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--- Hesse über Jean Paul

Gast873 - 10.01.2008 um 17:14 Uhr

Diese Nachricht wurde von Hyperion um 17:18:28 am 10.01.2008 editiert

Ein Auszug aus einem wunderschönen Hesse-Essay:

Zitat:

Wenn ein moderner Leser zum ersten Mal Jean Paul zu lesen versucht, so liest er meistens eben auf moderne Art, rasch, ungeduldig, sofort zur Kritik und zu Widerwillen bereit, er kommt zum Dichter nicht wie zu einem Arzt oder Priester oder Erlöser, sondern wie zu einem Akrobaten, rasche Zerstreuung, eilige Sensation begehrend. Und da versperrt sich die Dichtung, ihre Blumenkelche, ihre sprechenden Augen schließen sich zu, ihr Duft entflieht, ihr Wert erblasst. Von einem modernen Feuilleton weg zu Jean Paul zu kommen, ist gerade so, wie von einer Kaffeehausmusik zu Mozart zu kommen. Da braucht es reinere Sinne, erzogenere Gefühle, wärmere Hingabe, wachere Bereitschaft.

Hermann Hesse: "Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen", Dritte Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1970, S. 217 f.

Gruß
T.S.




Hermes - 11.01.2008 um 12:54 Uhr

Ja, das ist Hesses bekannt weiche und rhythmische Bildersprache. Erinnerte mich gleich an die Anfangszeilen von "Narziss und Goldmund":

"Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum schon grün war und selbst die Klosterbäume schon ihr rötliches Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stacheligen Früchte fallen, die nicht in jedem Jahr reif wurden, um welche die Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. Fremd und zärtlich ließ der schöne Baum seine Krone überm Eingang zum Kloster wehen, ein zartgesinnter und leicht fröstelnder Gast aus einer anderen Zone, verwandt in geheimer Verwandtschaft mit den schlanken sandsteinernen Doppelsäulchen des Portals und dem steinernen Schmuckwerk der Fensterbogen, Gesimse und Pfeiler, geliebt von den Welschen und Lateinern, von den Einheimischen als Fremdling begafft."




Gast873 - 14.01.2008 um 14:14 Uhr

Hesse hat eine musikalische Sprache. Ich gebe zu, ich habe ihn seit zehn Jahren schon mächtig unterschätzt, weil mir Fichte, Hegel und Co. den Kopf mit ihrer Wissenschaftlichkeit etwas verdorben haben. Das merkte ich jetzt erst neulich, nachdem ich so tolle Aufsätze von Hesse gelesen hatte.

Das obige Zitat ist auch im "Siebenkäs" als Nachwort von Hesse zu Jean Pauls Roman im Insel-Verlag erschienen.




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