Zitat:So wäre ein Schachtelsatz am Anfang für mich z.B. eine Nagelprobe, ob ich mich von jemandem mitnehmen will: ich gebe gerne zu, dass ein Gut gebauter Schachtelsatz (also einer, der logisch aufgebaut ist und trotz seiner Länge nicht dazu führt, dass ich irgendwo den Faden verliere) für mich ´n bisschen die Meisterklasse darstellt.
Maßgeblich sind für mich andere Kriterien: schmeißt jemand mit Adjektiven um sich, benutzt jemand Füllworte, Redundanz, ohne damit zum Beispiel eine Figur zu charakterisieren. Betreibt da jemand Kunsthandwerk?
Aber gut, das führt jetzt von diesem thread weit weg, weswegen ich dazu einen neuen eröffne.
http://www.versalia.de/forum/beitrag.php?board=v_forum&thread=3127
Joseph_Maronni - 07.11.2007 um 23:19 Uhr
fein fein, immer kräftig gerührt. ;)
Hermes - 10.11.2007 um 11:25 Uhr
"Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine."
Joseph Freiherr von Eichendorff - Aus dem Leben eines Taugenichts
Hermes - 10.11.2007 um 11:32 Uhr
"Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum schon grün war und selbst die Klosternußbäume schon ihr rötliches Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stacheligen Früchte fallen, die nicht in jedem Jahr reif wurden, um welche die Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet."
Hermann Hesse - Narziß und Goldmund
Kritikatur - 16.11.2007 um 19:57 Uhr
Diese Nachricht wurde von Kritikatur um 19:58:18 am 16.11.2007 editiert
Es schneit Jasminblüten.
Und ich schwebe in dem Jasminblütenschnee ganz langsam, als hätte ich Zeit - viele Tausend Jahre nur so hinzuschweben in duftenden Blüten.
Paul Scheerbart - Liwuna und Kaidoh
Namesi - 17.11.2007 um 00:18 Uhr
Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind.
Albert Sánchez Pinol - Im Rausch der Stille
annahome - 18.11.2007 um 02:36 Uhr
"Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens. Schon längst tat ich meinen letzten Atemzug, schlug mein Herz ein letztes Mal, doch niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser Mörder."
"Rot ist mein Name" Orhan Pamuk
Joseph_Maronni - 18.11.2007 um 08:15 Uhr
Aus aktuellem Anlass hier ein Hinweis auf die Sparte "Buchanfänge", für diejenigen, die gerne mehr als einen schönsten ersten Satz schreiben möchten:
http://www.versalia.de/forum/beitrag.php?board=v_forum&thread=1180
Der schönste erste Satz ist nun mal gemeint als ein Satz.
JH - 05.01.2008 um 22:23 Uhr
Ich will nicht helfen, ich will Kuchen.
annahome - 07.01.2008 um 00:56 Uhr
Zitat:
Der schönste erste Satz ist nun mal gemeint als ein Satz.
Guter Joseph_Maronni.
Wie schwer es doch ist, "den ersten Satz" als nur einen Satz - und dann noch als den Schönsten - wirken zu lassen, haben wir wohl bemerkt. Die meisten schönsten Sätze benötigen anscheinend - nach den Gusto der Versalia-Schreiber - doch mindestens zwei.
Und, auch wenn Du es mit Bravour und Eifer zu den meisten Einsatz-sätzen gebracht hast, befürchte ich fast, dass es heißt:
"Nichts zu machen"
(Samuel Beckett- warten auf Godot).
Gast873 - 07.01.2008 um 11:49 Uhr
Diese Nachricht wurde von Hyperion um 11:59:34 am 07.01.2008 editiert
@mania:
schön, dass du gerade Fontane und Flaubert in einem Atemzug nennst! Auch ich finde die Epoche des Realismus stinklangweilig, zum Gähnen, einfach furchtbar, die beiden können keinen einzigen schönen Satz schreiben :-).
Wir sind uns auf einem hohen Niveau also einig. Da ist nur der Migräniker von Sils Maria als "wirklicher" Sprachkünstler und kritischer Beobachter seiner Zeit zu nennen, ihm kann kein Deutscher aus jener Zeit das Wasser reichen.
Gruß,
ein freier Grieche
P.S.:
Zitat:
"Ich bin nicht Stiller!"
Na, aus welchem Roman stammt denn dieser Satz wohl?
Hermes - 14.02.2008 um 19:28 Uhr
Zitat:@mania:
schön, dass du gerade Fontane und Flaubert in einem Atemzug nennst! Auch ich finde die Epoche des Realismus stinklangweilig, zum Gähnen, einfach furchtbar, die beiden können keinen einzigen schönen Satz schreiben :-).
P.S.:
Zitat:
"Ich bin nicht Stiller!"
Na, aus welchem Roman stammt denn dieser Satz wohl?
1.) Kann ich nicht nachvollziehen. Beide ähnlich im Stil, aber nicht langweilig, nicht zum Gähnen, vielleicht nicht so schön wie Hesse oder Eichendorff, aber mit Talent für lange, verschachtelte, die Gesamtsituierung der Handlung umfassende erste Sätze. Kann auch nicht jeder.
2.) Gantenbein?
Loris - 07.04.2008 um 00:48 Uhr
Bei uns in der Wg liegt der Roman "Feuchtgebiete" von der entzückenden Charlotte Roche herum; es muss meiner Mitbewohnerin gehören. ;)
Der erste Satz lautet:
"Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden."
Ich musste sehr laut lachen.
annahome - 07.04.2008 um 01:09 Uhr
ha ha !
"schön" ist weder der erste satz, noch das buch.
mutig, wenn du das buch lesen willst.
charlotte roche ist gerade auf tour ..
ich sage mal, aus erfahrung, es lohnt sich, ihre lesung zu besuchen.
gruß
werbetrommel
Gast873 - 07.04.2008 um 01:51 Uhr
@Hermes: Ich würde gerne diesbezüglich hier: http://www.versalia.de/forum/beitrag.php?board=v_forum&thread=2788 weiter diskutieren, vorausgesetzt, nur/auch LX.C-Alex wäre dazu wie in alten Zeiten bereit ;-)))))
Gruß,
Hyperion
Fluss - 07.04.2008 um 12:28 Uhr
Zitat:
Als das Telefon klingelte, war ich in der Küche, wo ich einen Topf Spaghetti kochte und zu einer UKW-Übertragung der Overtüre von Rossinis ´Die diebische Elster´ pfiff, was die ideale Musik zum Pastakochen sein dürfte.
Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel
almebo - 07.04.2008 um 17:24 Uhr
Zitat:Zitat:
Als das Telefon klingelte, war ich in der Küche, wo ich einen Topf Spaghetti kochte und zu einer UKW-Übertragung der Overtüre von Rossinis ´Die diebische Elster´ pfiff, was die ideale Musik zum Pastakochen sein dürfte.
Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel
Weil sich Rossini in den letzen Jahren seines Lebens
intensiv der Kochkunst widmete, muss ihn diese Leidenschaft "zur Komposition der "Diebischen Elster" angeregt haben.Mir schmecken heute noch gut die "Tournedos-Rossini"...LECKER!
al
Regina - 16.04.2008 um 11:07 Uhr
"Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen."
Uwe Johnson - Mutmassungen über Jakob
"It was the day my grandmother exploded."
Iain Banks - The Crow Road
almebo - 18.04.2008 um 17:59 Uhr
Unfrisierte Gedanken, von Stanislaw Jerzy LEC !
Schon mal gelesen? Man sollte es tun!
Die unfrisierten Gedanken sind witzige, geistreiche und präzise "Kleinstkommentare" und Denkanstöße zu politischen, gesellschaftlichen, moralischen und philolophischen Fragestellungen.
In den scheinbar leichtfüssigen Spott, mit dem er die Gegenstände seiner Kritik - Fanatismus, Intoleranz, Verlogenheit, Denkfaulheit - überzieht, mischen sich auch schwermütige Töne.
Mit "Unfrisierten Gedanken" hat der polnische
Schriftsteller die Gattung des Aphorismus erneuert und aufgewertet
Viele seiner Aussprüche sind als geflügelte Worte in die Alltagssprache eingegangen und sprichwörtlich geworden.-
Sehr zu empfehlen!
Gruss
al
Regina - 18.04.2008 um 20:43 Uhr
Dieser Empfehlung kann ich mich nur anschließen.
"Daß er starb, ist noch kein Beweis dafür, daß er gelebt hat."
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller."
Der_Geist - 18.04.2008 um 21:55 Uhr
Zitat:
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller."
... oder noch eine Schippe drauf und erweitert auf Bukowskis Grabsteininschrift: "Don´t try"