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--- Paul Léautaud

Der_Stieg - 12.02.2009 um 22:29 Uhr

Paul Léautaud – erstes Rantasten in der Begeisterung des Fürmichentdeckthabens

Gelebt hat er 18.1.1872 – 22.2.1956; entdeckt habe ich ihn in der Zeitschrift Sinn und Form, Ausgabe Mai/Juni 1999, in drei Artikeln, und zwar a) in einem von Adam Zagajewski (über den Genannten), b) im Gespräch mit Robert Mallet, und c) in einem Auszug aus seinen literarischen Tagebüchern, in diesem Fall datiert auf 1942.

Schön, wenn man zwischen all den Sartres und Vians und Racines und Valérys plötzlich dieses Unikum entdeckt (die Fotos im Netz ...); schön, weil (Zitat Adam Zagajewski): „Immer wenn ich mich als Leser von Paul Léautaud zu erkennen gab, musterten mich meine französischen Bekannten erstaunt. Er galt als Sonderling, als zweitklassiger Autor; zudem hatte er nie einen Roman geschrieben. Er besaß keine Einbildungskraft, das gab er selbst zu. Statt dessen notierte er jahrzehntelang in seinem ‚literarischen Tagebuch’ (‚Journal littéraire’) Tausende von Begebenheiten und Debatten.“

Und genau das fasziniert mich an diesem Menschen und seinen Schilderungen: Man geht mit ihm in Paris umher, z. B. Katzenfutter kaufen, als ginge mal selbst in diesem Moment durch die Stadt der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts; jede Straße, jedes Geschäft wird genannt; ich denke, man könnte heute, hätte man die Zeit zur Verfügung, mit einem Plan von Paris in der Hand, seine Wege noch immer nachgehen, ähnlich denen Balzacs. Léautaud hat (auch literarische) Geschichte festgehalten durch seine u. a. journalistische Tätigkeit z. B. für den Mercure de France.

Zitat:

Léautaud war klein und hässlich, seine Nase ragte spitz auf wie ein Blitzableiter. Er war Individualist, aber weil es ihm ewig an Geld mangelte, hielt man ihn für einen Sonderling. Er achtete nicht auf sein Aussehen und trug im Winter manchmal zwei Röcke übereinander. (Einen Mantel besaß er nicht.) Ständig schleppte er große Taschen mit Futter für Hunde, Katzen und eine Meerkatze mit sich herum. Zeitweise versorgte er 45 Katzen.

Ach, wer kennt das nicht: man liest eine Zeitschrift, noch einen Artikel, und noch einen, und noch einen ... Moment, da war doch was; halt!, nochmal lesen, und dann ...

... ist Léautaud wieder im Gespräch: man baut sein chaotisches Arbeitszimmer nach im Museum Carnavalet, seine Bücher werden neu aufgelegt, man dreht einen Film über seine langjährige Beziehung zu einer Frau, die er in seinen Aufzeichnungen zärtlich „Le Fléau“ („Die Geißel“) nennt; man erfährt, dass sein Vater, dessen ungewöhnlicher Beruf den Sohn faszinierte, Souffleur an der Comédie Française war und außerdem sein Leben lang erotischen Abenteuern hingegeben; Zagajewski über Léautaud: „Er wurde zum Souffleur der französischen Literatur, der nicht so sehr einflüsterte, was gesagt werden sollte, als vielmehr das Gesagte verlachte.“ Man liest über
Zitat:

... seine Schwächen ..., blicken in Abgründe. Es gibt kaum ein Tabu, das Léautaud nicht gebrochen hätte. Er spricht vom Masturbieren und von seiner Hässlichkeit. Er bringt es fertig zuzugeben, dass ein unverhoffter Gast seinen vollen Nachttopf auf dem Fußboden stehen sah.
Zitat:

Da sein inneres Leben nicht allzu heftig sprudelte, blieb ihm lediglich das Amt des Chronisten, der die Begebenheiten beflissen notiert. ... Sein Beobachtungsfeld war hauptsächlich das literarische Paris, vom Schreibtisch des Mercure de France aus betrachtet. ... Das literarische Paris! Jahrmarkt der Eitelkeiten! ... Léautaud verfolgte die Taktiken der Pariser Literaten ... (und ihn zitiert) „Lächerlichkeit macht mir nichts aus. Ich werde auch die bedenklichen Seiten meines Lebens nicht auslassen. Also Nachttopf und Masturbation“, das Schwanken, ob er das von einem Kunstmäzen angebotene Geld nehmen soll oder nicht.“

"Begegnet" Verlaine.
Zitat:

Der junge Léautaud erblickte eines Tages im Café den von Krankheit gezeichneten Dichter. Er kaufte einen Veilchenstrauß und ließ ihn Verlaine durch einen Jungen überreichen. Heimlich beobachtete er die Übergabe. Diese kleine Begebenheit steht sozusagen als Motto über den dickleibigen Tagebüchern. Ein Veilchenstrauß für einen Dichter von einem schüchternen Verehrer.
Adam Zagajewski fragt sich, was ihn denn an diesen seltsamen Tagebüchern des Léautaud fasziniere, in denen man
Zitat:

auf so viele langweilige, triviale, obskure Bruchstücke stößt?
; denkt, die Antwort müsste lauten:
Zitat:

Es ist das Triviale, Bescheidene, Alltägliche und Sich-ständig-Wiederholende, das in ihm einen verlässlichen und unromantischen Seher findet. Léautaud scheint sagen zu wollen, schaut, da gibt es doch auch die kleinen Dinge, die von erstrangigen Autoren verachtet werden. Ich greife zu Léautaud, um mich vom Schauer des Gewöhnlichen durchrieseln zu lassen. Die Unordnung der Welt offenbart sich nämlich an beiden Enden der Skala, in der Tragödie wie in der Trivialität, im Hässlichen. Bei Racine wie bei Léautaud.

(fürs Erste)




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