehe ich es auch; Kafka war ja Jurist, von daher scheint das nahe zu liegen...




ohrengold - 20.02.2010 um 00:12 Uhr

Meint´s Ihr nicht, dass Ihr als Gestrüppforscher grad den Blick a bisserl zu sehr gen Boden neigt?



Gast873 - 25.02.2010 um 19:41 Uhr

yep, wir sind echt super gewesen!

hahahaha ahoi LOLO

grüße,
dada




Kakerlakerich - 25.02.2010 um 20:04 Uhr

Meine primären Assoziationen @ Gestrüpp lieber nicht näher ausführend, sage ich nur: gut, dass die Welt noch nicht rasiert ist.



zugast - 26.02.2010 um 14:09 Uhr

Diese Nachricht wurde von zugast um 14:14:17 am 26.02.2010 editiert

Diese Nachricht wurde von zugast um 14:11:02 am 26.02.2010 editiert

Welt du Gestrüpp

Ich gehe mal davon aus, dass hier die Rede von Wahrheiten ist, die psychologischer , soziologischer und gesellschaftspolischer Art sind. Literatur hat nämlich typischerweise mit solchen Themen zu tun. Dazu später noch was.

Die Wissenschaftsphilosophie geht übrigens auch davon aus, dass jedweder naturwissenschaftliche Ansatz ebenfalls nur der Anfangspunkt einer Wurzel eines Gestrüpps ist. Man glaubt jeder Fortschritt in einer wissenschaftlichen Disziplin ist lediglich eine umfangreichere Durchdringung der ursprünglichen Problemstellung.
Z.B. wurden die newtonschen Gesetze zur Mechanik ( man dachte, diese seien abschließend richtig) von Einstein derart modifiziert, dass dem Umstand Rechnung getragen wurde, dass bewegte Körper ihre eigene Zeit mit sich führen. Zur Zeit Newtons war dies ohne Bedeutung. -Heute im Satellitenzeitalter aber unverzichtbar. Die Philosophie geht daher nicht ohne Grund davon aus, dass alle Erkenntnisse, so richtig sie auch sein mögen ( von den falschen ganz zu schweigen) irgendwann von umfassenderen, "richtigeren" ersetzt werden, ohne dass jemals ein Endpunkt erreicht wird.
Objektive Wahrheiten sollen danach nicht nur unerreichbar sein, sondern es soll sie nicht einmal geben. Der Mensch wirft sein Erkenntnissystem ( Mathematik, Physik) wie ein Netz über die physikalische Welt und versucht sie damit zu fassen, was immer nur fragmentarisch gelingt. Eigenartigerweise werden durch Verbesserungen und Korrekturen einer ursprünglichen Theorie wieder mehrere neue Fragen aufgeworfen, so dass in gewisser Hinsicht die offenen Fragen exponentiell zunehmen, ohne die teilweise beantworteten endgültig geklärt zu haben.
( ich persönlich halte das aber für unrichtig.
Mein Laptop würde nicht funktionieren, wenn es keine objektiven physikalischen Erkenntnisse gäbe. Obwohl, er funktioniert oft genug auch nicht, haha).

Was ich damit sagen will ist folgendes: Wenn schon die "exakt messbare Welt" von vielen als niemals zu durchdringendes Dickicht angesehen wird, wie sehr muss dies erst für den normativen, rein subjektiv erlebbaren Teil der Welt gelten.

Mein Lieblingsspruch:

Ich glaube, dass nichts wirklich ist. Alles ist nur der Traum eines Hundes.




Namesi - 27.02.2010 um 14:36 Uhr

Zum Lieblingsspruch von zugast (Ich glaube, dass nichts wirklich ist. Alles ist nur der Traum eines Hundes), der wohl in etwa Woody Allen zuzuschreiben ist, wenn man einschlägigen Zitatesammlungen glauben darf, hier eine kleine Ergänzung von Paul Auster:

"Wenn man die Buchstaben des Wortes `DOG´ herumdreht, was bekommt man dann?"

Dieser Satz entstammt einer Zitatensammlung im Netz, der leider die genaue Quelle nicht zu entnehmen ist. Vielleicht kennt sie ja jemand ...




zugast - 27.02.2010 um 17:39 Uhr

Diese Nachricht wurde von zugast um 17:42:41 am 27.02.2010 editiert

Diese Nachricht wurde von zugast um 17:41:48 am 27.02.2010 editiert

Ich glaube, dass nichts wirklich ist. Alles ist nur der Traum eines Hundes.


Woody Allen sagt diesen Spruch in seinem Film "Zelig".
Ob er auf seinem Mist gewachsen ist , weiß ich nicht. Kann ebensogut ein Drehbuchschreiber gewesen sein.
Dafür, dass der Spruch einfach übernommen wurde, spricht: Der Film selbst ist eher schwach, der Ausspruch genial.
Man muss sich nur mal den passenden Menschen zu diesem Spruch vorstellen, dem dieser plausibel erscheint und schon hat man gute Laune.
zugast




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